Selbst der mächtigste Club der Welt darf sich nicht mehr treffen. Eigentlich kommen die wichtigsten Wirtschaftslenker des Planeten alle zwei ­Monate in Basel zusammen. Fast klandestin checken dann die Vor­steher der grossen Notenbanken der Welt in die Basler Luxushotels ein – die Amerikaner und Asiaten gern im «Hilton», die Europäer lieber im «Drei Könige». Höhepunkt ist das rituelle Dinner im engen Kreis, zu dem sich die mächtigsten zwölf Notenbanker sonntagabends treffen – für Nationalbank-Lenker Thomas Jordan ein Pflichttermin in eher erträglicher Atmosphäre. Alle reden sich mit Vornamen an. Serviert werden edle Bordeaux und Burgunder.

Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) lautet der sperrige Name der Organisation, die 1930 zur globalen Koordination nach dem Finanzcrash von 1929 gegründet wurde – und schon für den damals mächtigsten Notenbanker der Welt, den britischen Gouverneur Montagu Norman, laut seinem Biografen «eine spirituelle Heimat abseits der Heimat» bildete. Während der Finanzkrise war der Basler BIZ-Turm für die geschundenen Notenbanker-Seelen Refugium und Schaltzentrale zugleich.

Meetings über Videokonferenz

Doch dieses Mal entfällt die Seelenpflege: Am 16. März informierte die verschwiegene Organisation über ihren ersten Corona-Fall, kurz zuvor hatte sie bereits ein Reiseverbot ausgesprochen und alle Meetings abgesagt. Natürlich gibt es keine Aussagen zu den Treffen des exklusivsten Dinnerzyklus der Weltwirtschaft – die genauen Daten der zweimonatlichen Treffen sind geheim. Aber immerhin präzisiert die Pressestelle: «Wichtige Meetings werden über Videokonferenz abgehalten.»

Selbst Fed-Chef Jerome ­Powell also, der als Lenker der mächtigsten Notenbank der Welt in Basel zuletzt das legendäre «Global Economy Meeting» leitet, blieb im Gespräch mit seinen Kollegen nur der schale Grossbildschirm. Den ­Gemeinschaftsgeist fördert das kaum – jeder denkt erst mal an sich.

Bilanz 06/2020 Markets Notenbanken

Refugium in Basel: Alle zwei Monate trafen sich die Notenbank-Chefs bei der BIZ – bis Corona kam.

Quelle: Monique Jansen

Schon vor Corona war die Welt der verschwiegenen Gilde alles ­andere als in Ordnung. Seit dem Ausbruch der Finanzkrise befand sie sich im Ausnahmezustand: Der Crash katapultierte die Techno­kraten in den Rettungssitz der Weltwirtschaft, und trotz leichter Er­holung in den letzten Jahren haben sie diesen Sitz nie wirklich ver­lassen. Rekordtiefe Zinsen, aufgeblähte Bilanzen, gigantische Geldmengen – und dennoch keine Inflation: Von Normalität und klas­sischer ökonomischer Lehre keine Spur. Gerade Nationalbank-Chef Jordan begründete dann auch all die Jahre die einschneidenden Massnahmen – Negativzinsen und Bilanz-Aufblähung – mit dem Ausnahme­zustand der globalen Geldpolitik.

2008 standen sturmerprobte Notenbanker an der Spitze der Geldbastionen. Dieses Mal nicht.

Und dann kam Corona – und die bange Frage: Können die Notenbanker auch dieses Mal die taumelnde Weltwirtschaft retten – bei schon rekordtiefen Zinsen? Und mit so ­wenig Erfahrung? 2008 standen sturmerprobte Notenbanker an der Spitze der wichtigsten Geldbastionen: Jean-Claude Trichet bei der ­Europäischen Zentralbank (EZB), Mervyn King bei der Bank of England, Fed-Chef Ben Bernanke, eine Koryphäe der Grossen Depression.

