Es ist schon erstaunlich, wie sehr man sich an manche Dinge gewöhnen kann, die alles andere als gewöhnlich sind. Kommen Ihnen auch die 25 Grad, die wir dieser Tage geniessen dürfen, als zwar angenehm, aber doch ein wenig frisch vor? Zu sehr haben uns die Sommermonate mit ihrer aussergewöhnlichen Hitze verwöhnt. In der Wirtschaft ist das nicht anders. Wir haben uns an Zustände gewöhnt, die alles andere als normal sind. Darauf zu hoffen, dass wir in einer Welt von Anomalien ungestört weiter wirtschaften können, scheint naiv.

Denken Sie nur einmal an die Geldpolitik. Wir haben uns an die von der Schweizerischen Nationalbank (SNB) einseitig deklarierte Untergrenze im Wechselkurs zum Euro gewöhnt. Für uns ist es normal, dass die amerikanische Notenbank (Fed) jeden Monat ihre Basisgeldmenge um einen Betrag erhöht, der beinahe der Basisgeldmenge der Schweiz vor Ausbruch der Finanzkrise entspricht. Kein Mensch redet darüber, dass die Notenbanken der Industrienationen ihre Bilanzen in den letzten Jahren gewaltig aufgebläht haben. Gemessen am jeweiligen Volkseinkommen hat sich die Bilanzsumme der Europäischen Zentralbank (EZB) verdoppelt, die der SNB und der Fed vervierfacht.

Sechs Jahre seit Beginn der Finanzkrise ist noch nichts im Lot

Normal ist das nicht! Dass sich trotzdem in den letzten Monaten eine gewisse Entspannung beim Thema Wirtschaftsaussichten breitmacht, mag nach fünf Jahren Krise verständlich und in diesem Sinne nachvollziehbar sein. Aber normal ist es nicht, dass wir trotz dieser ungeheuren Ausweitung der Geldmengen und den dadurch entstandenen Nullzinsen mit Wachstumsraten deutlich unter den Trendwerten konfrontiert sind. Normal wäre eine deutliche Beschleunigung des Wachstumstempos gewesen.

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Nun werden alle aufmerksamen Beobachter der Wirtschaftsentwicklung zu Recht sagen, dass wir ja gleichzeitig mit der enormen Expansion der Basisgeldmengen stark wachstumsbremsende fiskalische Massnahmen gesehen haben. Spätestens hier muss aber das Unbehagen beginnen. Sind doch auch im sechsten Jahr seit Beginn der Finanzkrise die Defizite der meisten Industrienationen immer noch nicht wieder im Lot und liegt die Verschuldung der USA, Grossbritanniens und der Euro-Zone bei immer noch steigender Tendenz deutlich über 100 Prozent des Volkseinkommens. Wirklich gelöst erscheinen die Fiskalprobleme der meisten Länder eben immer noch nicht.

Arbeitslosigkeit bleibt immens

Normal wäre auch ein Anziehen der Infla­tionsraten gewesen. Vor dem Hintergrund des immer noch schwachen Wachstums und der teilweise bedrückenden Entwicklung am Arbeitsmarkt können sich viele Menschen allerdings gut mit der Anomalie schwacher Inflation abfinden. Vergessen wir nicht, wie ungeheuerlich hoch die Jugendarbeitslosigkeit in Teilen Europas ist und dass der Anteil der Bevölkerung, der in den USA am Arbeitsmarkt teilnimmt, immer noch im freien Fall ist und mittlerweile das Niveau von 1980 erreicht hat.

Es ist schon eindrücklich, wie viele Menschen hierzulande trotz den geschilderten aus­sergewöhnlichen Zuständen keine eigentliche Krisenwahrnehmung mehr haben. Den Finanzmärkten geht es ähnlich und die Banker wähnen sich fünf Jahre nach der Finanzkrise bereits wieder auf festem Grund. Woran das liegt, ist klar: Längst ist nicht mehr Religion Opium für das Volk – die Geldpolitik hat die Reli­gion ersetzt.

