Das letzte Mal muss ich Foursquare Ende 2010 benutzt haben. Darauf zumindest deutet das gespeicherte Profilfoto hin, das nach dem Öffnen erscheint. Es ist noch aus Studentenzeiten. Damals hat es grossen Spass gemacht, auf der eigenen Dachterrasse oder in der Uni-Mensa «einzuchecken» und nach kurzer Zeit zum «Bürgermeister» aufzusteigen oder andere virtuelle Abzeichen angesteckt zu bekommen. Was man davon hatte ausser ein bisschen virtuellen Ruhm und dem kleinen Sieg über alle anderen Mensa-Besucher, ich erinnere mich nicht.

Was ich weiss: Irgendwann hatte sich die Idee ausgereizt, meine Check-ins wurden weniger - bis die App vom Homescreen in einen Unterordner mit dem Namen «Reisen» umziehen musste. Alle Aufrufe von Freunden, der App noch eine Chance zu geben, verhallten. Einchecken konnte man schliesslich längst auch auf Facebook und Instagram.

Foursquare soll beliebte Orte zeigen

Doch mit dem Nischenplatz wollen sich die Macher nicht länger zufrieden geben. In dieser Woche stellte Foursquare eine neue (die achte) Version seiner App vor - und blies in Interviews zum grossen Angriff auf lokale Reiseführer wie Yelp und Co. Die Ergebnisse der Konkurrenz, hiess es zum Start, seien schlicht nicht gut genug, weil kaum personalisiert. Und das sei den Nutzern eben einfach bislang nicht klar gewesen. In comes Foursquare. Again.

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Das Programm soll zum ständigen Begleiter werden. Wir sollen die Welt erkunden, wie sie uns Foursquare offenlegt. Helfen sollen dabei unzählige Datensätze, die das Unternehmen mit Hilfe seiner 50 Millionen Nutzer und deren sechs Milliarden Check-ins in den vergangenen fünf Jahren gesammelt hat. Mit Filtern kann nicht nur nach Plätzen gesucht werden, die hundefreundlich sind und Wlan haben, sondern es können auch Orte herausgefiltert werden, die man in der Vergangenheit gemieden hat oder aber die Freunde besonders gern besuchen.

Mit «Brunch» und «Cozy Places» New York zurechtschneiden

Also gut. Ich krame Foursquare nach kurzer Suche (auf den ersten Blick erkenne ich es wegen des neuen Logos nicht wieder) aus dem Unterordner hervor und platziere es rechts unten auf dem Homescreen. Hello again! Zu Beginn will mich die App noch ein bisschen besser kennen lernen. Es beruhigt mich, dass Foursquare mich in den Jahren, in denen wir getrennte Wege gegangen sind, nicht aus dem Hintergrund beobachtet hat und ohnehin schon alles weiss. Ich klicke auf Interessen: von «Brunch» über «Cozy Places» bis «Public Art», um die künftige Trefferquote zu erhöhen und New York für mich zurechtzuschneiden.

Dank der Verknüpfung mit Facebook, Twitter und Instagram kann ich nicht nur Freunden und Bekannten folgen, sondern mir auch von der New York Times, Coca Cola oder völlig Fremden Tipps zum Brunchen, Bier trinken oder ausgehen geben lassen. Besonders erfolgreiche «Reiseführer» werden mir von Foursquare ans Herz gelegt, auch wenn ich sie gar nicht kenne. Je öfter ich selbst Tipps gebe, desto mehr kann ich zum Experten werden. Einchecken kann man übrigens immer noch. Allerdings wird man dafür aus Foursquare raus und in «Swarm» hineingeschmissen: Erst vor kurzem hatte Foursquare die Check-ins in eine eigenständige App ausgelagert und gehofft, die Kernidee dort fortleben zu lassen, ohne grösseren Schaden anzurichten.

Das unschöne Gefühl, das beste zu verpassen

Ich versuche es auf der Atlantic Avenue in Brooklyn. Eine Gegend, die von mir vernachlässigt wird. Aber genau hier bin ich mit einer Freundin zum Abendessen verabredet. Im ersten Versuch bin ich vor lauter Einstellungs- und Suchoptionen etwas überfordert. Zwar werden mir zahlreiche Dinnerplätze angezeigt, die auch alle gleich von mehreren Ausgeh-Autoritäten (Gotham, New Yorker) empfohlen werden. Aber die gut versteckte Kartenansicht entdecke ich zum Beispiel erst am nächsten Tag. Und auch die Filter sind so gut versteckt, dass ich sie nur finde, weil ich weiss, dass es sie gibt. Vor lauter Optionen habe ich das unschöne Gefühl, dass ich die besten Plätze gerade übersehe. In Zukunft weiss Foursquare hoffentlich genau, was ich gerade wo will. Und präsentiert mir die eine perfekte Lösung.

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Auch das Design ist gewöhnungsbedürftig. Auf der Startseite finden sich eine ganze Reihe an Restaurant (mit einem Wisch nach links oder rechts werden daraus Coffee- oder sonstige) -Vorschlägen, daneben Empfehlungen von anderen Nutzern und weiteren Zielen, die meinen Vorlieben entsprechen. Auf dem (noch) recht kleinen iPhone-Display kann man da schnell den Überblick und ein bisschen die Lust verlieren.

Kurz: Am Abend auf der Atlantic Avenue fühle ich mich mit Foursquare etwas verloren. Am Ende machen wir es ganz altmodisch - und schlendern die Strasse entlang, bis wir eine Burger-Bar mit guter Musik und Backyard entdecken. Auf Foursquare kann ich sie nicht finden. Vielleicht müssen wir uns erst wieder aneinander gewöhnen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf Bold Economy – das umfassende Nachrichtenportal zur digitalen Revolution.