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Weltwirtschaft
Woher soll das Wachstum kommen?

Klaus Schwab, Gründer des Weltwirtschaftsforums. (Bild: Handelszeitung)

Uns steht ein Zeitalter schwindender Erwartungen und erhöhter Unsicherheit bevor. Hinsichtlich des Wachstums wird die Welt mit weniger leben müssen.

Von Klaus Schwab
am 08.01.2014

Zu Beginn des neuen Jahres befindet sich die Welt inmitten mehrerer kolossaler Umwälzungen. Es finden gleichzeitig eine Reihe von radikalen Veränderungen in der Weltwirtschaft, der Geopolitik und im Ökosystem unseres Planeten statt, die für Angst und vielerorts auch für Turbulenzen sorgen.

Aus ökonomischer Perspektive betrachtet, steht uns ein Zeitalter schwindender Erwartungen und erhöhter Unsicherheit bevor. Hinsichtlich des Wachstums wird die Welt mit weniger leben müssen. Um die Auswirkungen dieser Entwicklung zu verstehen, bedenke man Folgendes: Wüchse die Weltwirtschaft für absehbare Zeit im Vorkrisentempo weiter (über 5 Prozent pro Jahr), würde sich ihr Ausmass in weniger als 15 Jahren verdoppeln; bei einem Wachstum von 3 Prozent jährlich bräuchte es allerdings etwa 25 Jahre, bis sich das globale Bruttoinlandprodukt verdoppelt.

Dies bedeutet einen erheblichen Unterschied hinsichtlich des Tempos, in dem Wohlstand geschaffen wird. Daraus ergeben sich tiefgreifende Auswirkungen auf die Erwartungen.

Viele «Unbekannte» in den USA, in China, Europa und Japan

Die USA sind bestrebt, in einem gespaltenen politischen Umfeld das Wachstum anzukurbeln. China stellt sein bislang auf Investitionen und Exporte beruhendes Wachstumsmodell um und peilt ein auf Binnennachfrage basierendes Modell an. Europa kämpft um seine gemeinsame Währung und ist um die Lösung ­einer Vielzahl komplexer institutioneller Fragen bemüht. Japan versucht mit aggressiver und unkonventioneller Geldpolitik zwei Jahrzehnte der Deflation zu bekämpfen.

Jeder dieser Fälle birgt viele «Unbekannte», wobei die wechselseitige Abhängigkeit auf globaler Ebene die Gefahr weitreichender unbeabsichtigter Folgen erhöht. So hatte beispielsweise die Politik der quantitativen Lockerung (QE) der amerikanischen Notenbank Federal Reserve grossen Einfluss auf die Währungen anderer Länder sowie auf die Kapitalflüsse in und aus den Schwellenländern.

Die quantitative Lockerung der US-Notenbank Fed und die anderswo angewandten Spielarten dieser Politik führten zu einer dramatischen Ausweitung der Bilanzen der wichtigsten Zentralbanken (von 5 bis 6 Billionen Dollar vor der Krise auf beinahe 20 Billionen Dollar derzeit), wodurch die Finanzmärkte süchtig nach billigem Geld wurden. Dies ­wiederum führte auf globaler Ebene zu einer Jagd nach Rendite, zu einer künstlichen Vermögenspreisinflation und der Fehlallokation von Kapital.

Je länger daher die Politik der quantitativen Lockerung beibehalten wird, desto grösser der Kollateralschaden für die Realwirtschaft. Nun besteht die Sorge, dass strukturelle Probleme und Ungleichgewichte wieder zum Vorschein kommen, wenn die Fed beginnt, die QE zurückzufahren, und Dollar-Liquidität aus den globalen Märkten abfliesst. Schliesslich sind Reformen zur Förderung der Wettbewerbs­fähigkeit in vielen Industrieländern alles andere als abgeschlossen, während das Verhältnis zwischen den gesamten öffentlichen und privaten Schulden dieser Länder und deren BIP heute um 30 Prozent höher liegt als vor der Krise.