Die naive Vorstellung, man könne eine Jahrhundertexpansion der Geldmengen ohne irgendwelche Folgekosten und Nebenwirkungen bewerkstelligen, ist erschütternd irrational und geschichtsvergessen. Unsere gesamte historische Erfahrung von 2500 Jahren dokumentierter Wirtschaftsgeschichte weist in eine andere Richtung. Geldmenge und Preisniveau hängen in historischen Zeiträumen betrachtet eng zusammen. Wir kennen kein Beispiel, in dem eine massive Ausweitung des Geldangebots nicht zu steigenden Preisen und/oder steigenden Zinsen geführt hätte. Spätestens seit der Mitte des 18. Jahrhunderts wissen wir, dass ein Ansteigen der Geldmenge zwar kurzfristig die Wirtschaftsaktivität belebt, mittelfristig aber von steigender Inflation begleitet wird.

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Nationalbanken warten verzweifeltauf Strukturanpassungen

Verstehen wir uns recht: Dieser Hinweis soll keine Kritik an den Zentralbanken sein. Wenn wir in Bildern sprechen wollen: Die Zentralbanken haben als eine Art Feuerwehr den Flächenbrand der Immobilien-, Banken- und Staatsfinanzkrise effektiv eingedämmt. Dabei mussten sie, wie wir gesehen haben, mit allen Mitteln löschen, die ihnen zur Verfügung standen. Ohne diese Feuerwehrübung wäre das Haus der Weltwirtschaft vielleicht sogar abgebrannt. Jeder Brandexperte weiss aber, dass das Löschwasser Schäden anrichtet, die ebenfalls nicht unerheblich sind. In vielen Fällen sind ­­die Wasserschäden aber so bedeutend, dass ­sie die Schäden des eingedämmten Brandes übertreffen.

Natürlich wissen die Zentralbanken, dass die aussergewöhnlichen geldpolitischen Massnahmen der vergangenen Jahre nicht zum Dauerzustand werden können. Verzweifelt mahnt denn auch die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) an, dass die Wirtschaftspolitik und die Wirtschaft die durch die expansive Geldpolitik gekaufte Zeit zur Anpassung der grossen Strukturfragen nutzen sollte. Mit Ausnahme der Reformen in den europäischen Problemländern und der Einführung der Schuldenbremse in der Euro-Zone ist allerdings bisher wenig passiert.

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Politik und Wirtschaft habennicht mehr viel Zeit

Viel Zeit für eine Anpassung von Politik und Planungserwartung der Wirtschaft bleibt allerdings nicht mehr. Wenn diejenigen Marktbeobachter recht behalten sollten, die von einer Normalisierung der Wirtschaftsentwicklung im kommenden Jahr ausgehen, dann werden auch die Sondermassnahmen der Geldpolitik eingestellt werden. Denn normal sind weder Anleihenkaufprogramme der Zentralbanken noch einseitige Untergrenzen im Wechselkurs.

Dass dies dann durch Wirtschaft und Finanzmärkte als positiv empfunden werden wird, erscheint angesichts der Erfahrungen des Sommers eher unwahrscheinlich. Immerhin hat bereits die Ankündigung der Fed, dass das stetige Gelddrucken verlangsamt werden sollte, die Zinsen weltweit steigen lassen. Wie prekär die Lage mittlerweile ist, verdeutlicht eine der vielen negativen Folgen dieser Zinsbewegung: Innert weniger Wochen hat die Fed auf den mittlerweile gigantischen Anleihebeständen zwei Drittel ihres Eigenkapitals verloren. Das ist sicher nicht normal!

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Klaus W. Wellershoff ist Chef der international tätigen Unternehmensberatung Wellershoff & Partners, Zürich, und Honorarprofessor für angewandte Volkswirtschaftslehre an der Universität St. Gallen.