Die von ihnen initiierte Umfrage verdeutlicht die grossen Herausforderungen der Schweizer Exporteure. Sind Sie von den teils deutlichen Ergebnissen überrascht?
Ludovic Subran*: Es ist klar, dass es für die Schweizer Firmen hart wird. Das Hauptproblem, die starke Aufwertung des Frankens gegenüber dem Euro, trifft die Wirtschaft besonders deshalb, weil die Euro-Zone noch immer der mit Abstand wichtigste Absatzmarkt ist. Selbst wenn sich Schweizer Produkte stark über Marke und Qualität verkaufen, stellt dieser Kosteneffekt ein Risiko dar. Mit dem stärkeren Franken wächst zudem die Gefahr, dass Abnehmer ihre Rechnungen nicht pünktlich oder womöglich gar nicht begleichen.

Wo sehen sie diese Ausfallrisiken besonders?
Es gibt einige für die Schweiz wichtige Sektoren, in denen wir international ein steigendes Kreditausfallrisiko ausmachen. Vor allem gilt das für den Einzelhandel, die Textilbranche, aber auch Industriebereiche wie den Maschinenbau, die Produktion von Ausrüstungsteilen und Fahrzeugkomponenten. Für die Kunden wird es schlicht immer teurer, die Rechnungen zu bezahlen. Das Kreditrisiko in der Schweiz wird zunehmen.

Was bedeutet das für die Solvenz der Schweizer Firmen selbst?
Angesichts der steigenden Kreditrisiken und dem schwächeren gesamtwirtschaftlichen Wachstum von rund einem Prozent in diesem Jahr steigt die Zahl der Insolvenzen in der Schweiz erstmals seit der Finanzkrise deutlicher an. Wir rechnen für dieses Jahr mit rund 4450 Firmeninsolvenzen – das sind 5 Prozent mehr als noch 2014. Diese Zahl dürfte 2016 noch einmal leicht steigen.

Wie dramatisch wird das für die Gesamtwirtschaft?
Kurzfristig gibt es Turbulenzen, die ich aber für durchaus verkraftbar halte. Wir gehen für Ende 2015 von einem lediglich 10 Prozent stärkeren Franken zum Euro aus. Unterm Strich bedeutet das einen Rückgang der Schweizer Exporte um 4 Milliarden Franken in diesem Jahr – für eine entwickelte Volkswirtschaft ist das beträchtlich. Die Frage wird jedoch mehr sein, ob es langfristig zu einem Reputationsverlust kommt, wenn die Schweiz im Ausland generell als zu teuer wahrgenommen wird.

Das müssen Sie erklären.
Potenzielle Abnehmer im Ausland könnten Angst vor einem noch stärkeren Franken bekommen. Das würde die Produkte noch teurer machen und Kunden abschrecken – ungeachtet der hohen Schweizer Qualität.

Welche Möglichkeiten haben Schweizer Firmen nun?
Kurzfristig können die Kosten gesenkt werden, um die Auswirkungen des starken Franken abzufedern. Das sehen wir heute bereits. Langfristig wird das aber nicht reichen. Vielmehr liegt das Rezept in einer höheren Diversifikation – sowohl nach Produkten als auch nach Absatzregionen. Der Dollar hat gegenüber dem Franken kaum abgewertet. Da bietet es sich an, in Regionen zu exportieren, wo mit Dollar gezahlt wird oder die lokalen Währungen an den Dollar gebunden sind – etwa in Südostasien oder in arabischen Ländern.

Aber es ist kaum möglich, mal schnell neue Absatzmärkte zu erschliessen, um drohende Verluste in Europa zu kompensieren.
Das ist richtig. Auch wenn viele Schweizer Exportfirmen für ihre heute grossen Absatzmärkte in Europa wie Deutschland und Frankreich Rückgänge erwarten, wird es sehr schwer werden, neue Märkte zu erschliessen. Dafür muss alles neu aufgebaut werden, die Vertriebsstruktur oder lokale Partner vor Ort. Das erfordert eine langfristige Strategie, die viel Zeit braucht – ist aber letztlich wohl unumgänglich.

Was bleibt daneben als Ausweg?
Schweizer Firmen müssen für ihre Einkäufe mehr Partner im europäischen Ausland finden – denn dort ist es heute günstig einzukaufen. Daneben braucht es Investitionen, um die höheren Preise von Swissmade-Produkten zu rechtfertigen. Neben den klassischen Produkten braucht es entsprechende Dienstleistungen. In Übersee sollte der Kunde die gleiche Leistung bekommen wie in der Schweiz. Ich bin aber überzeugt, dass die Schweizer Firmen schon heute wissen, worauf es ankommt – und einen Ausweg finden werden. 

Ab wann geht es für die Schweizer Exportwirtschaft wieder aufwärts?
Erst Ende 2016 dürften die Ausfuhren wieder positiv zum Wachstum beitragen. Das grosse Fragezeichen werden die privaten und öffentlichen Investitionen sein, die in den vergangenen Jahren kaum gewachsen sind. Wie können die Investitionen gesteigert werden, wenn die Nachfrage aus Europa schwach ist und Unternehmen nur wenig Preissetzungsspielraum haben.

Viele Prognostiker erwarten für die Euro-Zone nun aber etwas Erholung. Sind sie da pessimistisch?
Kurzfristig gibt es positive Faktoren: Die Finanzierungskosten sind niedrig, ebenso die Energiepreise und der Euro. Und die Euro-Politik ist heute weniger problematisch als sie schon einmal war. Das Problem ist, langfristig Vertrauen aufzubauen – denn es geht darum, dass die privaten Haushalte wieder ihr Geld ausgeben und Firmen investieren. Es gibt kaum Preiszuwächse in der Euro-Zone, das stellt die Firmen vor Umsatzprobleme.

Sie sitzen in Paris. Frankreich wird öfter mal vorgeworfen, gerne von deutscher Seite, die Wirtschaft zu reformieren. Wie sehen Sie die Gemengelage?
Die Politik zeigt, etwa mit dem «Gesetz Macron», bereits in die richtige Richtung. Die Wirtschaft wird liberalisiert und an diesen strukturellen Reformen müssen wir festhalten – es geht nicht ohne sie. Daneben sprechen einige Faktoren für Frankreich: Unsere vergleichsweise günstige Demografie, die regen Innovationen und die starken Marken. Die Ergebnisse werden nicht über Nacht zu beobachten sein, aber sie werden kommen.

* Ludovic Subran ist Chefökonom beim global tätigen Kreditversicherer Euler Hermes. Das Unternehmen mit Sitz in Paris ist in mehr als 50 Ländern tätig und beschäftigt über 6000 Mitarbeiter. Zuvor arbeitete Subran für Frankreichs Finanzministerium, die UN und die Weltbank.