1. Home
  2. Konjunktur
  3. Weltwirtschaft in fundamentaler Schieflage

Weltwirtschaft in fundamentaler Schieflage

Klaus W. Wellershoff

Der Sommer ist vorüber. Es war kein ruhiger. Statt leichter Lektüre in der Badi gab es schwere Kost in der Wirtschaftspresse.

Von Klaus W. Wellershoff
am 07.09.2011

Zu stark waren die Sorgen um die Staats­finanzen, die Gesundheit des Bankensystems und die Zukunft der Europäischen Währungsunion, als dass wir gewohnten Sommerfreuden einfach so hätten nachgehen können. Dabei ist für viele Führungskräfte der Sommer eine wichtige Zeit, um in Ruhe eine grundsätzliche Standortbestimmung vornehmen zu können. Bei all der Hektik um die grossen Ausschläge der Finanzmärkte, der Stärke des Frankens und der angestrengten Diskussion, was die Wirtschaftspolitik nun tun soll, ist das aber in vielen Fällen zu kurz gekommen. Wo stehen wir eigentlich im Jahr 4 nach Beginn der Finanzkrise?

Schweizer Wirtschaft wächst nicht,sondern schrumpft bereits

Das ist nicht ganz einfach zu sagen. Schliesslich scheinen sich unsere statistischen Ämter viel Mühe zu geben, die Lage zu verschleiern. Bestes Beispiel dafür ist wohl die Datenveröffentlichung des Staatssekretariates für Wirtschaft (Seco) über das Wachstum der Schweiz im 2. Quartal. Immerhin ist die Schweizer Wirtschaft im 2. Quartal mit 0,4 Prozent so schnell gewachsen, wie man das in normalen Zeiten erwarten darf. Dass dahinter vor allem drei aus­sergewöhnliche Effekte gestanden sind, die nicht auf nachhaltiges Wachstum schliessen lassen, wird weitestgehend unkommentiert ­gelassen. So erstaunt ein starker Anstieg des Staatskonsums um 0,4 Prozent des Volkseinkommens, ein Aufbau der Lager von gleichfalls 0,4 Prozent des Volkseinkommens und ein Einbruch bei den Importen, der den Rückgang der Exporte ebenfalls um 0,4 Prozent des Volkseinkommens übertroffen hat. Anders ausgedrückt: Ohne diese Sondereffekte wäre die Schweizer Wirtschaft im 2. Quartal nicht mit 0,4 Prozent gewachsen, sondern um 0,8 Prozent geschrumpft.

Wer die Zahlen genauer anschaut, sieht weiter, dass die Gesamtnachfrage nach Schweizer Gütern und Dienstleistungen bereits rückläufig ist. Der Aussenhandel läuft nicht mehr. Auch hier haben die offiziellen Stellen sich viel Mühe gegeben, die Lage in einem guten Licht zu präsentieren. Immerhin, so die Argumentation der Oberzollverwaltung, seien die Exporte im 1. Halbjahr noch um 4 Prozent gewachsen. Dass unsere wichtigsten Wettbewerber aber 15 Prozent und mehr zugelegt haben, wird nicht thematisiert. Das bedeutet einen Verlust an Marktanteilen für die Schweizer Exportwirtschaft von gut 10 Prozent innerhalb von nur einem Jahr. Und das bei darüber hinaus noch schrumpfenden Margen. So sind die Preise, welche Schweizer Exporteure erzielen konnten, im 1. Halbjahr um mehr als 6 Prozent ­gefallen.

Zu viel Getöse um das 870-Millionen-Paket des Bundes

Was am Schweizer Wachstum aber besonders negativ beeindruckt: Auch die inländische Nachfrage wächst nicht mehr. Schuld daran sind die Investitionen. Wie in den meisten Auf- und Abschwungsphasen sind es aber gerade diese inländischen Investitionen, die die Musik in der Konjunktur machen. Nominal sind sie zwar nur ein relativ bescheidener Anteil der Gesamtnachfrage, dafür schwanken diese aber auch besonders stark. Tatsächlich stellt sich die Frage, wer bei dem augenblicklichen Wechselkursniveau als international tätige Unternehmung in der Schweiz investieren wird, wenn er nicht aufgrund technischer Gegebenheiten muss.

