Kaum eine Stunde, bis die ­voluminösen Ledersessel, die adretten Sitzgruppen in der Lobby des Edelhotels Suvretta House nicht restlos besetzt wären. Meistens von Männern in eher lockerer Businesskleidung, immer wieder Hände schüttelnd, ab und zu von einer Frau. Es ist Kryptozeit in St. Moritz, und wenige Tage vor dem WEF treffen sich hier an der Crypto Finance Conference die Vermögenden mit jenen, die deren Geld anlegen wollen oder Kapital suchen. Die Ledersessel – sie machen die Verhandlungen einfach angenehmer.

Die Gäste wollen alle das eine: Irgendwie im neuen Sektor Krypto anlegen. «Partizipieren», wie das im Jargon heisst. Noch vor zwei Jahren – während des grossen Hypes – fand jedes noch so abstruse Projekt mit seinen eigenen Krypto-Coins seine Geldgeber. Doch heute sind die Investoren wählerischer. Was sie neben dem Direktkauf von Bitcoins vor allem interessiert, ist die neue Infrastruktur, die gerade aufgebaut wird. Auch in der Schweiz.

Börsen für die neuen Coins, Banken für die neuen Wertsachen, Aufbewahrer für die Zugangscodes zu den neuen Assets: Diese Dienstleister versprechen alle ein solides Geschäftsmodell und beständige Renditen, wenn die Nachfrage steigt. So wie damals der Verkauf von Schaufel und Pickel zu Zeiten des Goldrauschs die sichere Wette war. Wer das Gerät verkauft, macht seinen Schnitt unabhängig von Kursschwankungen von Gold – oder eben von Währungen wie Bitcoin und Ether.
 

Zahlreiche Firmen aus der Schweiz

Das scheint die aktuelle Stimmung unter den Investoren zu treffen, selbst wenn die meisten Konferenzteilnehmer weiterhin Bitcoins als digitales Gold aufkaufen. «Wir halten Bitcoins und investieren ansonsten direkt in die Infrastruktur», erklärt der Vertreter eines Genfer Family Offices, welches das Geld einer vermögenden Familie aus dem arabischen Raum verwaltet. Das geschieht meistens via klassische Aktien.

Der Genfer Vertreter ist in guter Gesellschaft: Jeder zweite von der «Handelszeitung» in St. Moritz befragte Investor möchte sich gerne am Aufbau der Infrastruktur betei­ligen. Inzwischen ist es allerdings bereits schwierig, an solide Werte wie etwa den US-Kryptodienstleister Coinbase heranzukommen, der schon mit mehreren Milliarden Dollar bewertet ist.

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842 Schweizer Krypto-Firmen

  • Crypto Valley: In der Schweiz gibt es laut einem Report vom Januar 2020 des Zuger Wagniskapitalgebers CV VC 842 Firmen, die im weiteren Sinne in der Krypto-Branche arbeiten. Kern des Crypto Valley ist Zug.
  • Finanzlastig: Die wenigsten Unternehmen sind allerdings Entwicklerfirmen, welche direkt neue Apps auf der Grundlage der Blockchain-Technologie entwerfen. Viele Jobs im Sektor hängen mit der Finanz-, der Anwalts- und der Beraterbranche zusammen.
  • Infrastruktur: Dank Rechtssicherheit und Tradition ist die Schweiz prädestiniert für Dienstleistungen rund um das Verwalten und sichere Aufbewahren von digitalen Assets. Aus diesem Grund sind in den letzten Jahren überdurchschnittlich viele Firmen hier entstanden oder haben hierher disloziert.

In der Schweiz versuchen ebenfalls zahlreiche Unternehmen, sich als Teil der entstehenden Infrastruktur zu profilieren. Bei den Lösungen für das sichere Aufbewahren der Zugangscodes zu Kryptovermögen sind etwa Crypto Finance, Metaco und Shift Cryptosecurity zu nennen. Ein ­genuin schweizerischer Handelsplatz ist Lykke, an dem inzwischen die TX Group (vormals Tamedia) namhaft beteiligt ist. Mit Seba und Sygnum existieren erste von der Finanzmarktaufsicht Finma abgesegnete Kryptobanken, andere wie Bitcoin Suisse sind in den Startlöchern.

Der Bekanntheitsgrad der Schweizer Unternehmen reicht in jedem Fall weiter als bis an die Landesgrenzen. Auch internationale Investoren zeigen sich interessiert. Das hilft auch den Infrastruktur­firmen. Seba beispielsweise – ebenfalls in St. Moritz vertreten – sucht nun 100 Millionen Franken frisches Kapital. Die Bank erhofft sich, das Geld unter anderem von Family Offices und Individuen zu erhalten, wie das Portal ­«Financial News» schreibt. Ein Führungsmitglied eines Schweizer Instituts bestätigt den Trend: «Wertaufbewahrer und Börsen sind gefragt. Denn sie werden nötig sein, damit die Alltagserfahrung für den Endkunden eine ähnliche ist wie bisher bei den etablierten Banken.»

NEW YORK, NY - FEBRUARY 08:  Internet Entrepreneurs Cameron Winklevoss and Tyler Winklevoss attends the amfAR New York Gala 2017 sponsored by FIJI Water at Cipriani Wall Street on February 8, 2017 in New York City.  (Photo by Craig Barritt/Getty Images for FIJI Water)

Die Milliardärszwillinge Tyler und Cameron Winklevoss: Vor zwei Jahren betitelten sie Krypto als das neue Gold. 

Quelle: Getty Images

Investieren via Fonds

Trotzdem sind die meisten Family Offi­ces noch zurückhaltend. Denn die ­Risiken bleiben beträchtlich. So kommt es vor, dass der Verantwortliche eines grossen Schweizer Family Offices privat massiv in den neuen Sektor investiert ist, das Office hingegen wegen Risikoaversion noch überhaupt nicht. Auch das dürfte sich mit voranschreitender Professionalisierung ändern. Diese Woche jedenfalls erklärten die ebenfalls im «Suvretta House» anwesenden Milliardärszwillinge Tyler und Cameron Winklevoss, Krypto-Assets auf ihrem Handelsplatz Gemini seien künftig mit 200 Millionen Dollar gegen Hacks versichert.

Ebenfalls zur Infrastruktur gehören die verschiedenen öffentlichen Blockchains. Sie stellen das Netzwerk und die Datenbanken bereit, worauf all die neuen digitalen Assets und Apps gründen. Einige der grossen Chains gehen in diesem Jahr live, andere wie Ethereum und Tezos sind bereits länger in Betrieb. Solche Blockchains stehen bisweilen ebenfalls auf der Shopping-Liste der Familiy Offices.

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In solchen Fällen helfen Investmenthäuser wie Multicapital oder Coinshares, welche im grossen Stil in einzelne Chains investieren, die Handhabung der Coins übernehmen und so den Kunden das klassische Erlebnis des Fondsinvestierens ermöglichen. Wichtig ist das gerade auch für institutionelle Anleger wie Pensionskassen, von denen in der Schweiz bisher nur ganz wenige die ersten zaghaften Schritte in Richtung Krypto machen. «Die Leute wollen Produkte, in die sie über eine Valorennummer auf dem klassischen Bankenweg investieren können», sagt ein Trader, der Gäste in St. Moritz berät.

Diesen Weg dürfte auch der Wagnis­kapitalgeber CV VC gehen, der in Blockchain-Firmen investiert. Sobald man in solche Startup-Sammlungen via Valorennummer investieren kann, wird das die Kundschaft in St. Moritz interessieren.