Der Ölpreis abermals die 50-Dollar-Marke geknackt - und diesmal könnte er sich dort vielleicht etwas länger halten als nur wenige Stunden. Nach zwei starken Handelstagen kostete ein Barrel (159 Liter) der Nordsee-Sorte Brent im Laufe der Woche zeitweise mehr als 52 Dollar. Als Ursache für den Preisanstieg machten Ölhändler den schwächelnden Dollarkurs aus sowie Produktionsausfälle in Venezuela, Nigeria und Kanada. Schon im Mai war Öl mit einem Durchschnittspreis von 47,74 Dollar je Barrel viel teurer als im Januar, als der Preis sogar unter 30 Dollar gefallen war, den tiefsten Stand seit einer Dekade.

Seitdem ging es stetig aufwärts: Allein von April auf Mai verteuerte sich Öl um mehr als zehn Prozent. Von einem nachhaltigen Trend mögen die vorsichtigen Forscher des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI) dennoch nicht sprechen. «Das waren zum Teil auch besondere Einflüsse», sagt HWWI-Energieexperte Leon Leschus. So wüteten in Kanada wochenlang schwere Waldbrände und brachten die Ölförderung oder den Transport stellenweise zum Erliegen.

Produkte günstiger als vor einem Jahr

Die Konsumenten in der Schweiz spüren den Preisanstieg an der Tankstelle oder beim Heizölkauf. Ölprodukte haben sich seit Januar verteuert, aber sie sind immer noch günstiger als vor einem Jahr. Die Benzinsorte Bleifrei 95 kostete beispielsweise im Monatsmittel für den Mai 1,43 Franken. Der Preist stieg damit gegenüber den beiden vorangegangen Monaten um je fünf Rappen und erreichte ein Niveau, wie es letztmals im Dezember 2015 registriert wurde.

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Trotzdem ist das Benzin noch verhältnismässig günstig. 2015 betrug der Preis im Jahresmittel 1,49 Franken nach 1,72 Franken und 1,77 Franken in den beiden Vorjahren. Ein annähernd vergleichbarer Tiefpreis wurde letztmals 2009 mit 1,51 Franken verzeichnet. Ähnlich verlief die Entwicklung beim Heizöl. Heizöl der Qualität Extra-Leicht erreichte im Mai ab einem Bezug von 3000 Litern einen Preis von 70,67 Franken pro 100 Liter. Letztmals war der Preis im vergangenen November über 70 Franken pro 100 Liter geklettert. Damals lag er bei 77,06 Franken.

Diverse Risiken

Doch wie geht es weiter auf dem Ölmarkt? Die Gemeinde der Experten ist gespalten. Die einen verweisen auf diverse Risiken: In Nigeria wurde die Ölförderung wegen Unruhen zurückgefahren und die Förderleistung erreichte den niedrigsten Stand seit 22 Jahren.

Venezuela versinkt in wirtschaftlichem Chaos und schafft es nicht mehr, sein Öl aus dem Boden zu holen. Und die Ölförderer in den USA ziehen sich nach und nach zurück, weil sie mit weit höheren Preisen kalkuliert hatten und finanziell nicht mehr durchhalten. Dazu komme eine wieder steigende Ölnachfrage aus China.

Zusätzliches Angebot aus dem Iran

Auf der anderen Seite steht das Lager der Ökonomen, die damit rechnen, dass sich die Ölpreise wieder zurückbilden. Sie verweisen auf die Förderung aus dem Iran nach dem Ende der Sanktionen. Das bringt allein zusätzliche 3,7 Millionen Barrel pro Tag zusätzlich auf der Angebotsseite.

Zudem bleibe die Opec bei ihrer teuren Strategie, die Förderung nicht zu drosseln, sondern die Wettbewerber über den Preis niederzukonkurrieren. Damit hätte tendenziell das Überangebot auf dem Weltmarkt weiter Bestand.

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«Es gibt noch eine dritte Möglichkeit: Dass sich der Ölpreis noch einige Zeit ungefähr auf dem aktuellen Niveau hält», sagt der Energieexperte Leschus. Er glaubt: Der Ölpreis ist durch die Ölförderung der USA quasi gedeckelt. Sobald der Preis steigt, weiten die US-Förderer ihre Produktion aus - und dämpfen so den Preis wieder. So halten die USA den Ölpreis dauerhaft im Zaum.

(sda/gku)