Die daraus resultierende Unsicherheit fällt mit einer wirtschaftlichen Abschwächung in vielen Schwellenländern zusammen. Im Jahr 2007 rechnete man damit, dass das Wachstum in den Schwellenmärkten jenes der Industrieländer bei Weitem übertreffen würde, bevor sich die Werte einander annähern. Heute tragen die Industrieländer mehr zum globalen BIP-Wachstum bei als die Schwellenländer, wo ein Wachstum von durchschnittlich 4 Prozent in den kommenden Jahren prognostiziert wird.

Der Abschwung in den Schwellenmärkten, vor allem in den grössten Ökonomien, könnte anhalten. In den letzten 15 Jahren haben die BRIC-Staaten (Brasilien, Russland, Indien und China) zwar bemerkenswerte Fortschritte erzielt, doch die durchgeführten Reformen – einschliesslich neuer Bankenregulierungen und Wechselkursregime – zählten zu den am einfachsten umzusetzenden Massnahmen.

Wirtschaftliche Ungleichheitnimmt zu

Die globale Verlangsamung des Wachstums findet vor dem Hintergrund steigender wirtschaftlicher Ungleichheit statt. Dies aufgrund des sinkenden Anteils der Arbeitskräfte am ­Nationaleinkommen – ein infolge der Globalisierung und des technischen Fortschritts weltweit auftretendes Phänomen, das für politische Entscheidungsträger eine ernste Herausforderung darstellt. Systeme, in denen sich Ungleichheit ausbreitet, oder die offenkundig nicht in der Lage sind, diese Entwicklung aufzuhalten, bergen den Keim ihrer Zerstörung in sich. Doch in einer wechselseitig abhängigen Welt gibt es keine offensichtliche Lösung, weil die hohe Mobilität des Kapitals den globalen Steuerwettbewerb schürt.

Selbst in Ländern mit stärkerer Wirtschaftsleistung wie den USA oder Grossbritannien muss das raschere BIP-Wachstum erst noch zu einer Steigerung der Realeinkommen führen. In den USA beispielsweise ist das Medianeinkommen der Haushalte seit dem Einsetzen der Erholung um über 5 Prozent gesunken. Allgemeiner formuliert ist festzustellen: Aufgrund der Auswirkungen eines steigenden Lebensstandards auf die Erwartungen schürt niedriges Wirtschaftswachstum Proteste und soziale Unruhen, vor allem in Ländern, die ehemals rasches Wachstum aufwiesen (wie beispielsweise Brasilien, die Türkei und Südafrika).

Investitionen in Infrastruktur,Bildung und grüne Energie

In einem derart aufgeladenen sozialen und politischen Kontext ist die Wiederherstellung eines qualitativ hochwertigen Wirtschaftswachstums von entscheidender Bedeutung. Doch wo soll es herkommen? Der technische Fortschritt ist eine klare, wenn auch höchst ­unsichere Möglichkeit. Zahlreiche bahnbrechende Technologien (wie etwa Hochleistungsrobotik, Genomik der nächsten Generation, Energiespeicherung, erneuerbare Energien und 3D-Drucker) könnten das zukünftige Wachstum vorantreiben, doch ihr volles Potenzial wird erst in ferner Zukunft auszuschöpfen sein.

Da die meisten Staaten mit haushaltspolitischen Beschränkungen konfrontiert sind, zögern deren offizielle Vertreter bei Projekten, die den öffentlichen Schuldenstand erhöhen könnten. Doch es bestehen auch einfachere Möglichkeiten – nämlich produktive Investi­tionen, die das langfristige Wachstum ankurbeln und sich somit rechnen. Ein Schwerpunkt auf vier Bereiche – Infrastruktur, Bildung, grüne Energie und nachhaltige Landwirtschaft – könnte hohe wirtschaftliche und soziale Er­träge generieren.

Unsere Gesellschaften müssen stärker von Unternehmergeist geprägt sein, sich vermehrt auf die Etablierung der Geschlechterparität konzentrieren und soziale Inklusion tiefer verankern. Es gibt einfach keinen anderen Weg, die Weltwirtschaft wieder auf einen starken und nachhaltigen Wachstumspfad zu führen.

Klaus Schwab ist Gründer und Präsident des Weltwirtschaftsforums (Wef). © Project Syndicate, 2014

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