Die Risiken für eine Deflation in der Schweiz nehmen wieder zu, wie der Präsident der Schweizerischen Nationalbank (SNB), Thomas Jordan, am Montag vor Journalisten in Genf sagte. Die Normalisierung der Geldpolitik werde daher noch einige Zeit in Anspruch nehmen.

Jordan bestätigte im Genfer «Club suisse de la presse» die Mitte September revidierten Prognosen der SNB: Die Notenbank rechnet für dieses Jahr noch mit einem Wachstum des Schweizer Bruttoinlandproduktes (BIP) um knapp 1,5 Prozent. Zuvor war sie von rund 2 Prozent ausgegangen. Bei der Teuerung erwarten die Währungshüter tiefe Raten: 0,1 Prozent dieses Jahr, 0,2 Prozent 2015 und 0,5 Prozent 2016.

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Negativzinsen sind nicht ausgeschlossen

Der SNB-Präsident betonte zudem, dass durch ein schwächer als erwartet ausgefallenes weltweites Wirtschaftswachstum die Risiken für eine Deflation gestiegen seien. Man wolle eine Deflation verhindern, sagte Jordan.

Die Nationalbank sei bereit, mit der Geldpolitik die Preisstabilität in der mittleren Frist zu garantieren. Dabei schliesse man keine Massnahme aus, erklärte Jordan. Zum Arsenal der geldpolitischen Instrumente zählten auch Negativzinsen.

Normalisierung braucht Zeit

Die Normalisierung der Geldpolitik werde noch einige Zeit dauern. Es sei schwierig, zu bestimmen, ob es sich dabei um zwei, drei oder fünf Jahre handle. Aber schliesslich würde das Wirtschaftssystem wieder ins Gleichgewicht finden.

Er zeigte sich überzeugt davon, dass die von Europa, den USA und Japan ergriffenen geldpolitischen Massnahmen «eine Situation echter Deflation» verhindern könnten. Dabei erinnerte er daran, dass die japanische Wirtschaft jahrelang mit dem Schreckensgespenst einer Inflation nahe null oder sogar einer Deflation konfrontiert war.

Abhängig von Situation in der Eurozone

Für die Schweiz sei es wichtig, die wirtschaftliche Situation in der Eurozone zu verbessern, unterstrich Jordan. Die Schweizer Konjunktur sei stärker von Europa abhängig als von den USA, wo die Wachstumsaussichten besser sind.

Der Schweizer Franken bewege sich eher mit dem Euro als mit dem Dollar, sagte Jordan. Dabei verschwieg er nicht, dass auch die Geldpolitik «nicht alles machen könne», und dass die europäischen Regierungen die strukturellen Probleme angehen müssten, wie etwa auf dem Arbeitsmarkt, bei der Budgetpolitik oder beim Mangel an Wettbewerb.

Anfälliges Wachstum

Das «zögerliche und heterogene» Wachstum der globalen Wirtschaft sei überdies anfällig für neue Störungen, fügte der Währungshüter hinzu. Die geopolitischen Risiken seien schlecht für die Erholung der Weltwirtschaft. Es müssten daher politische Lösungen gefunden werden.

Er hob hervor, dass Sanktionen, wie momentan gegen Russland, einen «negativen Einfluss auf den Handel und die Finanzmärkte» habe.

Schwächere Dynamik im Immobilienmarkt

Über die Situation an den Schweizer Immobilienmärkten befragt, erklärte der SNB-Präsident, dass der antizyklische Kapitalpuffer und die Selbstregulation der Banken einen «positiven Einfluss» ausgeübt hätten. Die Dynamik sei schwächer als noch vor 12 Monaten, sagte er.

Trotz der ersten positiven Zeichen sei es aber noch zu früh, um von einer guten Situation zu sprechen. Es gebe immer noch Ungleichgewichte, führte Jordan aus. Man müsse abwarten, ob weitere Massnahmen nötig seien oder ob die jetzigen genügten, um in die Richtung einer sanften Landung zu gehen.

(awp/ise/ama)