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Erhebung
Wenn Ratingagenturen subjektiv werden

US-Ratingagenturen Fitch und S&P in New York: Die beiden Bonitätsbewerter scheinen der Heimat besonders gewogen. (Bild: Keystone

Die grossen Ratingagenturen urteilen nicht immer objektiv. Das zeigt eine neue Studie. Sie schonen systematisch ihr Heimatland. Für die Schweiz ist diese Erkenntnis besonders relevant.

Von Mathias Ohanian
am 14.01.2014

Die Schulden wachsen noch immer schneller als die Steuereinnahmen und das Bruttoinlandprodukt, die Regierung wandelt nach wie vor am Rande des Zahlungsausfalls. So urteilte die chinesische Ratingagentur Dagong im vergangenen Oktober nicht über ein südeuropäisches Krisenland. Tatsächlich waren die USA gemeint, deren Bonität von Peking nach dem wochenlangen Schuldenstreit in Washington gesenkt wurde – einmal mehr.

Die drei grossen amerikanischen Agenturen sahen seinerzeit hingegen keinen Grund einzuschreiten: Weder Fitch noch Standard & Poor's oder Moody's senkten den Daumen über der grössten Volkswirtschaft der Welt.

Moody's versus Dagong

Die Frage drängt sich nicht erst seit vergangenem Herbst auf: Legen die drei grossen US-Ratingagenturen bei ihrer Bonitätsbewertungen für unterschiedliche Staaten unterschiedliche Massstäbe an? Eine Antwort geben nun zwei Wissenschaftler der deutschen Universitäten Heidelberg und Göttingen in einem Diskussionspapier. Die beiden Forscher Andreas Fuchs und Kai Gehring untersuchten dabei neun Ratingagenturen aus sechs Ländern und ihre Veröffentlichungen zwischen 1990 und Sommer 2013.

Auf den ersten Blick fiel den Wissenschaftlern auf, dass die Agentur Dagong ihrem Heimatland China, anderen aufstrebenden Volkswirtschaften wie Indien, Russland und Brasilien sowie den chinesischen Sonderverwaltungszonen Macao und Hongkong bessere Noten ausstellt als der amerikanische Bonitätswächter Moody's. Gleichzeitig ist das Rating für die USA und die meisten westlichen Staaten im Vergleich zu Moody's schlechter.

S&P und Fitch sind besonders heimatverbunden

Ein ähnliches Bild ergibt sich für andere Länder, etwa Japan: Während alle ausländischen Agenturen zuletzt teils deutlich ihre Noten senkten, behielt Japan Credit Ratings (JCR) die Bestnote für die Regierung in dieser Zeit ununterbrochen bei. International gilt das Land einigen Experten zufolge wegen der im globalen Vergleich immensen staatlichen Verschuldung von über 200 Prozent der Wirtschaftsleistung und seiner schwachen Demografie zu einem potenziellen Krisenkandidaten.

Insgesamt, so die Forscher, vergeben vier der neun Agenturen bessere Ratings an ihr Heimatland als es aufgrund ihrer Urteile über andere Staaten eigentlich zu rechtfertigen wäre. Dazu gehören neben den beiden US-Firmen S&P und Fitch auch die japanische Agentur R&I und die zypriotische Bewertungsfirma CI.

Nicht nur statistische Spielerei

Die Studienergebnisse der beiden deutschen Forscher sind keineswegs nur statistische Spielerei, sondern beeinflussen die Refinanzierungskosten für Staaten wesentlich. So sank das Vertrauen von Investoren nach Veröffentlichungen in Länder wie Griechenland, Spanien oder Frankreich in den vergangenen Jahren oftmals, die Refinanzierungskosten für diese Länder stiegen in der Folge.

Auch für die Schweiz ist das Studienergebnis von Relevanz: Schätzungen zufolge hielt die Eidgenossenschaft zuletzt Staatsanleihen der USA im Wert von fast 180 Milliarden Dollar – und ist als Land damit der weltweit sechstgrösste Gläubiger Washingtons. Als ein grosser Einzelgläubiger gilt die Schweizerische Nationalbank (SNB). Die Schweiz setze sich mit diesem Kurs einem enormen Klumpenrisiko aus, warnte im vergangenen Herbst bereits SVP-Finanzpolitiker Hans Kaufmann.

Kulturelle Unterschiede spielen eine wichtige Rolle

Ein Grund für die Verzerrungen sehen die Autoren unter anderem in potenziellen Interessenkonflikten, da viele Banken und Finanzunternehmen an den Agenturen beteiligt seien. Im Gegensatz dazu scheinen die geostrategischen Interessen des Heimatlandes keinen Einfluss auf Länderratings zu haben. Dennoch wurde die chinesische Agentur Dagong in den USA im September 2010 als Ratingagentur verboten.

Ein tieferliegender Grund für die systematischen Unterschiede bei Länderratings liegt demnach auch in der «kulturellen Distanz» zwischen dem Heimatland und dem bewerteten Staat. Es sei wahrscheinlich, dass kulturelle Distanz zu einer anderen Risikowahrnehmung führe: So hätten mehrere Studien  gezeigt, dass Risiken im Heimatland oft optimistischer eingeschätzt würden. Darüber hinaus gibt es einen Zusammenhang zwischen kultureller Nähe und dem Vertrauen zueinander.

Auch Chinas Ratingagentur Dagong glaubt an die Schweiz

Mit Blick auf das eigene Landesrating braucht sich die Schweiz übrigens keine Sorgen zu machen - auch wenn es hierzulande keine grosse Ratingagentur gibt. Nicht nur bei den amerikanischen Agenturen geniesst das Land beste Bonität. Selbst Chinas Bewerter haben kaum etwas auszusetzen und bestätigten kürzlich die Bestnote AAA für die Schweiz. In der Begründung führt Dagong das hoch entwickelte Bankensystem, die gute Finanzaufsicht und die gute internationale Wettbewerbsposition an.

Laut Studie der beiden deutschen Forscher gehört die Schweiz neben Finnland, Liechtenstein, Luxemburg und Norwegen zu dem exklusiven Klub an Ländern, die von allen neun untersuchten globalen Ratingagenturen mit der Bestnote bewertet werden.

 

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