Vor diesem Hintergrund machen sich die 870 Millionen des Bundes als eine eher bescheidene Grösse aus. Nicht einmal 0,2 Prozent des Volkseinkommens will der Bundesrat in die Hand nehmen, um die Folgen der Frankenaufwertung für die Schweizer Wirtschaft zu mildern. Dass das nicht mehr ist, liegt wohl auch daran, dass es tatsächlich schwer ist, zielgerecht und temporär begrenzt die betroffenen Betriebe zu unterstützen. Dennoch erscheint der Betrag auch im internationalen Vergleich als niedrig, wenn man bedenkt, dass der Franken noch nie so stark war wie in diesem Sommer und sich noch nie so schnell aufgewertet hat wie in den vergangenen Monaten.

Fiskalpolitische Räume sindmehr als ausgereizt

Dass vor diesem Hintergrund der Ruf nach der Geldpolitik lauter wird, ist nur allzu nachvollziehbar. Immerhin ist eine ganze Genera­tion damit gross geworden, dass im Ernstfall die Notenbanken die Zinsen senken, um die Konjunktur zu stabilisieren und damit die wirklichen Probleme zu überdecken. Nur sind die Zinsen bereits so tief, dass es nichts mehr zu senken gibt. Das gilt nicht nur für Geldmarktsätze, sondern zunehmend auch für den Kapitalmarkt. So rentieren Schweizer Staatsanleihen mit Laufzeiten von fünf Jahren mit gerade einmal ein drittel Prozent. In den USA sind es noch drei viertel Prozent und in Deutschland knapp über 1 Prozent. Trotz verschärfter Bankenregulierung kann damit von Kreditknappheit und mangelnder Liquidität in der Wirtschaft wohl kaum die Rede sein.

Wenn man dann noch hinzu nimmt, dass ausserhalb der Schweiz die fiskalischen Spielräume mehr als ausgereizt sind, kann einem angst und bange werden. Weder die Geld- noch die Fiskalpolitik werden in der nächsten ­Re­zession massgeblich unterstützend wirken können. Im Gegenteil: Weltweit wird die Fiskalpolitik zur Achillesferse des Wachstums. Irgendwann werden auch die hartnäckigsten Realitätsverweigerer im amerikanischen Kongress einsehen müssen, dass man nicht dauerhaft schneller als das Volkseinkommen wachsende Staatsschulden haben kann. Wenn Amerika aber beginnen würde zu sparen, erscheint eine Weltrezession unabdingbar.

Damit wird klar, dass wir unmittelbar vor gewaltigen Veränderungen in der Weltwirtschaft und vielleicht auch der Weltordnung stehen. Die Mittel der Konjunkturpolitik ­werden die fundamentalen Schieflagen der Weltwirtschaft nicht mehr ausgleichen können. So werden die Amerikaner wohl dazu gezwungen werden, nur noch das auszugeben, was sie auch verdienen. Die Kapitalexporte der Schwel­lenländer werden sinken müssen und in den Industrie­­-na­tionen werden wir die ­heute unrealistischen ­Versprechungen der Altersvorsorge revidieren müssen. Wenn wir es schaffen, diese Herausforderungen friedlich zu meistern, werden wir uns in wenigen Jahren einer wirklich multi­polaren Welt gegenüber­sehen. Für Unter­nehmer ist das ein extrem spannendes Umfeld. Wo sich die Wirtschaft ändert, ändern sich die ­Absatzmärkte. Alte Märkte verschwinden und neue entstehen. In diesem Sinne gab es wohl selten zuvor so viele und so grosse unternehmerische Chancen wie heute!

Klaus W. Wellershoff ist Chef der international tätigen Unternehmensberatung Wellershoff & Partners, Zürich, und Honorarprofessor für angewandte Volkswirtschaftslehre an der Universität St. Gallen.

Anzeige