Dass Adressbücher früher chaotisch waren, lag in der Natur der Sache. Man musste seine Kontakte ja alphabetisch und handschriftlich in ein kleines Büchlein eintragen. Irgendwie musste man entscheiden, ob man sich an den Vor- oder an den Nachnamen orientiert. Nachnamen wirkten bei engen Freunden und Familien immer etwas komisch, Vornamen bei Geschäftskontakten aber auch. Und schon ist das System wieder durcheinander.

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Als das Adressbuch aufs iPhone umzog, zog dieses System bei mir mit. Ganz vorne finden sich noch immer Aarons und Adams und der ADAC. Ob Adam und Aaron privat oder geschäftlich sind und wer dahinter steckt, keine Ahnung. Und die Nummer vom ADAC habe ich noch nie – sprich nie – angerufen. Wahrscheinlich gibt es sie längst nicht mehr.

Humin löst Adresschaos auf

Andere Kontakte finden sich nur als Email-Adressse wieder oder in vierfacher Ausführung. Manchmal habe ich versucht, statt des Nachnamens den Beruf einzutragen, um Ärzte und Anwälte und Makler später wieder identifizieren zu können. Dass das nicht wirklich die Lösung war, ahnte ich, akzeptierte die lose Ansammlung von Kontakten aber als notwendigen, nicht zufrieden stellenden Teil meines Lebens wie die Steuererklärung und die Müllabfuhr.

Humin nimmt das jetzt in die Hand. Die App soll dem Adressbuch, der letzten dummen Bastion auf dem Smartphone, Intelligenz einhauchen. Einmal installiert und Zugriff auf so ziemlich alle persönlichen Datenbanken gewährt (keine Sorge: Humin speichert alles lokal auf dem iPhone, nicht auf Servern in Kalifornien), pflügt Humin durch die Kontakte. Plötzlich sehe ich, wer sich ausser mir von meinen Kontakten gerade noch so in New York befindet, wer mit wem verknüpft ist und wer wo studiert hat.

Mehr Bilder und Verknüpfungen

Statt einfach nur schnöde mit Vor- und Nachnamen werden die Kontakte jetzt mit Bildern von Facebook oder Linkedin versorgt, wo immer das geht. Geht das nicht, werden sie zu hübschen Stock-Fotos wie Pflanzen oder Gebirgsbächen. Direkt aus der App kann ich dann anrufen oder texten.

In der Entwicklungsphase tat Gründer Ankur Jain sich mit Psychologen zusammen, um zu verstehen, wie Menschen Informationen verarbeiten. «Wir sind wirklich schlecht darin, uns Namen zu merken», war eine der wichtigsten Erkenntnisse. «Wir wollten Humin deshalb so aufbauen, wie sich Menschen tatsächlich an andere Menschen erinnern.» Und das heisst: Der Name ist meist nebensächlich und nach dem ersten Treffen ohnehin oft wieder vergessen. Stattdessen soll einem der Kontext einer Person auf die Sprünge helfen.

Örtliche Gedächnisstütze und prominente Beta-Tester

Wo habe ich wen getroffen, was haben wir gemeinsam? Gleichzeitig verrät einem die App, mit wem seiner Kontakte man demnächst verabredet ist und wer wann zu Besuch in der Stadt ist. «Jeder hat fünf verschiedene Einträge für dieselbe Person im Adressbuch. Warum hat das noch niemand geändert?», fragt sich Jain. Humin soll das Google des eigenen Adressbuches werden.

In der Theorie kann man nach Kontakten suchen, die man gestern oder vor einem Monat getroffen hat. Bei mir taucht aber auch bei dem Versuch, neue Kontakte aus 2014 zu finden, niemand auf, was entweder sehr traurig oder nicht wahr ist. Immerhin kann ich nach Freunden suchen, die etwa in Boston oder Zürich wohnen – vorausgesetzt, sie haben die Infos irgendwo preisgegeben. Gebe ich eine neue Nummer ein, sucht sich Humin die passenden Infos dazu zusammen.

