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Kryptowährungen
Too small to fail

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Selbst wenn das Platzen der Bitcoin-Blase kaum direkte Effekte hätte, sind indirekte Wirkungen nicht auszuschliessen.Quelle: Pixabay

Selbst wenn der Bitcoin auf null fallen würde, wären die Auswirkungen auf die Realwirtschaft gering. Optimisten erwarten eine Erholung des Bitcoin mit Preisen bis zu einer halben Million Dollar.

Von Matthias Niklowitz
am 15.10.2018

Als der Bitcoin in der zweiten Jahreshälfte 2017 zu seinem Boom ansetzte und sich der Preis von 2500 auf 15 000 Dollar versechsfachte (Mitte Dezember 2017 hatte sich der Bitcoin-Preis im Vergleich zum Sommer 2017 ganz kurz sogar verachtfacht), da tauchten in etlichen Medien Artikel zu den möglichen Folgen eines Bitcoin-Crash auf. Im Vordergrund stand die Frage, ob ein Sturz des Preises beziehungsweise das Ende der Preisblase auch auf die anderen Asset-Klassen übergreifen und weltweit eine neue Finanzkrise einleiten könnte.

Die wichtigsten Argumente, die gegen diese Ansteckungstheorie sprachen, war der kumulierte Wert des Bitcoin sowie aller weiteren 1400 damaligen Kryptowährungen: Dieser lag auch zu den allerbesten Zeiten bei maximal 300 Milliarden Dollar für den Bitcoin allein, zuzüglich kleinerer Vertreter wie Ether und Ripple bei maximal 600 Milliarden Dollar. Das entsprach damals dem Börsenwert von Microsoft. Zudem hielten laut einer Auswertung des US-Brokers Charles Schwab weltweit lediglich wenige tausend vorwiegend sehr vermögende Menschen Bitcoin in einem nennenswerten Umfang. Diese vermögenden Menschen kauften und hielten die Währung meistens. Sie gaben lediglich kleinere Beträge aus, wenn sie damit Rechnungen bezahlen konnten. Kurz: Wenn da die Blase geplatzt wäre, hätte das nur geringe Auswirkungen auf die Realwirtschaft gehabt.

Parallelen zur Dot-Com-Blase

Als Vorlage dieser Entwicklung diente das Platzen der Technologie- und Internet-Blase 2001. Im Vergleich zur damaligen Entwicklung folgte der Bitcoin gemäss den Analysten von Morgan Stanley dem gleichen Weg, und das Muster von scharfer Korrektur, kurzer Gegenbewegung und weiterer scharfer Korrektur war hinsichtlich der Ausschläge sehr gut mit dem Rückgang an der Nasdaq in der ersten Hälfte 2001 während des Platzens der Dotcom-Blase vergleichbar. Der grösste Unterschied war, dass beim Bitcoin die Korrekturen viel schneller erfolgten. Und, anders als man das von den konventionellen Wertpapiermärkten her kennt, wo nach dem Platzen einer Blase oft die Liquidität versiegt und sich die Baisse zusätzlich verschärft, stieg bei den Korrekturen beim Bitcoin jeweils das Bitcoin-Handelsvolumen.

Auch wenn das Platzen einer solchen Blase kaum direkte Effekte hätte, können indirekte Wirkungen laut den Analysten nicht ausgeschlossen werden: Es könnte die Marktpsychologie negativ beeinflussen und so auf andere Märkte wie etwa auf Aktienmärkte abfärben. Tatsächlich gibt es in den USA einige an der Wall Street gelistete Firmen, die direkte Bezüge zu Kryptowährungen aufweisen. So zum Beispiel Eastman Kodak, selber Opfer einer disruptiven Entwicklung, weil man vor 20 Jahren den Wandel von der analogen zur digitalen Fotografie verschlafen hatte, obwohl die Firma weltweit etliche Patente für die neue Ära hatte. Die Kodak-Aktie machte Anfang 2018 dann auch einen Sprung von 2,50 auf 12 Dollar, weil die Firma ein Verfahren ankündigte, um mittels der Blockchain-Technologie (die den Kryptowährungen zugrunde liegt) Bildrechte weltweit für die einzelnen Fotografen zu sichern und direkt handelbar zu machen. Zudem wollte man in das vermeintlich lukrative Bitcoin-Mining einsteigen. Beide Storys sind an den Märkten verpufft. Der Aktienkurs von Kodak ist nach einem kurzen Ausflug wieder auf das Ausgangsniveau zurückgefallen.

Weitere Firmen mit starkem Bitcoin-Bezug bilden eher Anekdoten für eine noch zu verfassende Kuriositätensammlung: Die völlig unbekannte Long Island Iced Tea Company beispielsweise benannte sich in Long Blockchain um, weil sie auf Investments in die Blockchain-Technologie umstellen wollte. Kurzfristig stieg der Aktienkurs um 200 Prozent.