Novizen bei FED und EZB

Das ist heute anders: Die beiden wichtigsten Notenbanken der Welt werden von Novizen geleitet: In ­Washington steht seit zwei Jahren der unerfahrene Jerome Powell am Steuer, der seinen Posten einem Präsidenten verdankt, der nicht ­einmal den Anschein erweckt, die Zentralbank als unabhängig gelten zu lassen. Dass Trump den Fed-Chef mehrfach als Fehlbesetzung anschoss, mag nur als Randnote im alltäglichen Präsidial-Lärm durchgehen. Doch Fakt ist: Souverän wirkt Powell nicht.

Ende 2018 brach während seiner Ankündigung einer Zinserhöhung die Börse vor seinen ­Augen ein, und kurze Zeit später machte er sie nach heftiger Kritik des Präsidenten ­wieder rückgängig. Und dass er zu Beginn der Corona-Krise Zinssenkungen und Notfallprogramme während des laufenden Handels ­bekannt gab, sorgte bei Börsianern für heftiges Kopfschütteln.

In Frankfurt muss sich die Ex-Poli­tikerin Christine Lagarde, die ­anders als ihre Vorgänger nicht ­einmal ein Ökonomiestudium, geschweige denn einen Professoren­titel (wie Mario Draghi) vorweisen kann, erst in die hochtechnokratische Notenbank-Welt einarbeiten. All die Spezialprogramme von «CSPP» über «SREP» bis «TLTRO» sind schon für Veteranen schwere Kost. In ihren ersten Wochen war der kritisch beäugten Quereinsteigerin vor allem ein Bemühen anzumerken: Bloss keine Fehler machen.

Horrorszenario von Andrew Bailey

Und an der Spitze der ältesten Notenbank der Welt, der ehrwürdigen Bank of England, trat Ende März Mark Carney, lange der heimliche Star der Szene, nach sieben Jahren ab und wurde durch den unscheinbaren Technokraten Andrew Bailey ersetzt, bislang Chef der Regulierungsbehörde FCA.

Der Neue schockte die Märkte gleich mit dem ganz grossen Zeithorizont: Dass die Krise mit der Grossen Depression der dreissiger Jahre zu vergleichen sei, ist fast Konsens in der Ökonomen-Elite. Doch Bailey genügte das nicht. Er griff gleich mehr als 300 Jahre zurück: Zum «Grossen Frost» von 1709, als in Europa mehr als 700'000 Menschen durch Rekordkälte starben. Gewiss, Notenbanker sollten keine Euphoriker sein. Aber mit Horrorszenarien schaffen sie auch kein Vertrauen.

In Kanada begann zum 1. Juni mit Tiff Macklem ebenfalls ein Neuling, und so ist Thomas Jordan mit acht Amtsjahren bereits der Veteran ­unter den Hütern der sieben meistgehandelten Weltwährungen. Der höchstbezahlte ist er ohnehin: Mit 1,2 Millionen Franken bezieht er das Sechsfache von Fed-Chef Powell (siehe Tabelle oben).

Sinnkrise und Manövrierfähigkeit: Vor Corona galten die Notenbanker als beschränkt handlungsfähig.

Kommt hinzu, dass die Klasse von 2008 mit einer gut gefüllten Werkzeugbox in die Krise ging. Denn die Zinsen lagen vor der Krise noch in Bandbreiten zwischen zwei und vier Prozent – und liessen so üppigen Spielraum nach unten. Schon vor der Corona-Krise war die mangelnde Manövrierfähigkeit der Notenbanken gerade in Europa ein grosses Thema: Die Negativzinsen waren bereits an ihre Grenzen gestossen, und die Kritik an der Enteignung der Sparer wurde immer schärfer – besonders in der Schweiz, wo die Negativzinsen mit 0,75 Prozent weltweit den höchsten Wert annahmen. Das Horrorszenario: Stellt euch vor, es kommt eine richtige Krise – und wir können nichts tun.

Dazu steckten gerade in Europa die Notenbanken in einer Sinnkrise: Während in den USA mit dem sogenannten «Dual Mandate» Preisstabilität und Konjunkturunterstützung gleichwertige Ziele sind, bildet für die EZB wie für die SNB allein die Preisstabilität das oberste Ziel. Die Inflation ist jedoch seit der Finanzkrise tot, und so wichen beide auf Wechselkursziele aus: Die EZB stärkt den Euro – und die SNB schwächt den Franken.