Alte Kontakte werden ausgeblendet

Mit der Zeit soll Humin immer intelligenter werden und lernen, welche Kriterien mir besonders wichtig sind. Allerdings habe ich keinen Zugriff mehr auf eine komplette Liste. Ich vermute, das macht irgendwie Sinn, wenn man Humin vollständig verstanden hat, denn ich gehe davon aus, dass die App schlauer ist als ich. Trotzdem: Ich muss mich an meine Kontakte erinnern, um sie überhaupt suchen zu können. Durchs Adressbuch scrollen um das Gedächtnis aufzufrischen - keine Chance.

In den USA ist die App am 14. August gestartet - und hat schon im Vorfeld so viel Buzz bekommen wie wenige andere Anwendungen. Das liegt nicht nur daran, dass das Bedürfnis nach mehr Intelligenz im Adressbuch offenbar tatsächlich gross ist. Vor allem das intelligente Marketing der Macher sorgte für Aufmerksamkeit. Denn zu den erlesenen Beta-Testern gehörten CEOs wie Virgins Richard Branson, Hollywood-Schauspieler der A-List und Popstars wie will.i.am oder die Black Eyed Peas.

Kein Adressbuch ist voller als das von Ankur Jain

20.000 «Influencer» aus 70 Ländern sollen es gewesen sein. Die berichteten dann, wenig erstaunlich, dass Humin ihr Leben, oder zumindest die Art, wie sie Anrufe tätigen und mit wem sie Kontakt halten, dramatisch verändert habe. Plötzlich seien eben nicht mehr Adams und Aarons ganz oben in der Liste, auch wenn man sie schon seit Jahren aus dem Gedächtnis gestrichen habe - während der beste Freund namens Xander ganz nach unten verbannt ist.

Geholfen hat wohl auch, dass das Adressbuch von Ankur Jain selbst prall gefüllt ist mit erlesenen Namen. Sein Vater, Naveen Jain, Unternehmer und Angel Investor, schleppte den jungen Ankur schon auf wichtige Meetings mit, als der gerade sechs Jahre alt war. Mit 18 gründete er die Kairos Society, eine jährliche Konferenz für Unternehmer im College-Alter, auf der sie sich mit Business-Grössen wie Bill Gates und Politik-Schlachtrössern wie Bill Clinton treffen können. Vor drei Jahren wurde er vom Magazin Fast Company als «best-connected 21-year-old in the world» bezeichnet.

«Die Umsetzung ist revolutionär»

Das Humin-Team ist mit 31 Mitarbeitern zwar noch überschaubar, aber ebenso hochkarätig. Ankur Jain warb die Schwester von Mark Zuckerberg bei Google ab und holte Manager von Spotify und Autodesk nach San Francisco. Um Geld zu machen, will Jain in Zukunft Zusatzfunktionen anbieten, die es wert sind, dafür zu bezahlen. Jain träumt ausserdem vom Einsatz in Autos und Google Glass.

In Deutschland hat sich Humin gerade für eine exklusive Partnerschaft mit der Deutschen Telekom zusammengetan, deren Kunden noch vor allen anderen Zugriff auf die App und bestimmte Funktionen haben sollen. Die Vorstellung einer weiteren Adressbuch-App habe ihn zunächst nicht begeistert, so Marc Sommer vom Partnerprogramm der Telekom. «Aber die Umsetzung ist revolutionär.»

Neue Aufgabe für Humin

Bei mir hat Humin bislang allerdings nicht zur Telefon-Revolution geführt. An die Menschen, zu denen ich Kontakt halten will, erinnere ich mich zum Glück auch ohne Humin. Die vielen Zusatzfunktionen sind sicher nützlich, wenn man ähnlich viele Kontakte hat wie Ankur Jain und ähnlich gerne netzwerkt. Humin scheint auf den ersten Blick weniger für Menschen, die Facebook lieber meiden, wenn sie in der Heimatstadt sind, als vielmehr für jene, die sich gerne mal zum Auffrischen mit alten Kontakten treffen. Eine wichtige Funktion erfüllt die App aber auch bei mir schon jetzt: Kontakte, die weder Humin noch ich so richtig zuordnen können, werde ich vielleicht einfach mal aus dem Adressbuch schmeissen.

Humin gibt es gratis für das iPhone – bislang allerdings nur in den USA. Der Start in der Schweiz ist, ebenso wie die Android-Version, in Planung.

Dieser Artikel erschien zuerst auf Bold Economy – das umfassende Nachrichtenportal zur digitalen Revolution.