Auf den ersten Blick gibt sich Banjo harmlos. Unter «News» finde ich einen entlaufenden Tiger in Oklahoma, einen brennenden Kleinlaster in Los Angeles und einen Stromausfall in London. Zoome ich an die Südspitze Manhattans, finden sich Bilder von Keksen, dem World Trade Center und mir völlig fremden Menschen, die ein paar Fotos aus früheren Zeiten auf Instagram teilen.

Klicke ich auf «Trending Events», stoße ich unter anderem auf ein Fußballspiel in der Türkei und ein Konzert in Kanada. Ich könnte die App jetzt wieder schließen und als semi-spannende Nachrichten-App verbuchen.

Der «Puls des Planeten»

Doch das wäre etwas voreilig. Denn Banjo will nicht weniger und nicht mehr sein als der «Puls des Planeten». Die App ist in der Lage, Ereignisse und Entwicklungen aufzuspüren - oft schneller als TV-Sender und Online-Medien. Das Programm scannt dazu ununterbrochen öffentliche Post dutzender soziale Netzwerke - darunter Facebook, Instagram und Twitter ebenso wie das russische VKontakte und das chinesische Weibo - nach relevanten Fotos, Posts und Videos. Relevant, das heißt: Abweichend von dem, was an den entsprechenden Orten üblicherweise passiert.

Wie das funktioniert? Banjo hat die Welt in rund 35 Milliarden fußballfeldgroße Parzellen eingeteilt und weiß dank der Masse an Daten, was an einem normalen Tag am Times Square in New York oder rund um das Weiße Haus los ist. Kommt es zu Abweichungen, weil sich bestimmte Wörter wie «gun» oder Bilder einer Explosion häufen, schlägt das System Alarm. Die Macher brüsten sich damit, die Gas-Explosion in Manhattans Lower East Side im März ganze 58 Minuten vor der Nachrichtenagentur AP entdeckt zu haben.

Anzeige

Die App zeigt, was in den Sekunden vor dem Erdbeben in Nepal los war

Am Abend bekomme auch ich eine Push-Mitteilung, dass in der Nähe einer New Yorker U-Bahn-Station ein Auto explodiert ist, nachdem mehrere Leute Bilder auf Twitter und Instagram gepostet haben. Hashtags, Tags und Stichwörter braucht es nicht. Hier generiert die Welt ihre Nachrichten selbst. Und die App kann noch mehr. Banjo gibt uns die Möglichkeit, die Zeit zurückzudrehen und so etwa zu sehen, was in den Minuten vor dem Bombenattentat in Boston rund um den Tatort oder vor dem Erdbeben in Nepal auf den Straßen von Kathmandu los war - als noch niemand genau hingeschaut hat.

Dass der Dienst deshalb vor allem für Medienorganisationen interessant ist, leuchtet ein. Zahlreiche Häuser zahlen inzwischen viel Geld an Banjo, um im Ernstfall als einer der Ersten informiert zu werden. Aber auch Finanzunternehmen, Banken und Hedgefonds wollen von den Instant-Nachrichten profitieren. Denn wer als erstes von einer Öl-Explosion in Saudi-Arabien erfährt, der kann ins Geschäft einsteigen, bevor der Preis in die Höhe schnellt. Das Magazin Inc. nannte Banjo «die wichtigste social media Firma, von der Sie noch nie gehört haben».

Mit Banjo wird der Laptop zur Drohne

Hinter Banjo steckt Damien Patton, ehemaliger Soldat, Nascar-Mechaniker und Autodidakt, der jahrelang auch für die Spurensicherung arbeitete und sich das Programmieren selbst beibrachte. Die erste App-Idee kam ihm, als er vor Jahren am Flughafen einen alten Army-Buddy nur um wenige Minuten verpasste. Er träumte von einer App, die Freunde über verschiedene Netzwerke hinweg orten und den Nutzer alarmieren kann, wenn sich ein Kontakt in der Nähe befindet.

Anzeige

Das Ergebnis war «Friend Compass». Doch das Ganze schien ihm zu sehr Messaging-App und zu wenig neu. Er stampfte das Projekt ein, setzte sich wieder an den Laptop und programmierte innerhalb von 72 Stunden Banjo 1.0, ein soziales Netzwerk mit ein paar netten Zusatzfunktionen, das Aktivitäten und Kontakte in der Nähe anzeigen konnte.

Anfang des Jahres dann machte Banjo den Sprung von einem News-Feed, der Nutzern folgt, zu einem, der nach Events und Orten sortiert. Inzwischen hat Banjo mehr als 26 Millionen Dollar eingesammelt und die App wurde rund 7,5 Millionen Mal heruntergeladen. Das Ergebnis, so die Firma selbst, mache den Laptop zur Drohne, die vom Schreibtisch aus in alle Ecken der Welt gelenkt werden kann.

 

Dieser Artikel erschien zuerst auf Bold Economy – das umfassende Nachrichtenportal zur digitalen Revolution.