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Kritik
Weder di Mauro: Goldinitiative war für SNB «traumatisch»

Nach Ansicht der Topökonomin Beatrice Weder di Mauro hat die SNB die Frankengrenze vor allem wegen der Schweizer Kritik aufgegeben und so ihre wichtigsten Ziele verraten: Preis- und Finanzstabilität.

Von Mathias Ohanian
am 13.02.2015

Wie alle Banker sehen auch Zentralbanker rote Zahlen nur widerwillig. Doch Notenbanker sind nicht wie andere Banker, deshalb sollten sie sich nicht um Gewinne oder Verluste sorgen. Das schreiben die Schweizer Ökonomin Beatrice Weder di Mauro und der renommierte Berkeley-Professor Barry Eichengreen nun in einer Analyse auf der Meinungsseite «Project Syndicate». Der SNB werfen die beiden Autoren vor, in ihrer Geldpolitik das falsche Ziel zu verfolgen. Vor allem wegen der Angst der Schweizer vor Bilanzverlusten habe die Nationalbank das Handtuch geworfen.

Die scharfe Kritik ist vor allem deshalb bemerkenswert, weil die Ökonomin Weder di Mauro sich in der Öffentlichkeit nur selten und dann zurückhaltend äussert. Ihre Einschätzung ist in Fachkreisen jedoch sehr geschätzt. Von 2004 bis 2012 gehörte sie als erste Ausländerin dem Sachverständigenrat der deutschen Bundesregierung an. In Mainz hat Weder di Mauro eine Ökonomie-Professur inne, daneben sitzt sie im Verwaltungsrat der UBS.

Bilanzüberlegungen stehen am Ende der Prioritätenliste

Wie kommen die Wirtschaftsexperten zu ihrer Einschätzung? Im Gegensatz zu Geschäftsbanken seien Notenbanken keine profitorientierten Einrichtungen, schreiben sie. Vielmehr dienten Thomas Jordan, Mario Draghi oder Janet Yellen dem Allgemeinwohl, Bilanzüberlegungen seien dementsprechend vergleichsweise unwichtig.

Gemäss Weder di Mauro und Eichengreen sind Notenbanken zunächst dazu verpflichtet, ihr Inflationsziel zu erreichen. In zweiter Instanz gelte es, die Produktionslücke der Wirtschaft zu schliessen. Als drittes Ziel nennen die beiden Ökonomen die Sicherung der Finanzstabilität. Bilanzüberlegungen sollten für Notenbanken demnach hingegen frühestens an vierter Stelle der Prioritätenliste stehen – und dies mit einigem Abstand. Entsprechend sollte ein vergleichsweise unwichtiges Ziel wie der Bilanzgewinn nicht die Politik der Nationalbank «diktieren».

Motiv der SNB war allein politischer Natur

Die scharfe Aufwertung des Franken drohe die Schweizer Wirtschaft nicht nur in die Deflation, sondern auch eine Rezession zu stürzen. Mit dem sich abzeichnenden Anleihekaufprogramm der Europäischen Zentralbank seien die Risiken von Bilanzverlusten für die SNB zwar gestiegen, räumen die beiden Autoren ein.  «Aber das ist keine Rechtfertigung, das Mandat zur Verfolgung von Preis- und Finanzstabilität aufzugeben.»

Laut Weder di Mauro und Eichengreen hätten andere Zentralbanken mit einem klaren Verständnis ihrer Prioritäten in der Vergangenheit des Öfteren Verluste hingenommen, um der Gefahr fallender Preise oder einer überbewerteten Währung entgegen zu treten. So hätten etwa die Zentralbanken in Chile, Tschechien und Israel bereits mit negativem Eigenkapital gearbeitet – ohne dass dies die Politik dieser Notenbanken beschädigt hätte.

Kritiker in der Schweiz mitverantwortlich für SNB-Entscheid

Offenbar sei das Motiv der SNB allein politischer Natur gewesen, schätzen die beiden Wirtschaftsexperten. Eine grosse Rolle dürfte demnach die Goldinitiative gespielt haben. Diese wurde zwar abgelehnt, die politische Debatte aber sei für die SNB «traumatisch» gewesen. Als sich die Abwertung des Euro im Januar verschärfte, habe die Debatte Fahrt aufgenommen.

Die Furcht sei gewesen, dass die Bilanzverluste der SNB die kantonalen Entscheidungsträger so verärgen könnten, dass am Ende auch die Unabhängigkeit der Zentralbank in Gefahr geraten wäre. Mit anderen Worten: Laut Weder di Mauro und Eichengreen knickte die SNB nicht – wie heute oft beschrieben – gegenüber den Investoren aus dem Ausland ein als vielmehr gegenüber den Kritikern im Inland.

Grundlegende Frage der Unabhängigkeit

Jene Kritiker, die besorgt um die Unabhängigkeit von Notenbanken seien, sollten sich demnach eine grundlegende Frage stellen: Wofür gibt es die Unabhängigkeit von Zentralbanken, wenn diese nicht jene Kritiker, die sich über unzureichende Profite beschweren, ignorieren können? Die offensichtliche Lösung sei deshalb nicht die Kursgrenze aufzugeben, sondern die kantonalen Finanzierungsmechanismen zu ändern.

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