Initiative Notenbanken

Doch allen Abgesängen zum Trotz – nur wenige Wochen nach den ersten Horrorbildern aus Bergamo lässt sich festhalten: Die Notenbanker können erstaunlich viel tun. «Sie sind genauso wichtig wie 2008», betont BNP-Paribas-Ökonom William De Vijlder, der in einer 40-seitigen Studie alle Massnahmen der Notenbanken seit Krisenbeginn aufgelistet hat. Allein die Massnahmen der Fed umfassen vier eng ­beschriebene Seiten.

Die Nationalbank hat «noch Luft nach oben»

Notenbank-Experte Daniel Kaufmann fordert von der Nationalbank stärkeres Eingreifen in der Corona-Krise – und sieht noch Raum für frische Taten. Das Interview lesen Sie hier.

An eigener Erfahrung mag es Vorsteher Powell fehlen, dafür greift er in grossem Stil auf die Erfahrungen aus der Finanzkrise zurück. Damals galt noch die Zinssteuerung als Hauptinstrument, erst nachdem dieses in den ersten Monaten auf­gebraucht war, tastete sich die ­führende Notenbank der Welt in neue Gefilde der geldpolitischen ­Lockerung vor, schön beschrieben mit dem Ausdruck «Quantitative ­Easing» (QE): Die ­Notenbank kauft Staatsanleihen auf, um die Liqui­dität im Markt hoch zu halten. Die Programme hatten genaue Volumen, sauber definierte Lauf­zeiten und beschränkten sich auf klar definierte Kaufziele – bestens be­leumundete Staatsanleihen. Insgesamt kaufte die Fed in drei QE-Programmen über sieben Jahre Staatsan­leihen in Höhe von 3700 Milliarden Dollar.

Powells Massnahmen seit Ausbruch der Corona-Krise gleichen da der Finanz­krisen-Bekämpfung im Turbozeitraffer: Zinsen auf null (so tief waren sie bei der Finanzkrise nie) sowie sofortige Ankündigung eines QE-Programms in nie gekannten Dimensionen: Keine Angaben zu Volumen und Laufzeit («so viel und lange wie nötig»), dazu ein Tabubruch bei den An­leihenkäufen: Selbst Junk-Bonds maroder Firmen landen jetzt in grossem Stil in der Fed-Bilanz.

In sieben Wochen Corona-Krise kaufte Powell mehr Anleihen als Bernanke und seine Nachfolgerin Janet Yellen in sieben Jahren. Vor der Corona-Krise war die Fed schüchtern in die Reduktion ihrer Bilanz eingestiegen und hatte den Wert unter 4000 Milliarden Dollar ­gedrückt. Jetzt liegen die Schätzungen bei zusätzlichen 7800 Milliarden – da ver­zwergen selbst die Finanzkrisen-Retter.

Bye-bye, Independence

Damit ist die viel gepriesene Unabhängigkeit der Notenbanker, eigentlich unverrückbares Mantra der Technokraten-Kaste, doch spätestens seit Trumps Dauer­attacken und dem Einknicken ­Powells schon heftigst unter Beschuss, ­genauso der Corona-Krise zum Opfer ge­fallen wie manch andere ­demokratische Errungenschaft. Hier rächt sich die fehlende Erfahrung und Standfestigkeit des Leitwolfs Powell.

Bislang war die Trennung von Fiskal- und Monetärpolitik ein tragender Pfeiler der ökonomischen Theorie, jetzt verschwimmt alles. Wenn die Notenbanken die Schulden des Staats übernehmen, weil sich sonst kein Käufer findet, und damit die Rettungsprogramme finanzieren, betreiben sie de facto Fiskal­politik, die eigentlich der Regierung obliegt. «Spätestens mit der Corona-Krise ist offensichtlich geworden, dass auch die Zentralbanken nicht mehr unabhängig sind», betont der Ökonom Klaus Wellershoff.

