Welches sind die Lieblingssportarten der Amerikaner? Klar: American Football, Basketball und Baseball. Das Klischee sitzt in den Köpfen fest. Doch weit gefehlt. Die Amerikaner sind momentan offenbar alles andere als Fussball-Muffel. Hoch im Kurs ist die Weltmeisterschaft in Brasilien. Tatsächlich sind die USA hinter Brasilien der zweitgrösste Absatzmarkt für die diesjährigen WM-Tickets, wie der US-Fernsehsender NBC schreibt.

Laut dem Weltfussball-Verband Fifa sind in den USA rund 200'000 Plätze verkauft worden. Alleine beim ersten WM-Match des Teams um den deutschen Nationaltrainer Jürgen Klinsmann gegen Ghana fieberten gut 20'000 US-Bürger im Stadion von Natal mit. Damit war die Hälfe der Ränge gleich gefüllt. Dass im Land so viele Tickets verkauft werden, überrascht Experten nicht. 

Grösse und Geld als wichtigste Faktoren

Zum einen sind die USA bevölkerungsmässig das drittgrösste Land der Welt. Gemäss offiziellen Angaben leben dort über 318,9 Millionen Menschen. Das alleine bietet schon genug Potenzial für den Absatz von WM-Tickets. Wenn sich nur schon 10 Prozent der US-Bevölkerung – also gut 30 Millionen – für Fussball interessieren, ist das mehr als dreimal so viel wie die Schweiz Einwohner hat. 

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Eine wichtige Rolle spielt auch die Finanzkraft. Viele US-Bürger können es sich leisten, für ein WM-Spiel nach Brasilien zu reisen. Die USA gehören zu den reichsten Ländern der Welt. Laut dem Internationalen Währungsfonds (IWF) hatten die Amerikaner 2013 weltweit das neunthöchste Einkommen pro Kopf. Die vorderen Plätze belegen kleinere Länder wie Luxemburg, Norwegen, Katar oder die Schweiz auf Rang vier. 

Laurence DeGaris, Sportmarketing-Experte an der Universität in Indianapolis, sagt gegenüber NBC, dass die Grösse und das Geld «die primären Faktoren» für den Absatz von WM-Tickets sind. 

WM schlägt Stanley Cup

Zudem wird Fussball in Amerika immer beliebter. Das WM-Spiel USA gegen Portugal in Manaus am vergangenen Montag verfolgten laut NBC rund 24.7 Millionen US-Bürger an den Bildschirmen mit. Vor vier Jahren sahen 24,3 Millionen US-Fussballfans den WM-Final in Südafrika, obwohl die USA schon vorher ausgeschieden waren.

Mit den Zahlen kann sogar einer der begehrtesten und berühmtesten Sportevents nicht mithalten: der Stanley Cup. Für das Finalspiel 2013 um die wichtigste Eishockeytrophäe der Welt interessierten sich dreimal weniger US-Bürger. Damals schauten 8,2 Millionen das Spiel zwischen den Chicago Blackhawks und den Boston Bruins zu – so viele wie noch nie.

Geschlagen geben muss sich die Fussball-WM allerdings dem Super Bowl. Das Endspiel der amerikanischen Football Liga ist der grösste Sportevent der Welt und zog in diesem Jahr 111 Millionen vor die Fernseher.

Viele Mexikaner

Die Amerikaner begeistern sich an der WM in Brasilien nicht nur für ihre Heimmannschaft. Ein Grossteil der Fans kauften sich Tickets für Spiele anderer Nationen. So sind viele Mexiko-Anhänger in Brasilien anzutreffen. Kein Wunder: In den USA leben über 50 Millionen Menschen mit lateinamerikanischen Wurzeln. Davon haben laut NBC 65 Prozent Vorfahren aus Mexiko - also gut 35 Millionen Menschen. 

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Nur wenige WM-Tickets werden auf dem Sekundärmarkt über Agenturen wie Stubhub oder Ticketmaster gekauft. Sie steuern nur einen kleinen Teil der Absätze bei. Erste Anlaufstelle für Tickets sind die Online-Kanäle der Fifa.

Amerikas neue Olympischen Spiele

Ist Fussball also der neue Lieblingssport der Amerikaner? Laut US-Zeitschrift «The Atlantic» heisst die Antwort: Nein. «Fussball wird nicht Amerikas neues Baseball werden», schreibt sie. Mit den durchschnittlichen Einschaltquoten bei Meisterschaftsspielen im Football, Basketball und Baseball kann es Fussball nicht aufnehmen. Die WM interessiert die Amerikaner nur deshalb, weil die US-Ligen in der Sommerpause sind.

In dieser Ruhezeit haben auch andere Mega-Sportevents in den USA eine Chance. 2012 hatten etwa 32 Millionen Amerikaner den 100-Meter-Lauf von Top-Sprinter Usain Bolt bei den Olympischen Sommerspielen verfolgt. Ansonsten haben die Amerikaner nur wenig mit Leichtathletik am Hut. So dürfte auch die überwiegende Mehrheit der Amerikaner zwischen August und 2018 kein anderes Fussballspiel anschauen. Der «Atlantic» kommt daher zum Schluss: Die WM ist «Amerikas neue Olympischen Sommerspiele».

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