Die Sorgen um die Weltwirtschaft nehmen zu - und mit ihnen geraten die Ölpreise immer stärker unter Druck. Das für Europa wichtige Rohöl der Nordseesorte Brent ist so billig wie lange nicht. Am Freitag fiel der Preis mit rund 88 Dollar auf den tiefsten Stand seit Ende 2010. Amerikanisches Öl der Marke WTI kostet sogar noch weniger. Dank des Schieferöl-Booms in den USA steigt das Angebot - während die Nachfrage schwächelt. Jetzt gerät das mächtige Ölkartell Opec unter Zugzwang.

Die Talfahrt am Ölmarkt ist beeindruckend: Seit diesem Sommer sind die Preise um mehr als 20 Prozent eingebrochen. Ein wichtiger Grund: Die Weltwirtschaft schwächelt, die Nachfrage sinkt. In wichtigen Abnehmerländern wie China und anderen grossen Schwellenländern, aber auch in Europa läuft es alles andere als rund. Grosse Organisationen wie der Weltwährungsfonds IWF oder die OECD haben ihre Wachstumsprognosen nach unten geschraubt. Der IWF warnt, dass der Euroraum wieder in die Rezession fallen könnte. Die Internationale Energieagentur (IEA) hat ihre Erwartungen für die weltweite Ölnachfrage bereits gesenkt.

Fracking-Boom in den USA

Neben Wachstumssorgen drückt ein ungewöhnlich hohes Angebot an Rohöl auf die Preise: In den USA sorgt der Fracking-Boom für eine unglaubliche Ölschwemme. Die Technik, bei der Rohöl mit Chemikalien aus tiefliegendem Gestein gepresst wird, hat die amerikanische Ölproduktion auf den höchsten Stand seit fast 30 Jahren steigen lassen. «In den USA werden zurzeit so grosse Mengen an Rohöl gefördert, dass in dem Land, das weltweit am meisten Rohöl konsumiert, sogar über Rohölexporte diskutiert wird», sagen die Wirtschaftsforscher vom HWWI.

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Zur schwachen Nachfrage und zum hohen Angebot tritt ein dritter Grund für den Ölpreisverfall: der starke Dollar. Weil die Zinsen in den USA bald steigen dürften, wird die US-Währung bei Investoren immer beliebter. Zum Euro hat der Dollar in den vergangenen Monaten um zehn Prozent aufgewertet, gegenüber anderen Währungen steht er ebenfalls hoch im Kurs. Da Rohöl in Dollar gehandelt wird, wird Öl für Käufer ausserhalb des Dollarraums teurer. Das drückt die schwache Nachfrage zusätzlich.

Opec-Staaten unter Druck

Unter Druck steht nicht nur der Ölpreis, sondern auch das grosse Ölkartell Opec. Rohöl ist die Haupteinnahmequelle der Opec-Staaten, die zur Finanzierung ihrer Staatsausgaben ein bestimmtes Preisniveau benötigen. Die Commerzbank erklärt in einer Studie, dass der benötigte Mindestpreis je nach Opec-Land sehr unterschiedlich ist. Für den mächtigsten Produzenten Saudi-Arabien liegt er bei rund 85 Dollar, für den grossen afrikanischen Produzenten Nigeria aber bei mehr als 120 Dollar. Das birgt riesiges Konfliktpotenzial, zumal Saudi-Arabien die Preise für seine Abnehmer zuletzt gesenkt hat. Das übt zusätzlichen Druck auf die Ölpreise aus.

Immer mehr Experten gehen unterdessen davon aus, dass der Opec letztlich nichts anderes übrig bleibt, als ihre Produktion zu drosseln. Das könnte helfen, die Ölpreise über ein geringeres Angebot zu stabilisieren. Zurzeit pumpen die zwölf Opec-Staaten pro Tag mehr als 30 Millionen Barrel Rohöl aus dem Boden. Das ist nach Ansicht von Beobachtern zu viel: «Je stärker die Ölpreise nachgeben, desto höher wird die Wahrscheinlichkeit einer Produktionskürzung bei der Opec-Sitzung Ende November», heisst es bei der Commerzbank. Ob das den Preisverfall stoppen kann, ist alles andere als sicher. Zu unterschiedlich seien die Interessen der Opec-Länder, zu hoch das Angebot ausserhalb des Opec-Gebiets, sagen die Volkswirte von Capital Economics.

(awp/gku/ama)