Dass bei der zweitmächtigsten Notenbank der Welt, der EZB in Frankfurt, seit November eine Politikerin an der Spitze steht, passt da bestens ins Bild. Christine Lagarde sei weder «eine Ökonomin noch eine erfahrene Notenbankerin», ­befand unlängst der «Economist», dafür aber eine «Politikerin und frühere Anwältin», was in diesen Tagen besonders wichtig sei: «Mit der ­Ökonomie allein kommt man nicht mehr so weit.»

Auch sie hat ein riesiges Rettungsprogramm aufgelegt und dabei eine rote Linie ihres ­Vorgängers Draghi bereits überschritten: Die Schrottanleihen der «Fallen Angels» landen jetzt auch bei der EZB. Dass sie in dem Kampf der Stabilitätsanhänger um den Bundesbank-Chef Jens Weidmann und den Niederländer Klaas Knot eher der Club-Med-Fraktion zuneigt, liegt schon in ihrer Nomination begründet: Der französische Präsident Emmanuel Macron setzte sie durch, und wie er steht auch sie für die im Norden verhasste Ver­gemeinschaftung der Schulden. Damit verkörpert sie das legendäre «Whatever it takes» ihres Vorgängers Draghi im Quadrat – die Unabhängigkeit der EZB steht da kaum ganz oben auf der Agenda.

Grosse Symbolkraft hat da auch die jüngste Volte bei der Bank of England, der ältesten Währungs­bastion der Welt: Die Regierung hat zugesichert, alle Verluste aus den riesigen Anleihenkäufen decken zu wollen. Lender of last resort? Boris Johnson und nicht Andrew Bailey. Bye-bye, Independence.

SCHWEIZ NATIONALBANK

Starker Franken, riesige Bilanzsumme, wenig Spielraum: SNB-Direktorium Fritz Zurbrügg, Thomas Jordan, Andréa Mächler.

Quelle: Marcel Bieri

Politisierte Notenbank

Und wo steht die Schweiz? Sie hat ein spezielles Problem: den zu starken Franken. Vor der Krise geriet Frontmann Jordan zunehmend unter Druck wegen des lange anhaltenden Negativzins-Regimes. Da bringt Corona Entspannung: Selbst die USA flirten mit Negativzinsen. Andererseits dürfte auch eine Verschärfung kein Thema sein – da folgt Jordan der EZB, und die macht erst mal nichts. «Sie hat eingesehen, dass eine weitere Erhöhung der Negativzinsen nicht effizient ist», betont BNP-Ökonom De Vijlder. Kaufprogramme für Frankenpapiere lehnt die SNB traditionell ab. «Sie verhält sich zurückhaltend und klug», betont Wellershoff. Ökonomieprofessor Daniel Kaufmann sieht dagegen schon noch Raum für frische Taten, wie er im Interview verrät (siehe auch oben).

Im Sturm der Politik

Aus Bundesbern bläst Währungshüter Thomas Jordan kräftiger Gegenwind entgegen. Das hat er sich auch selbst eingebrockt. Mehr dazu lesen Sie hier.

Jordans Problem ist die gigantische Bilanzsumme. Den Ausstieg aus dem Mindestkurs 2015 hatte er noch mit ihrem Wachstum begründet – jetzt ist die SNB-Bilanz mit einem Wert von 120 Prozent zum Brutto­inlandprodukt relativ die grösste der Welt.

Und natürlich ist auch sein Job politisch. Dass er zu Jahresbeginn die Ausschüttung an Bund und ­Kantone auf vier Milliarden Franken verdoppelte, war schon ein un­gewohntes Entgegenkommen. Im nächsten Jahr steht seine Wiederwahl an, und der üppig gefüllte ­Ausschüttungsfonds weckt in der Krise vielerorts Begehrlichkeiten.

Die wird er zwar rituell abschmettern. Doch an der Politisierung der Notenbanken ändert das nichts. Durch Corona steigt die Verschuldung so massiv, dass die Zentralbanken die Zinsen auf Jahre nicht erhöhen können. Sie sind zu Komplizen der Regierungen im grossen Schuldenspiel geworden.