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Kolumne
Digitales Leben: Meine Lauf-App ist grausam

Anstrengend: Mangelnde Kondition wird mit der Lauf-App deutlicher. CC/flickr/Peter Mooney

Jogging mit der Lauf-App soll Spass machen - und nicht demotivieren. Doch die App hält viele unbequeme Wahrheiten für den Läufer bereit.

Von Tim Höfinghoff
am 23.06.2015

Eigentlich dachte ich, dass meine Lauf-App mein Freund sei. Immerhin versprach sie mir, meine Fitnessziele mit Spass zu erreichen. Auch deshalb hatte ich sie heruntergeladen. Um Spass zu haben – und nicht, um mich demotivieren zu lassen.

Aber wie motivierend ist es, wenn ich wieder mit dem Laufen beginne und meine App starte, sie aber nicht öffnen kann, weil ich das Passwort nicht mehr weiss? Muss die App dann so grausam sein und mir eine Nachricht schicken, die «Passwort zurücksetzen» lautet? Hätte sie mir nicht sagen können: «Schön, du bist wieder da, dein Passwort habe ich mir gemerkt, los gehts!»

Neun Monate kein Sport

Doch das war nur der erste Teil der Grausamkeiten: Denn die App hatte gespeichert, wann ich das letzte Mal joggen war. Es war vor neun Monaten. Dass es so lange her ist, wollte ich nicht wissen. Ich bin trotzdem losgelaufen.

Nach einer Weile hätte ich gerne pausiert, das Atmen fiel schwer. Doch ein schneller Blick auf die App zeigte, dass ich nur 1,94 Kilometer hinter mir hatte. Das war mir zu peinlich, um schon stehen zu bleiben. Ich bin weitergelaufen und habe Jogger gezählt, die mich überholten. Das war auch keine Freude. Nach 14 Joggern innerhalb von vier Minuten habe ich aufgehört zu zählen. Auch die vielen T-Shirts mit Schriften wie «Finisher Marathon hier» und «Finisher Rundlauf dort» waren nervig.

Powersong zur Motivation

Mir ist schnell klar geworden, dass ich ein Motiva­tionsproblem habe. Dafür nur die App verantwortlich machen, ist natürlich nicht ganz fair. Zumal sie sogar eine Option bietet, mit der ich mich live von Freunden anfeuern lassen kann. Auch einen Powersong kann ich speichern für den nötigen Motiva­tionsschub.

Ich glaube, bei meiner jetzigen Laufleistung brauche ich bestimmt mehr als nur einen Powersong. Also habe ich mich mit meiner App versöhnt: Ich suche nun nach einem passenden Lied.

Tim Höfinghoff ist Textchef der «Handelszeitung».  Hier schreibt er regelmässig über das digitale Leben.

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