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App-Kritik
Der Blick ins Leben der Anderen

Ein schmaler Einblick in fremde Leben.   Screenshot oneminute

Wie sieht es eigentlich gerade in Tokio, Sydney oder Bern aus? Die Apps «oneminute» und «Tworlds» geben kurze Einblicke in fremde Leben rund um die Welt.

Von Thorsten Schröder (Bold Economy)
am 30.03.2015

Um Punkt 18:30 Uhr passiert es. «Spontanes Zusammenkommen!». Ich werfe die Spülbürste weg, trockne notdürftig meine Hände und stürze zum iPhone. 60 Sekunden. Ich öffne die App, lasse den Blick hektisch durch den Raum wandern, 45 Sekunden. Nach kurzem Zögern entscheide ich mich für den Blick durch mein Wohnzimmer auf die gegenüberliegenden Häuser. 35 Sekunden. Ich drücke auf den Knopf und bin erleichtert. Im zweiten Versuch gehöre ich endlich dazu, zum größten Selfie der Welt.

Seit ich «oneminute» auf meinem iPhone installiert habe, hat eine Minute des Tages ganz besondere Bedeutung: Die, in der alle Welt gleichzeitig zum Telefon greift. Wann es passiert, das ist offen. «Es geht mir darum, ein spontanes Stück Leben in einer bestimmten Minute des Tages festzuhalten», erzählt Alex Kwon per Twitter, Co-Gründer der App oneminute. Genauer gesagt: So viele Stücke Leben wie möglich. 

Der Countdown läuft unerbittlich

Wenn die App den Startschuss gibt, bleibt den Nutzern genau eine Minute, um das Motiv zu finden, das sie und ihre Welt gerade am besten beschreibt. Wer zu langsam ist, ist raus. Während ich diesen Text schreibe, schiele ich deshalb immer wieder verstohlen hinüber zu meinem iPhone, um mein Handy nicht noch einmal im falschen Moment aus den Augen zu lassen.

Aus dem Ergebnis kreiert oneminute eine Galerie aus Momentaufnahmen aus aller Welt. Es finden sich Straßenszenen in Nashville, Biergläser in Sydney und Katzen in Alabama. Nicht für alle kommt das Signal offenbar im richtigen Moment: Neben schönen Panoramaaufnahmen zeigt die Collage auch Klopapierrollen und Badezimmertüren. Wem ein Bild gefällt, der kann es mit bis zu drei Herzen oder einem Kommentar würdigen, die schönsten Collagen werden auf Instagram gesammelt.  

Der Augenblick zählt

Die einzelnen Bilder sind beschränkt auf schmale Streifen, ähnlich dem Blick durch leicht zugekniffene Augen. Damit, erklärt Kwong, solle den Nutzern ein bisschen der Druck genommen werden, hochstilisierte Bilder in Instagram-Manier zu kreieren. Gleichzeitig verringere es das Risiko, dass es am Ende zu viel nackte Haut zu sehen gebe.

Allerdings mache es das knappe Zeitfenster ohnehin schwierig, unangebrachte Fotos um die Welt zu senden, glaubt der Gründer. Sein Konzept scheint aufzugehen: Entwickelt hat Kwong die App auf einem einstündigen Hackathon Ende Februar - nach nur drei Wochen hatte oneminute über 30'000 Nutzer.

Einblicke in andere Leben    

Wer es etwas persönlicher will, für den gibt es Tworlds. Die App funktioniert ähnlich und doch ganz anders: Tworlds verknüpft einen nicht mit der ganzen Welt, sondern nur mit einem einzigen, willkürlich ausgesuchten Nutzer. Die Bilder folgen vorgegebenen Hashtags wie #drink, #selfie, #WOW, #color oder #love. Ich schicke ein Selfie und bekomme eines aus Sao Paulo zurück, ich schicke ein Foto meiner Thermoskanne und bekomme eine Bierflasche aus Indien.

Kontakt aufnehmen kann man nicht, einen Nutzernamen gibt es auch nicht. Alles anonym, alles ohne Druck.   Die Idee hatte der holländische Modedesigner Antoine Peters, seit zwei Monaten ist die App zu haben, inzwischen haben rund 16'000 Nutzer 150'000 «Tworlds» erstellt. «Mein Ziel bei allem, was ich tue, ist es, so viele Menschen wie möglich miteinander zu verbinden», schreibt er per Email. Und er traut seiner App viel zu. Für einige sei es sicher eine Art lustiger Wettbewerb. Wer hat mehr Spaß? Wessen Baby ist süßer? Und wer hat den schöneren Blick beim Kaffee? Anderen helfe es dagegen vielleicht zu sehen, wer auf der Welt gerade auch traurig oder sauer oder schlaflos ist. 

Oneminute gibt es gratis für iOS und Android, Tworlds bislang nur fürs iPhone

 

Dieser Artikel erschien zuerst auf Bold Economy – das umfassende Nachrichtenportal zur digitalen Revolution.

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