Etwas für ein paar Minuten aufzugeben, das bei genauer Betrachtung nicht notwendig ist, damit ein Anderer etwas Überlebenswichtiges bekommt: ein anklagendes und genau deswegen sehr wirkungsvolles Konzept. Wir, die Millenials der Industrienationen, werden von Unicef an einem der wundesten Punkte unserer Zeit herausgefordert: Wir sollen unser Handy weglegen. Und das am besten ohne Schweissausbrüche zu bekommen.

Für jede zehn Minuten in denen das geliebte Smartphone ungeachtet in der Ecke liegt, bekommt ein Kind in Entwicklungsländern einen ganzen Tag lang Zugang zu sonst knappem Trinkwasser. Tap Project heisst die Initiative von Unicef.  Denn «768 Millionen Menschen haben weltweit immer noch keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser», ermahnt Unicef auf der Projekt-Seite. Desweiteren leben rund 2,5 Milliarden Menschen ohne angemessene sanitäre Einrichtungen.

Ein Sensor kontrolliert ob das Gerät bewegt wird

«Es gibt wirklich absolut keine Rechtfertigung, da nicht mitzumachen», schreibt der politische Blogger Jon Green und trifft damit die Schlagkraft der Idee auf den Punkt. Mein schlechtes Gewissen ist in Null Komma Nichts aktiviert. Ich gehe also in meinem Smartphone Browser auf tap.unicefusa.org, und melde mein Handy für die Herausforderung an. Sorry buddy, aber ich kann auch ohne Dich, besonders wenns um die gute Sache geht.

Nach wenigen Klicks erfahre ich, dass ich das Handy einfach nur ruhig auf den Tisch zu legen habe. Ein Sensor kontrolliert ob das Gerät bewegt wird und eine Stopuhr beginnt die Minuten der Ruhe aufwärts zu zählen. Informationen darüber was man schon alles mit der Menge Wasser nach zwei, drei oder auch vier Minuten machen könnte, versuchen es dem ungeduldigen Digital addict leichter zu machen.

Ich fühle mich als Teil von etwas ganz Grossem

«27 Menschen im Staat New York lassen genau in diesem Moment das Handy liegen, so wie du», teilt mir der blaue Bildschirm erstmals nach wenigen Sekunden mit. Oder: Unicef habe ja auch nach dem Erdbeben in Haiti so vielen Menschen Zugang zu Wasser gesichert. Ich fühle mich als Teil von etwas ganz Grossem. Wenn da nicht noch dieses andere Gefühl immer noch wäre.

Ich fühle mich ertappt, denn es ist tatsächlich schwer in der Zeit keine andere Funktion des Handy's aufzurufen. Während andernorts Menschen verdursten, wohlgemerkt. Auch Jon Green schreibt: «Ich kann nicht wirklich sagen, woher es kommt, aber ich hab das Gefühl, als ich den Link auf Facebook geteilt habe, war das auch, um allen zu zeigen, wie digital unabhängig ich bin».

Anzeige

Noch 17'000 Minuten vom Allzeit-Rekord entfernt

Dass die stillen Minuten, in denen das Telefon unberührt bleibt, in Trinkwasser für Bedürftige umgewandelt werden können, macht eine Anzahl von Spendenpaten möglich. Allen voran der italienische Modekonzern Giorgio Armani - dessen Produkte ja auch in die Kategorie «nicht unbedingt notwendig» fallen - aber das sehen fashionistas  sicher anders.  Irgendwie ja auch schön, dass auch andere zu den Schuldigen gehören. Klar, werde ich auch aufgefordert selbst noch Geld zu geben. Unicef ist eben Unicef, aber die Spende ist kein Muss.

Nach immerhin 41 Minuten (!) sagt mir mein nach wie vor bewegungsloses Phone, dass ich noch mehr als 17'000 Minuten von dem Allzeit-Rekord der Aktion entfernt bin. Oh lord. Jemand in New Paltz, einem Ort 80 Meilen nördlich von New York, habe heute bereits rund 112 Minuten geschafft... Challenge Accepted.

Das Handy wird unbenutzt in der Ecke liegen

Leider muss ich nach rund einer Stunde dann doch aufgeben: Die Aktion hat die Batterie meines Smartphones fast völlig aufgefressen. Den Rest des Tages wird mein Handy damit wohl ebenfalls unbenutzt in der Ecke liegen. Allerdings mit schwarzem Bildschirm und ohne irgendwelchen Kindern in Entwicklungsländern zu helfen. Die Frage danach, was wirklich wichtig ist - der erhobene Zeigefinger - kann damit in meinem Kopf mit gutem Gewissen vorerst wieder auf stumm gestellt werden.

 

Dieser Artikel erschien zuerst auf Bold Economy – das umfassende Nachrichtenportal zur digitalen Revolution.