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Volkswirtschaft
Wir steigern das Brutto-Gaga-Produkt

Lady Gaga: Komponieren ist ökonomisch bald das Gleiche, wie wenn eine Firma in eine neue Maschine investiert.

Die USA geben heute neue Wirtschaftsdaten bekannt: Dank einer neuen Berechnung erhöht sich das Bruttoinlandprodukt auf einen Schlag um Milliarden. Europa und die Schweiz ziehen nach.

Von Armin Müller
am 17.07.2013

Alles ist ein bisschen grösser in Amerika. Das gilt besonders für die neuesten Daten zur US-Wirtschaftsleistung, die das US-Statistikamt Bureau of Economic Analysis (BEA) heute bekannt geben wird. Das Bruttoinlandprodukt (BIP) der USA wird auf einen Schlag um gegen 500 Milliarden Dollar grösser ausgewiesen als bisher. Das ist so, als ob sich Amerika kurzerhand die Volkswirtschaften Argenti­niens oder Belgiens einverleiben würde.

Die Zunahme ist das Resultat einer fundamentalen Revision der BIP-Berechnung. Die US-Statistiker werden die Ausgaben für Forschung und Entwicklung (F&E) und für die Herstellung von immateriellen ­Gütern wie Filme, TV-Serien, Bücher oder Musik ­kapitalisieren. Bisher wurden solche Aufwendungen lediglich als Vorleistungen behandelt und vom Produk­tionswert abgezogen. Neu werden sie als Investitionen betrachtet und dem BIP hinzugerechnet.

Die britische Tageszeitung «Guardian» schiesst scharf gegen die Pläne der Statistiker: «Hollywood kreiert Märchen für die Leinwand. Jetzt hilft es dabei, Märchen über Amerikas Wirtschaftswachstum zu erschaffen.» Wie nach dem Genuss eines Schmachtfetzens werde sich Amerika für kurze Zeit besser fühlen, wenn das BIP höher ausfalle. Aber die Ernüchterung komme, «wenn wir das Theater des Wirtschaftsdramas verlassen und realisieren, dass sich unser Leben nicht verbessert hat». Die neuen Daten seien notorisch unzuverlässig und würden zur politischen Manipulation einladen. Hollywood sei schliesslich bekannt für trickreiche Buchhaltung. Statt die Nation mit der harten wirtschaftlichen Realität zu konfrontieren, habe man die «Traumfabrik» gewählt. Das werde kein Happy End geben.

Europa und die Schweiz ziehen nach

Politiker schummeln sich seit je gerne mit statistischen Kniffen aus der Misere. Doch diesmal liegt der «Guardian» falsch. Die BIP-Revision ist nicht politisch motiviert. Die USA werden auch nicht das einzige Land bleiben, das seine Statistik auf eine neue Basis stellt. Die Revision basiert auf einem internationalen Standard, den eine Expertengruppe in der Statistikkommission der UNO entwickelt hat. Im System of National Accounts (SNA) legt sie die Konzepte, Definitionen und Regeln zur Berechnung des BIP fest, um die internationale Vergleichbarkeit zu gewährleisten.

«SNA 2008» heisst die aktuelle Revision, auf die sich die internationale Gemeinschaft vor fünf Jahren geeinigt hat. Es ist bereits die fünfte Revision des Standardwerks seit dessen Gründung 1947. Die letzte Revision brachte Ende der 1990er-Jahre den Einbezug von Computer-Software in die BIP-Statistiken. Aus­tralien hat seine volkswirtschaftliche Gesamtrechnung bereits auf die neue Methode umgestellt. Ende Juli machen die USA den grossen Schritt. Die Schweiz zieht gemeinsam mit den EU-Staaten im September 2014 nach.

Das Ziel der Kapitalisierung von Aufwendungen für Forschung und Entwicklung und immaterielle Güter und Dienstleistungen ist nicht ein künstliches Aufblähen des BIP. Mit der Revision werde die Statistik ­näher an die wirtschaftliche Realität herangeführt, sagt Philippe Küttel, Sektionschef im Bundesamt für ­Statistik und verantwortlich für die Berechnung des BIP.

Mit der alten Methode werden beispielswiese die Forschungsaus­gaben von Roche oder Novartis statistisch behandelt wie Verbrauchsmaterial, Strom oder Anwaltskosten. Sie gelten als Vorleistungen, die im Herstellungsprozess verbraucht oder verarbeitet werden. Deshalb müssen sie vom Produktionswert abgezogen werden, um Mehrfachzählungen auszuschliessen. Nur die Wertschöpfung der Medikamentenproduktion geht in die BIP-Berechnung ein.

