Durch das katastrophale Erdbeben, den Tsunami und die Nuklearkatastrophe im März 2011 wurde in Japan die Produktion von Schlüsselkomponenten gestoppt, von denen viele globale Lieferketten abhängig sind. Der plötzliche Ausfall dieser wichtigen Materialien aus dem Produktionsprozess führte zu einer Neubetrachtung der Funktionsweise dieser Lieferketten. Aber solche Schwachstellen beschränken sich nicht nur auf den Produktionssektor. Auch die Finanzindustrie hat kürzlich ihre eigene «Lieferketten»-Kernschmelze erlebt.

Der Zusammenbruch von Lehman Brothers im Jahr 2008 betraf nicht nur die globalen Finanzmärkte. Er brachte auch den Welthandel praktisch zum Stillstand, da sich Grossbanken aus Angst vor der Zahlungsunfähigkeit der Gegenseite nicht mehr untereinander finanzierten. Das einfache Banksystem der Vergangenheit, das auf der Konzentration von Ersparnissen zur Finanzierung des Geldbedarfs von Kreditnehmern beruhte, hatte sich zu einer hochkomplexen – und globalen – Lieferkette mit Ausfallrisiken entwickelt, die vergleichbar mit denen in Japan im letzten Frühjahr waren.

Die Lieferketten des Finanzwesens und des Produktionssektors haben drei Schlüsselfunktionen gemeinsam: Architektur, Feedback-Mechanismen und Prozesse. Ihre Robustheit und Effizienz hängt davon ab, wie diese Komponenten interagieren.

Konzentration der Finanzzentrenbirgt systemische Risiken

In der heutigen Finanzarchitektur besteht ebenso wie in anderen Lieferketten die Tendenz, dass sich miteinander verflochtene Netzwerke in mächtigen Zentren konzentrieren. Beispielsweise wird das internationale Finanzwesen von lediglich zwei Finanzzentren, London und New York, dominiert, und lediglich 22 Firmen betreiben 90 Prozent des globalen Währungshandels. Eine solche Konzentration ist sehr effizient, aber sie trägt auch zu grösseren systemischen Risiken bei, da bei einem Ausfall führender Zentren das gesamte System zusammenbrechen kann.

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Offene Feedback-Mechanismen stellen die Fähigkeit einer Lieferkette sicher, auf wechselnde Rahmenbedingungen zu reagieren, aber im Fall finanzieller Lieferketten können Feedback-Mechanismen Schocks verstärken und zum Zusammenbruch des gesamten Systems führen. Genau solch eine Explosion wurde von der Lehman-Brothers-Pleite ausgelöst. Das Finanzsystem konnte nur noch durch staatliche Eingriffe gerettet werden.

Schliesslich können die Vorgänge innerhalb von Lieferketten und die Feedback-Interaktionen zwischen ihnen dazu führen, dass das System grösser oder kleiner wird als die Summe seiner Teile. Da ein komplexes Netzwerk Verbindungen zwischen vielen Teilnetzwerken umfasst, können einzelne Ineffizienzen oder Schwachpunkte das Überleben des Gesamtnetzwerkes beeinflussen.

Wie die Produktionslieferketten nach der japanischen Katastrophe sind Finanzlieferketten grossem Druck ausgesetzt, sich zu erneuern und sich der Verschiebung des globalen wirtschaftlichen Gleichgewichts hin zu den Entwicklungsländern anzupassen. Im Zuge dessen wird die Mittelklasse dieser Länder um Millionen Menschen zunehmen, neue soziale Netzwerke werden entstehen, und der Klimawandel wird im Welthandel eine immer grössere Rolle spielen.

Zusätzlich führen grosse regulatorische Reformen dazu, dass der Finanzsektor neuen und höheren Kosten ausgesetzt ist. Ebenso stehen Banken und andere Institutionen unter dem Druck, neue Finanzprodukte aufzulegen, die der Realwirtschaft dabei helfen, komplexere Risiken auszubalancieren und Investitionen in Entwicklungsländern in Bereichen wie grüne Technologie und Infrastruktur zu tätigen.

