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WEF: «Leben in Panik vor künstlicher Intelligenz»

Nobelpreisträger Shiller (Mi.): Digitale Revolution gefährdet Jobs.   Keystone

Eine prominente Runde debattiert am WEF über Lösungen für soziale Ungleichheit. Die neue Hoffnung: das mobile Internet. Nobelpreisträger Robert J. Shiller ist skeptisch.

Karen Merkel
Von Karen Merkel
am 23.01.2015

Der Erfinder des Internets sieht sein Werk als einen Beitrag zur sozialen Ungleichheit in der Welt. Tim Berners-Lee, der Schöpfer des HTML-Codes, sagt in einem Einspieler in der WEF-Diskussion zum Thema: «Ja, wir haben gedacht, dass Internet sei ein enormer Gleichmacher. Tatsächlich aber haben nur 40 Prozent der Weltbevölkerung Zugang zum Netz. Das heisst, 60 Prozent der Weltbevölkerung fallen noch weiter zurück.» Er übt deutliche Kritik: «Das Internet vergrössert die Lücke zwischen den Besitzenden und den Nicht-Besitzenden.»

«Trägt das Internet zur gerechteren Verteilung bei oder verstärkt es die Ungleichheit?», diese Frage hatte Moderator Evan Davis dem Einspieler vorangestellt und an die prominente Runde gerichtet, die sich unter Leitung der BBC zur Diskussion am Weltwirtschaftsforum versammelt hatten.

Kehrtwende des IWF

Zu Beginn der einstündigen Debatte hatte IWF-Chefin Christine Lagarde eingestanden, dass die Bedeutung der Ungleichheit lange unterschätzt worden sei, der britische Zentralbankchef Mark Carney pflichtete ihr bei. Der internationale Währungsfonds hatte im Februar 2014 eine Studie vorgelegt, laut der zu grosse Einkommensunterschiede dem Wirtschaftswachstum schaden. Das Papier wurde allgemein als Sinneswandel des IWF verstanden, der einstigen Säule des Neoliberalismus.

Viele hätten sie vor Veröffentlichung der Studie darauf hingewiesen, dass diese Denkweisen nicht «mainstream» sei, erinnert sich Lagarde. «Mittlerweile sind sie mainstream.»

Weltbestseller von Thomas Piketty

Es gibt derzeit kaum eine Debatte in der Makroökomie, die so populär ist wie die über Ungleichheit. Das ist vor allem dem weltweiten Bestseller «Capital in the 21st Century» von Frankreichs Starökonomen Thomas Piketty zu verdanken. Der Erfolg des Werkes im vergangenen Jahr hat dem Thema eine enorme Aufmerksamkeit beschert. Zugleich gilt das Buch nicht umsonst das «meist gekaufte und am wenigsten gelesene» Werk der Ökonomie. Denn, wie Robert J. Shiller, Nobelpreisträger und Autor zahlreicher Publikationen zum Thema, in der Runde am WEF zusammenfasst: «Es ist kompliziert.»

Die klassischen Konfliktlinien zeichnen sich auch in der WEF-Runde ab. Alcoa-Chef Klaus Kleinfeld ist der Ansicht, dass bei der Debate nicht ausser Acht bleiben dürfe, dass der weltweite Wohlstand enorm zugenommen habe. Oxfam-Leiterin Winnie Byanyima dagegen kritisiert die strukturelle Armut. Der zunehmende Abstand zwischen Arm und Reich sei dabei nicht das Problem. «Es geht nicht darum, wer im Privatjet zum WEF gekommen ist, sondern um die Armutsfalle, aus der über Generationen kein Entkommen ist.»  Der amerikanische Traum – vom Tellerwäscher zum Millionär mit eigener Hände Arbeit – sei eben nicht mehr als das: ein Traum.

Mythos von der «Vernetzung der Welt»

Das Internet wird dabei von vielen als das moderne Werkzeug gefeiert, um Chancengleichheit und Gerechtigkeit zu erhöhen. Es gilt als niedrigschwellige Form der Teilhabe, durch die, jetzt eben doch, Innovation und Wachstum aus der Hand eines jeden Einzelnen kommen kann. Eine These, die beliebt ist, zum Beispiel bei erfolgreichen Tech-Unternehmern – Google-Chef Eric Schmidt vertritt sie in seinem Werk «Vernetzung der Welt».

Alcoa-Chef Klaus Kleinfeld und Martin Sorrell, CEO der weltgrössten Werbeholding WPP, teilen diese Ansicht. Der Zugang zu einem Smartphone mit Verbindung zum Internet «steigert das Durchschnittseinkommen in Entwicklungsgesellschaften», sagt Kleinfeld. Er nennt Sri Lanka, Uganda und Indien als Beispiel, wo die zunehmende Verbreitung des mobilen Internets die entsprechende Kennziffer im zweistelligen Bereich innert weniger Jahre in die Höhe getrieben habe. Allerdings schränkt er auch ein: Der globale Wettbewerb um Jobs lege gleichzeitig enorm zu.

«Panik vor künstlicher Intelligenz»

«Wir leben in Zeiten der Panik vor künstlicher Intelligenz», pflichtet Robert J. Shiller bei. «Die Leute haben Angst um ihre Jobs, und sie haben recht.» Niemand wisse, was die digitale Revolution bringe. Bereits zuvor hatte er darauf abgehoben, dass im Kampf gegen Ungleichheit nicht zwingend die Gleichheit entscheidend sei. Vielmehr sei es eine Frage der Empfindung von «Gerechtigkeit dem Einzelnen gegenüber» und Sicherheit für dessen Perspektive.

Zentralbanker Mark Carney teilt Shillers Technik-Angst nicht, auch wenn er zugesteht: «Es geht nicht nur um die Angst vor künstlicher Intelligenz. Allein verbesserte Algorithmen können viele Jobs ersetzen.» Der frühere Investmentbanker setzt im Scherz hinzu: «Mein Job bei Goldman Sachs zum Beispiel – das können jetzt alles Computer. Deswegen musste ich ja auch zur britischen Zentralbank wechseln.»

Kreativität der Massen anzapfen

Grundsätzlich, sagt Carney, sei er trotzdem optimistisch, was die Schaffung von Jobs anbelange. Er denke aber eher in einem Zeitraum von 20 Jahren, weil zunächst noch eine schwierige Übergangszeit bevorstehe. Wenn immer mehr Jobs durch Computer übernommen werden könnten, müssten Arbeitnehmer zusätzliche Qualifikationen erwerben. «Das Potenzial liegt in der Kreativität der Massen», sagt Carney. Bis dahin sei es aber noch ein langer Weg.

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