Im Unterschied zu anderen laufenden Ausgaben hat Forschung und Entwicklung jedoch langfristige Auswirkungen. Das daraus resultierende Know-how wird im Produktionsprozess nicht endgültig verbraucht. Im Gegenteil, es wächst von Jahr zu Jahr und kann auch in zukünftigen Produktionsprozessen wieder eingesetzt werden. Es entwertet sich lediglich, wenn es mit der Zeit veraltet. Damit haben Forschungsaufwendungen den Charakter von Investitionen. Wenn Roche und Novartis in Forschung investieren, machen sie wirtschaftlich nichts anderes, als wenn sich Victorinox für die Sackmesserproduktion einen neuen Roboter oder eine neue Schleifmaschine anschafft.

Ähnlich verhält es sich im Unterhaltungsgeschäft mit Filmen, Musik, Büchern oder langlebigen TV-Se­rien. Nach der bisherigen Methode zählen die verkauften CD, Online-Songs oder Konzerttickets von Lady Gaga zum BIP. Aber nicht die Monate vor dem Auftritt oder der Plattenveröffentlichung, welche die Künstlerin mit Komponieren und Proben verbringt. Die Ausgaben dafür werden als Vorleistungen abgezogen.

Wirtschaft ist zunehmend wissensbasiert

Doch wenn Lady Gaga einen Hit produziert oder Martin Scorsese einen Film macht, legt das die Basis für einen Strom zukünftiger Dienstleistungen. Beethoven arbeitete an seiner 9. Symphonie zwischen 1817 und 1824. Das war offensichtlich keine Vorleistung, die mit der ersten Aufführung verbraucht war. Sondern viel eher eine Investition, die seit bald 200 Jahren immer wieder neue Erträge abwirft.

Der Entscheid, Forschung und Entwicklung oder die Ausgaben zur Herstellung von künstlerischen Werken bisher als Vorleistungen zu behandeln, hatte vor allem praktische Gründe. Deren Berechnung und Einbezug in die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung sei schwierig, stellt das BFS fest. Doch die Methode machte nur so lange Sinn, als die meisten Unternehmen grösstenteils physische Produkte, Dinge zum Anfassen, herstellten.

In modernen Volkswirtschaften ist das je länger, je weniger der Fall. Immer mehr Produkte oder Dienstleistungen sind immaterieller Natur. Die Wirtschaft ist zunehmend wissensbasiert, informationsgetrieben und dienstleistungsorientiert. Ideen spielen eine ­immer grössere Rolle für das Wirtschaftswachstum. Dem muss die Statistik Rechnung tragen. Die neueste Revision ist deshalb der Versuch, das BIP dem sich verändernden Charakter der Wirtschaft anzupassen.

Wie wichtig etwa Forschung und Entwicklung für die Schweizer Volkswirtschaft geworden ist, zeigt eine aktuelle Untersuchung von Pierre Sollberger vom BFS. Die Investitionen in Forschung und Entwicklung stiegen von gut 11 Milliarden Franken in der ersten Hälfte der 1990er-Jahre auf 17,6 Milliarden im Jahr 2008, viel schneller als die Anlageinvestitionen (siehe Grafik). Deren Kapitalisierung hätte das BIP-Niveau in den untersuchten Jahren jeweils zwischen 2 und 2,7 Prozent höher ausfallen lassen als mit der alten Methode (siehe Grafik). Das entspricht der gesamten Wirtschaftsleistung des Kantons Zug, des immerhin 13.-grössten Kantons.

Leichter zu den Maastricht-Kriterien

Trotz den starken Auswirkungen auf das Niveau des BIP beeinflusst die Kapitalisierung der F&E-Aufwendungen die Wachstumsrate des BIP «nur geringfügig», wie Sollberger feststellt. Auf die Konjunkturentwicklung wird die Revision deshalb kurzfristig keine grossen Auswirkungen haben. Um die Vergleichbarkeit mit früheren Jahren zu gewährleisten, wird das BFS die BIP-Daten mit der neuen Methode bis ins Jahr 1990 zurückrechnen, sodass es im ­September 2014 nicht plötzlich einen Sprung in der Entwicklung geben wird.

Auswirkungen wird die Umstellung jedoch auf wichtige Kennzahlen haben, die in Relation zum BIP dargestellt werden. So könnte die Staatsverschuldung von heute 35,3 Prozent wegen des höheren BIP um 1 Prozentpunkt sinken. Das Ziel des Bundes, die ­öffentliche Entwicklungshilfe bis 2015 auf 0,5 Prozent des Bruttonationalprodukts zu erhöhen, wird mit der Revision etwas schwieriger zu erreichen sein.