Preisziel: 500 000 Dollar

Optimisten wollten Ende 2017 keine Blase und seither allenfalls eine völlig normale Korrektur erkennen, die erst den Weg für weitaus höhere Preise freilegen würde. Dan Morehead beispielsweise, CEO von Pantera Capital, einer Investment-Firma, die ausschliesslich auf Kryptowährungen setzt, sieht Bitcoin & Co. als Konkurrenten zu Banken, Kreditkartenfirmen, konventionellen Bezahlsystemen, zu den Fiat-Währungen und selbst als Alternative zum Gold. Wenn der Bitcoin bei solchen Anwendungen lediglich ein paar Prozente Marktanteil holt und die institu­tio­nellen Investoren erst so richtig einsteigen, dann liegt der faire Wert des Bitcoin laut Morehead bei einer halben Million Dollar. Lediglich negative Überraschungen bei der Regulierung sowie Verbote könnten diese strahlenden Aussichten durchkreuzen.

Grundsätzliche Skepsis kommt von den Anaylsten von Goldman Sachs. Allein das Gerücht, dass man den Ausbau eines Kryptowährungs-Handelsdesks bei der Investmentbank auf Eis legen werde, hatte im August weltweit den Bitcoin-Preis kurzfristig unter Druck gebracht. Tatsächlich ist man bei Goldman Sachs ebenfalls skeptisch und begründet das auch nüchtern: Selbst die seit Ende 2017 an den Terminbörsen von Chicago handelbaren Futures auf den Bitcoin-Preis lösen die grundsätzlichen Probleme nicht, die viele institutionelle Investoren mit dem Bitcoin haben. Konkret fehlt es an vertrauenswürdigen Custody-Services (erste sind jetzt auch in der Schweiz im Aufbau begriffen), dann braucht es ein zentrales Clearing an den Spotmärkten und schliesslich bestehen technische Risiken wie zum Beispiel Leitungsunterbrechungen. Die Lösung solcher Herausforderungen wird laut Goldman Sachs einige Jahre erfordern.

Maximalisten und Diversifizierer

Es bleibt die Frage, ob es die derzeitigen Kryptowährungen in fünf Jahren überhaupt noch geben wird. Gemäss den Goldman-Sachs-Analysten könnte sich die gleiche Entwicklung ergeben, die man bereits von der ersten Generation der Internet-Suchmaschinen her kennt, die längst wieder verschwunden sind: Bessere haben sie ersetzt, und sie haben sich weltweit durchgesetzt. Auch bei den Kryptowährungen könnte ein Bitcoin-Nachfolger die heutigen Probleme eleganter lösen und dann in der Realwirtschaft eine grössere Rolle spielen. Selbst einige der heutigen Coins und Token könnten zukünftig für spezielle Anwendungen, beispielsweise als technologische Basis für Kundenbindungsprogramme, in Marktnischen überleben. Ansonsten sind die längerfristigen Aussichten für angeschlagene Kryptowährungen düster, denn die Preise könnten gegen null tendieren.

Gemäss den Analysten von Morgan Stanley gibt es zwei Richtungen: Maximalisten erwarten, dass sich der Bitcoin (oder eine andere Kryptowährung) langfristig durchsetzen wird und dass alle weiteren Beschäftigungen mit konventionellen Alternativen eigentlich nur Zeitverschwendung sind. Diversifizierer hingegen setzen auf ein breites Spektrum an Kryptowährungen, damit sie rechtzeitig «dabei» sind, wenn sich eine durchsetzt.

Derzeit ist offen, ob das überhaupt realistisch ist. Die Analysten dämpfen bereits heute die Fantasien zu neuen Use-Cases, die dereinst den Durchbruch bringen könnten. So zeigt die Einführung eines neuen, auf QR-Code basierenden Payment-Systems in Indien, dass sich die finanzielle Inklusion, das heisst die Versorgung aller Menschen mit Finanzdienstleistungen, auch mit konventioneller Technologie, die zudem viel günstiger als das Bitcoin-Netzwerk ist, bewerkstelligen lässt. Zudem führt die aktuelle Entwicklung von regionalen und länderweiten Systemen wie in Singapur und in Australien eher zu einer «Balkanisierung» der einzelnen Blockchain-Technologien, was wiederum die Schaffung eines weltweiten einheitlichen Netzes unwahrscheinlich macht. Darüber hinaus ist der Energiebedarf für das Bitcoin-Netzwerk derzeit so hoch – er entspricht dem Stromverbrauch der Niederlande –, dass solche Investments nicht mit dem zunehmenden Social-Responsability-Bewusstsein von Investoren zu vereinbaren sind.

Geringe Akzeptanz

Darüber hinaus weisen Kryptowährungen weitere praktische Nachteile auf: Einerseits gibt es keine Einlagenversicherung und anderseits ist die Gefahr von Hackerangriffen auf schwach gesicherte Wallets und Kryptobörsen notorisch gross. Zudem liegen die Transaktionskosten bei 70 Dollar, und die Aufschläge bei Transaktionen in und aus dem Bitcoin in Fiat- und Kryptowährungen betragen bis zu 3 Prozent. Hinzu kommt, dass sich die Zahl der Akzeptanzstellen seit Jahren kaum verändert hat. Im wichtigen E-Commerce-Bereich in den USA nehmen derzeit lediglich vier kleinere Plattformen Bitcoin entgegen, vor zwei Jahren waren es noch fünf gewesen.

Solange die Akzeptanz von Kryptowährungen so gering ist, dürfte also auch das Platzen einer Kryptowährungsblase den Rest der Wirtschaft kaum in eine Finanzkrise stürzen.

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