Ich bin kein Typ für Meditation. Immer wenn ich über Stress klage, wirft mein Vater die Idee ein, es doch mal mit autogenem Training zu versuchen. Aber allein der Gedanke, mich zehn Minuten auf den Boden zu legen und nichts zu tun ausser an einen langen weissen Sandstrand zu denken, lässt meinen Blutdruck ansteigen. Um mich zu entspannen, muss ich mich bewegen, nicht innehalten.

Die ständige Begleitung durch mein iPhone hat das nicht einfacher gemacht. Die Aufmerksamkeitsspanne ist weiter geschrumpft, mich mehrere Minuten am Stück auf nur eine Aufgabe zu konzentrieren erfordert meine ganze Willenskraft. Es ist ein bisschen ironisch, dass mir jetzt ausgerechnet das Smartphone dabei helfen soll, meine Mitte wiederzufinden.  

Wabernder blauer Tropfen

Ich lege meinen Finger auf den Bildschirm. Ein unförmiger blauer Tropfen erscheint und wabert langsam über das Display. Überall da, wo ich mit meinem Finger hinwandere, folgt mir auch die blaue Wolke aus virtueller Tinte. Nur nicht zu schnell werden, schliesslich geht es hier um einen Moment der Ruhe im stressigen Alltag. «Pause» - der Name ist Programm.

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Mit der Zeit wächst der Klecks an, bis er schliesslich den gesamten Bildschirm in ein tiefes Ozeanblau taucht. «Schliesse deine Augen», fordert mich das Programm auf, während im Hintergrund weiter Vögel zwitschern, Wellen rauschen und Winde wehen.

Auf dem Gipfel des Zen-Moments holt mich die App in die Realität zurück

Auf dem Gipfel des Zen-Moments holt mich die App mit einem Signal in die Realität zurück. Tatsächlich habe ich das Gefühl, ein bisschen runtergekommen zu sein. Vielleicht ist es aber auch der Stolz, (nach drei Anläufen) doch in der Lage gewesen zu sein, über längere Zeit nichts zu tun.

Das ist auch schon alles, was die App kann und will. Pause soll Ruhe liefern auf einfachste Weise - Tiefenentspannung für die Smartphone-Generation. Entwickelt wurde das Programm von dem schwedischen Design-Studio Ustwo in Malmö, und dem asiatischen Developer Peng Cheng. 

Langsame Bewegungen um den Kopf freizuschaufeln

Der hatte vor ein paar Jahren selbst Probleme, das ständige Stress-Level als Designer bei Nokia in den Griff zu bekommen und schlitterte in eine Depression. Er kündigte und konzentrierte sich ganz darauf, wieder in die Balance zu kommen. Dabei halfen im Meditation und Tai Chi, der Kampfsport, der mit seinen sachten, langsamen Bewegungen den Kopf freischaufeln soll.

Cheng wollte diese Philosophie auf das Smartphone bringen. «Wir alle sind in der Lage, unseren Finger über den Bildschirm eines Smartphones wandern zu lassen, bislang hatte das nur keinerlei tiefere Bedeutung», so Cheng im Internet mit Wired. Oder eher gesagt: Jeder Wisch dient der Ausführung eines bestimmten Befehls.

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Der Wisch als Zentrum des Geschehens

Bei Pause wird der Wisch selbst zum Zentrum des Geschehens. Der immer weiter anschwellende Lava-Tropfen symbolisiere den Fokus und die eigenen Energien, die sich neu sortieren, heisst es aus dem Design-Studio in Malmö. Die abstrakten Grafiken sollen vage Konzepte wie Aufmerksamkeit und Achtsamkeit ein bisschen greifbarer machen. Je besser man wird, desto langsamer muss man sich bewegen. Wird man zu schnell, stoppt die App, bis man sich wieder voll konzentriert. Nebenbei ein bisschen auf dem Bildschirm herumwischen funktioniert nicht. 

Das Geheimnis von «Pause» ist nicht, es dem Nutzer möglichst kompliziert zu machen, sondern im Gegenteil, ihn zu zwingen, sich auf eine kinderleichte Aufgabe zu konzentrieren. Und genau das ist es, was so schwer fällt. Für zehn Minuten bin ich hier ganz bei mir - mit ein bisschen Hilfe von meinem Smartphone. 

Pause gibt es für iOS im Appstore für 1,99 Euro.

 

Dieser Artikel erschien zuerst auf Bold Economy – das umfassende Nachrichtenportal zur digitalen Revolution.