Nobelpreisträger Joseph Stiglitz hat mit seiner Aussage für grosses Aufsehen gesorgt, die Euro-Zone werde schon bald zusammenbrechen. Vor allem für Italien sieht er keine Zukunft. Pflichten Sie ihm bei?
Clemens Fuest*: Ich bin ein Bewunderer der früheren wissenschaftlichen Arbeiten von Stiglitz. Aber was er zur Euro-Zone sagt, überzeugt mich nicht. Er unterschätzt die politische Bedeutung des Euro. Ich behaupte nicht, die Euro-Zone werde ewig existieren. Aber es muss noch sehr viel geschehen, damit sie auseinanderbricht. Das sehe ich heute nicht. Im Gegenteil: Selbst in Griechenland spricht sich die Mehrheit der Menschen für den Verbleib im Euro aus.
 
Kritische Stimmen wie Hans-Werner Sinn, Ihr Vorgänger am Ifo-Institut, betonen, innerhalb der Euro-Zone könnten die Südländer nicht auf die Beine kommen. Demnach müssten Sie zurück zu nationalen Währungen, um wieder wettbewerbsfähig zu werden.
Die Eurozone steht vor grossen Schwierigkeiten, und die Stagnation ist noch nicht vorüber. Entsprechend ist die Verschuldung hoch, und wir haben das Problem der mangelnden preislichen Wettbewerbsfähigkeit in den Südländern. Es ist aber nicht so, dass die Preise und Löhne sich gar nicht angepasst hätten. Vor allem in Irland, aber auch in Spanien, Portugal und Griechenland gibt es Fortschritte. Allein in Italien ist noch wenig passiert, das ist richtig. Deshalb ist Italien das grösste Problem in der Euro-Zone.
 
Auch weil das Land die drittgrösste Volkswirtschaft in der Euro-Zone ist?

Die Grösse ist wichtig, und die Problem des Landes sind gewaltig. Die italienische Wirtschaftsleistung ist heute so hoch wie vor fünfzehn Jahren. Es geht hier nicht um vorübergehende Nachfrageschwäche, die man mit einem Konjunkturprogramm beheben kann. Es geht um tiefe strukturelle Probleme: im Rechtssystem, in der Arbeitsmarktregulierung, im Steuersystem. Aber die Euro-Zone wird wegen der Schieflage in Italien nicht zerbrechen. Sorgen macht mir allerdings die wachsende Divergenz der wirtschaftlichen Entwicklung: In Griechenland etwa liegen die Investitionen bei einem Drittel gegenüber dem Vorkrisenniveau.
 
Hinzu kommt das Schuldenproblem. Die Staatsschulden von Italien und Griechenland sind viel grösser als die jährliche Wirtschaftskraft der Länder. Wie kommt man da wieder heraus? Mit mehr Kontrolle?

Teile des Brüsseler Establishments haben die Vision einer zentral gesteuerten Euro-Zone, in der eine Aufsicht kontrolliert und die Länder gemeinsam haften. Theoretisch ist das denkbar. Aber praktisch halte ich das für einen Irrweg und für nicht praktikabel: Eine demokratisch nicht legitimierte europäische Institution wird nie den deutschen, französischen oder italienischen Staatshaushalt gegen den Willen des nationalen Parlaments kontrollieren können. Das findet keine Unterstützung und wäre weltweit beispiellos. Wir müssen akzeptieren, dass die Kontrolle der Haushalte bei den Mitgliedstaaten liegt, deshalb muss auch die Haftung dezentral sein, also bei den Mitgliedstaaten und ihren Gläubigern.
 
Das hat man mit Maastricht versucht – und ist gescheitert. Und würde die Europäische Zentralbank heute plötzlich nicht mehr Staatsanleihen aufkaufen, wäre Panik an den Märkten wohl vorprogrammiert.
Deshalb kann man an die Altschulden nicht ran. Man kann jedoch nachrangige Staatsanleihen einführen für Länder, die ein höheres strukturelles Haushaltsdefizit fahren wollen als im Fiskalpakt mit 0,5 Prozent des Bruttoinlandprodukts vorgesehen ist. Die überschiessende Verschuldung würde mit diesen Bonds finanziert, wenn es am Markt dafür denn Abnehmer gibt. So kann eine Destabilisierung des Staatsanleihemarktes vermieden werden, und gleichzeitig gibt es das nötige Element der Marktdisziplin.
 
Wie hoch wären die Zinsen, die etwa die Euro-Südländer darauf bezahlen müssten?

Das ist schwer zu beziffern, weil es keine Präzedenzfälle gibt. Sicher könnten einige Länder solche Papiere ohne Probleme und grössere Aufschläge emittieren – zum Beispiel Deutschland oder Luxemburg. Andere Staaten hingegen könnten Abnehmer womöglich nur zu sehr hohen Zinsen oder sogar überhaupt nicht finden, Italien etwa oder Portugal. Dann müssten sie ihre Ausgaben herunterschrauben. Der Vorteil des Konzepts liegt darin, dass Zinskosten für überschießende Neuverschuldung hoch sind, aber nicht für die Refinanzierung der Altschulden.
 
Es gibt einige Vorschläge für neue Anleihen in der Euro-Zone, um die Haftung zu stärken. Was soll an Ihrem Vorstoss besonders sein?

Die bisherigen Ideen setzen alle an den Beständen der Staatsschulden an. Geht man aber an die Bestände, löst man womöglich eine Marktpanik aus. Und Konzepte, die so hohe Risiken beinhalten, helfen nicht weiter. Wichtig ist heute, dass man einen Anstieg der künftigen Defizite verhindert – also bei den Stromgrössen ansetzt.
 
Aktuell sehen wir einmal mehr an den Börsen Verwerfungen, um Europas Banken wird ein grosser Bogen gemacht. Was läuft da schief?
Die Politik hat nach der Finanzkrise einen entscheidenden Fehler gemacht: Man hätte sich klar auf Kapitalregeln fokussieren sollen. Da hat man sich auch stark von der Finanzbranche beeinflussen lassen. Die Banken argumentieren ja, Eigenkapital sei teurer als Fremdkapital – für das einzelne Institut mag das stimmen, aber nicht aus volkswirtschaftlicher Perspektive. Für die Banken ist Fremdkapital attraktiv, weil sie durch die implizite Staatsgarantie eine Subvention bekommen. Gesamtwirtschaftlich ist das schädlich.
 
Was braucht es also?

Die Banken sollten so viel Boni zahlen dürfen, wie sie wollen. Und auch so viele Kredite vergeben, wie sie wollen – all das aber unter der Voraussetzung, dass sie genug Eigenkapital vorhalten. Das Ziel sollten acht Prozent Leverage Ratio sein. In der Europäischen Bankenunion ist bereits vorgesehen, dass Banken acht Prozent haftendes Kapital vorhalten sollen.

* Clemens Fuest ist seit April 2016 Präsident des renommierten Ifo-Instituts in München. Der 48-Jährige gehört zu den einflussreichsten Ökonomen im deutschsprachigen Raum. Fuest war zuvor Präsident des ZEW in Mannheim und hat unter anderem in Oxford unterrichtet. Ausserdem ist er Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des deutschen Finanzministeriums.

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