Ein höheres BIP würde dagegen den Krisenstaaten in der Euro-Zone die Einhaltung der Maastricht-Kriterien etwas erleichtern, die Maximalwerte für Staatsverschuldung und Haushaltsdefizit in Relation zum BIP definieren. Dieses Argument könnte die Zurückhaltung gegenüber der Revision in der EU abbauen.

In den USA, die mit der Umstellung der EU und der Schweiz um gut ein Jahr voraus sind, werden die Auswirkungen auf das BIP schon deutlicher erkennbar. Die Kapitalisierung der Forschungsaufwendungen hätte das BIP von 2007 um rund 314 Milliarden Dollar erhöht. Hinzu kommen rund 70 Milliarden durch die Kapitalisierung im Film-, Musik-, Buch- und TV-Geschäft. Insgesamt wird das neu berechnete BIP um schätzungsweise 3 Prozent höher ausfallen als nach der alten Methode.

Die Schweiz und die USA mit ihrem hohen Anteil an forschungsintensiven Branchen sind von der Umstellung besonders betroffen. So sind die Auswirkungen auf das BIP-Niveau in Grossbritannien oder Kanada nur etwa halb so gross, wie ein erster grober Vergleich des BFS zeigt

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Verglichen mit früheren Umstellungen der volkswirtschaftlichen Statistik bleiben die Auswirkungen der «SNA 2008» jedoch beschränkt. Seit Politiker und Ökonomen im 17. Jahrhundert begannen, die Grösse der Volkswirtschaft zu vermessen, kam es ungefähr alle 50 bis 70 Jahre zu einer völligen Neudefinition der Wirtschaft, so Benjamin H. Mitra-Kahn in seiner Geschichte der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung.

Dabei kann Statistik gar den Lauf der Welt ver­ändern, wie Mitra-Khan darlegt. Vor dem Zweiten ­Weltkrieg zählten staatliche Ausgaben nicht zum Na­tionaleinkommen. Sie galten lediglich als Kosten für den Privatsektor. Für England, das auf einen Krieg mit Hitler-Deutschland zusteuerte, entwickelte sich die nationale Statistik zum politischen Problem. Zunehmende Investitionen in Waffenfabriken, Panzer und Flugzeuge gingen auf Kosten des privaten Konsums und der privaten Investitionen und reduzierten damit das offiziell ausgewiesene Wirtschaftswachstum.

Statistik ist kriegsentscheidend

John Maynard Keynes, schon damals der einflussreichste britische Ökonom, setzte sich vehement dafür ein, den Staat als Teil der Wirtschaft zu betrachten und entsprechend in die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung einzubeziehen. Er zählte nicht nur Konsum und Investitionen der Privaten und den Aus­senhandel zum Nationaleinkommen, sondern auch die Staatsausgaben. Die neue Definition konnte politisch für die Kriegsvorbereitung genutzt werden, denn jede Rüstungsausgabe erhöhte nun das Wirtschaftswachstum.

Die Umstellung der britischen Statistik genügte allerdings noch nicht. Schliesslich brauchte England US-Kredite, um seine Rüstung zu finanzieren. Eine wegen Staatsausgaben schrumpfende Wirtschaft drohte die Bereitschaft der Amerikaner zu beeinträchtigen. Deshalb mussten die Amerikaner von der Überlegenheit des neuen Konzepts überzeugt werden. Das gelang Keynes in Zusammenarbeit mit jungen Ökonomen im US-Statistikamt, wie Mitra-Khan in seiner Arbeit nachweist. Die neue BIP-Definition erleichterte es auch der US-Regierung, in die Kriegsvorbereitung zu investieren. Vergeblich warnte der US-Ökonom Simon Kuznets, das BIP werde «eine der meistbenutzten und meistmissbrauchten Quellen ökonomischer Information». Als geistiger Vater der alten Denkschule zog er gegen Keynes den Kürzeren.

Die Wirtschaftspolitik orientiert sich am BIP. Seine Entwicklung zeigt wie ein Fiebermesser den Gesundheitszustand einer Volkswirtschaft an. Noch bevor Daten gesammelt oder das Auf und Ab der Wirtschaft analysiert werden kann, definiert die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, was zählt und was nicht, was Wirtschaft ist und was Wachstum generiert. So enthält das BIP etwa nur bezahlte Arbeit, aber keine Hausarbeit, obwohl man diese schätzen könnte.

Die aktuelle Revision wird nicht die letzte sein. «Die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung verändert sich dauernd. Heute kommt die Kapitalisierung von F&E hinzu, vielleicht später mal das Humankapital», sagt Philippe Küttel vom BFS.

 

 

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