Darüber hinaus hängt die globale Stabilität des Finanzwesens heute von grösserer Kooperation auf internationaler Ebene und gleichzeitig strengerer Durchsetzung von Regeln auf nationaler Ebene ab. Auch ist klar, dass Entwicklungsländer nach alternativen Wachstumsmodellen suchen, die umweltfreundlich und nachhaltig sind. Ihre Finanzsektoren müssen in ihrer Funktionsweise deutlich vom bestehenden, vom Konsum getriebenen Modell abweichen.

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Es stellen sich Fragen zur globalenBeschränkung der Ressourcen

In einer Welt, in der sowohl Konsum als auch das Finanzwesen langsamer wachsen müssen, um sich globalen Beschränkungen im Bereich Ressourcen und Umwelt anzupassen, stellt sich die Frage, welche Rolle der finanzielle Sektor bei der Reduzierung von untragbarer Blasenbildung und Konsumsucht spielen kann. Und welche Rolle spielt angesichts der Tatsache, dass Finanzinstitutionen für sich und ihre Kunden Risiko auf radikal andere Weise überwachen und handhaben müssen, die Verteilung in einer Welt, in der Konsum, Ersparnisse und Investitionen an Volatilität zunehmen?

Finanzielle «Produktion» ist momentan ein Vorgang, der von oben nach unten stattfindet. Die Instrumente sind so beschaffen, dass ihr Verkauf den Finanzingenieuren mehr Profit einbringt als den Endverbrauchern. Aber der Aufstieg interaktiver sozialer Netzwerke hat dazu geführt, dass Finanzinnovationen immer mehr von unten nach oben wirken. Millionen von Bankkunden können anhand ihrer Mobiltelefone augenblicklich entscheiden, welche Produkte und Dienstleistungen sie mögen oder nicht. Zukünftig werden Kundendienst- und Transaktionsverwaltungssysteme mehr Informationen von Kunden in kürzerer Zeit erhalten, was zu mehr Interaktivität im Produktdesign führen wird.

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Kundenvertrauen muss man mit neuen Dienstleistungen gewinnen

Die momentane Strategie im Finanzsektor fördert übermässigen Wettbewerb durch den Zwang zur Vergrösserung von Marktanteilen auf Kosten der Konkurrenz, häufig verbunden mit Vertrauensbruch gegenüber den Kunden zwecks kurzfristiger Gewinne. In der Vergangenheit hat der Finanzsektor aber bereits bewiesen, dass er durch vertrauenswürdige und effiziente Dienstleistungen zum öffentlichen Wohl beitragen kann. Damit finanzielle Lieferketten sich zukünftig im Wettbewerb durchsetzen können, müssen sie das Vertrauen schaffen, dass sie den meisten Kunden sichere, stabile und effiziente Dienstleistungen bieten können.

Im letzten Jahrhundert fand Innovation hauptsächlich bei Prozessen, Produkten und Dienstleistungen statt. Um das Vertrauen in die Finanzwelt wiederherzustellen, benötigt der Finanzsektor heute Innovationen einer höheren Ordnung, welche Geschäftsmodelle, Strategie und Managementansätze einschliessen. Ebenso wie Steve Jobs von Apple die Computerindustrie durch Lifestyle-Produkte und sehr verlässliche, benutzerfreundliche und «coole» Dienstleistungen transformierte, müssen Finanzinstitutionen neue Wertschöpfungsketten einführen, die durch die Anpassung an die wachsenden Bedürfnisse neuer Märkte Vertrauen schaffen.

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Angesichts solch grundlegender Veränderungen sollten führende Mitarbeiter der Finanzbranche darüber nachdenken, wie sie eine neue finanzielle Lieferkette gestalten können – die «Killer-App» für unser beginnendes neues Jahrhundert.

Andrew Sheng ist Präsident des Fung Global Institute in Hongkong und führender Berater der chinesischen Bankenaufsichtskommission. Er ist ehemaliger Vorsitzender der Kommission für Wertpapiere und Futures von Hongkong.© Project Syndicate, 2012