Mir ist es gerade schon wieder passiert. Eigentlich möchte ich nur schauen, ob Marco noch in Süditalien studiert. Stattdessen bleibe ich im Facebook-Newsfeed hängen. Während ich durch die neuesten Meldungen scrolle, begegnen mir unzählige Hundefotos, komische Videos und aufdrängende Werbeanzeigen. Auch Fotos der letzten Mahlzeit, von Freunden gelikte Memes und unnötige Statusmeldungen sind darunter. Dabei möchte ich im Grunde doch nur mit meinen Freunden in Kontakt bleiben und an ihrem sozialen Leben teilhaben.

Das mit den sozialen Netzwerken ist so eine Sache. Mit der festen Absicht, nur die neuesten Urlaubsbilder der Freunde zu bestaunen und dem alten Schulfreund noch eben schnell zum Geburtstag zu gratulieren, loggen wir uns guten Willens in unseren Facebook-Account ein. Eine Stunde später stellen wir dann mit ziemlicher Regelmässigkeit fest, dass wir weder das eine noch das andere getan haben.

Ablenkungsfreies Netzwerken

Nattch möchte genau hier helfen und bietet eine Plattform, auf der Freunde nur persönliche Fotos, Gedanken und Erinnerungen teilen können. Die Plattform will ablenkungsfreies Netzwerken ermöglichen. Anders als bei Facebook, Twitter & Co. dürfen hier, heisst es in den Bestimmungen, nur «nutzerrelevante» Inhalte geteilt werden.

Im Fokus steht dabei laut den Machern nicht die wirtschaftliche Nutzung der Daten, sondern Inhalte aus dem tatsächlichen Leben der Nutzer und der Austausch mit echten Menschen, nicht mit Marken und Medien. Momente, Gedanken und Beiträge werden in Form eines Fotos oder eines «cleveren» 140-Zeichen langen Beitrags geteilt. Nattch hat den Anspruch, ein «sauberes» Netzwerk zu sein – und bittet daher alle Nutzer, irrelevante Beiträge zu «reporten».

Auch nach Stunden keine Likes und Kommentare

Die Nattch-Website verrät, dass «Nattch absolut wertlos ist, solange die eigenen Freunde es nicht benutzen». Und so gibt es gleich beim Start ein gravierendes Problem: Kein einziger meiner Online-Freunde ist bei Nattch angemeldet, obwohl das Startup bereits im August 2013 gegründet wurde. Ist Nattch für mich also absolut wertlos? Ich beschliesse der App eine Chance zu geben und versende Einladungen an meine Freunde.

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Nachdem ich mich mit meinem Facebook-Account angemeldet habe, suche ich über den «find friends» Button nach weiteren Nutzern. Mein Bedürfnis, die hier wahllos aufgelisteten Personen zu meinen Freunden zu machen, hält sich allerdings in Grenzen. Ohne weitere Einstellungsmöglichkeiten stelle ich die Suche schon nach kurzer Zeit wieder ein.

Auch der Discover-Feed läuft schleppend

Ich versuche es im «Discover»-Feed. Der ist für alle offen und es finden sich Beiträge von mir fremden Menschen aus aller Welt. Vielleicht ist ja doch etwas spannendes dabei. Doch nach ein klein wenig Gewische durch den Feed stelle ich ernüchtert fest: Die «neueste» Mitteilung ist zwölf Stunden alt. So kommentierte Uwe beispielsweise sein Cappuccino-Foto mit «... lazy afternoon ...» während Ulrika der Community einen «guten Morgen» wünschte. Die wirklich wichtigen Dinge scheinen woanders zu passieren.

Ich versuche, etwas Schwung in das Netzwerk zu bringen. Der Aufforderung «write something clever ...» folge ich und füge meinem 140 Zeichen langen Kommentar auch gleich ein Foto vom Empire State Building hinzu. Allerdings herrscht auch nach Stunden noch vollkommene Flaute: Mein Post hat nicht einen Kommentar oder Like. Ein soziales Netzwerk ohne Austausch, ohne Aktivität und ohne Neuigkeiten verliert schnell seinen Sinn.

Im besten Fall eine Investition in meine soziale Zukunft

Eine werbefreie, persönliche und auf rein zwischenmenschlichen Austausch beruhende Plattform – das klingt zu gut, um wahr zu sein. Zu viele Fragezeichen stehen noch im Raum: Wie kann sich ein soziales Netzwerk ohne Werbeeinnahmen langfristig finanzieren? Wie wird das Netzwerk «sauber» gehalten und wer entscheidet eigentlich, welcher Beitrag relevant ist und welcher nicht? Es werden Erinnerungen wach an Ello – ein weiteres werbefreies Netzwerk mit guten Absichten, um das letztes Jahr ein Hype entbrannte.

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Doch inzwischen hat auch das mit Schwierigkeiten zu kämpfen. Ello gelang es nach der Anfangseuphorie nicht, den hohen Erwartungsdruck zu erfüllen. Inzwischen ist das Netzwerk weitgehend in der digitalen Versenkung verschwunden. Video- und Audiodateien können allerdings in diese Plattform eingebettet und unter Umständen mit Werbung verbunden werden. Und in den AGBs hält sich Ello dann doch noch die Möglichkeit der Datenweitergabe frei. Mit kostenpflichtigen Zusatzfunktionen, wie etwa die Verwaltung mehrerer Ello-Profile über einen einzigen Log-in, versuchen die Macher sich über Wasser zu halten.

Kurz bevor ich auch bei Nattch die Hoffnung verliere, brummt mein iPhone. Eine Push-Benachrichtigung teilt mir mit, dass mein Beitrag von einem User gelikt wurde. Vielleicht hat sich die Investition von saftigen 1,99 Euro ja doch gelohnt, denke ich – und hoffe auf erhöhte Aktivität in der Zukunft.

Nattch gibt es für Android und iOS und kostet 1,99 Euro.

 

Dieser Artikel erschien zuerst auf Bold Economy – das umfassende Nachrichtenportal zur digitalen Revolution.