Die Luft im Finanzdistrikt scheint rein zu sein. Außer mir ist auf der grünen Karte niemand zu sehen. Die neun Menschen, die Cloak für mich geortet hat, befinden sich alle in sicherer Entfernung, irgendwo im tiefen Brooklyn zwischen Williamsburg und Greenpoint. Zwar ist niemand dabei, dessen Anblick mir heute den Tag vermiesen würde. Aber immerhin weiß ich: Dass ich ihnen heute aus Versehen, unvorbereitet und ungeduscht über den Weg laufe, ist unwahrscheinlich.

Cloak - «der Inkognito-Modus fürs wahre Leben» - ist die App für die Soziophoben unter uns. Denn Cloak verhindert unerwünschte Begegnungen im Alltag. Die App sucht sich die Kontakte aus Instagram und Foursquare - bald sollen die Daten weiterer Netzwerke genutzt werden - zusammen und zeigt sie dank Geo-Tagging und GPS auf der Karte an. Wo immer meine Online-Menschen zuletzt eingecheckt oder Fotos geschossen haben, werden sie platziert. Nach vier Stunden ohne Update verschwindet der Kontakt von der Karte, Cloak geht davon aus, dass er in unserer schnellebigen Welt ohnehin längst weitergezogen ist.

Inklusive Alarm

Ein Blick aufs Display genügt ab sofort, und man weiß, welche Straßenzüge und Neighborhoods man vielleicht lieber meiden sollte. Und wen man derzeit partout nicht treffen will, für den kann man einen Alarm einrichten. Die App schlägt warnt dann, sobald sich derjenige innerhalb eines bestimmten Radius befindet (je nach Bedarf mehrere Kilometer oder ein Straßenblock). Wer krank feiert, kann so zum Beispiel vermeiden, im Café seinem Chef zu begegnen. Nur so eine Idee.

Anzeige

A propos: Die Idee kam Brian Moore, als er nach dem Umzug nach New York innerhalb von sechs Monaten vier Mal in seine Ex-Freundin hineinlief. Denn so groß die Stadt auch ist: Im falschen Moment ist sie dann eben doch zu klein. Er suchte eine Lösung für das Problem - und fand in Chris Baker den passenden Partner. Denn Buzzfeeds ehemaliger Creative Director Chris Baker hat ein Faible für leicht misanthropische Anwendungen. Erst programmierte er eine Browser-Erweiterung namens unbaby.me, mit der sich die lästige Flut an süßen Baby-Fotos im Newsfeed eindämmen lässt.

Anti-soziale Gegenbewegung

Dann gründete er das Startup Rather, das sich darauf spezialisiert, «all den Kram loszuwerden, den Du auf Twitter und Facebook hasst». Und sein jüngstes Projekt «Hate with Friends» zeigt, nun ja, wie sehr man bestimmte Facebook-Freunde eben nicht mag. Und auch bei Cloak bekommt der Begriff «Freundschaft» eine ganz neue Bedeutung - denn dank der App kann man künftig nicht mehr sicher sein, ob einen der Bekannte hinzufügt, weil er einen so mag oder eben gerade weil nicht.

Die Zeit der sozialen Netzwerke sei vorbei, meinte Baker gegenüber der Washington Post. Twitter und Facebook seien wie Fahrstühle, in die wir alle eingepfercht seien, ob wir nun wollten oder nicht. Jetzt sei es deshalb allerhöchste Zeit für die anti-soziale Gegenbewegung. Ganz falsch liegt er offenbar nicht: Cloak hat nach wenigen Tagen bereits deutlich mehr als 100'000 Nutzer. Dass sich Cloak natürlich auch im umgekehrten Fall nutzen lässt, verschweigen die Macher. Denn anstatt die Leute auf der Karte zu meiden, lassen sie sich künftig eben auch viel leichter stalken.

Feinde müssen virtuelle Freunde sein

Ob stalken oder meiden: Das Ganze funktioniert natürlich nur, sofern sich die Feinde auch tatsächlich unter den virtuellen Freunden befinden (neben echten Menschen befindet sich bei mir übrigens auch das Weiße Haus gerade in sicherer Entfernung, weil es in meinem Instagram-Feed auftaucht). Bei mir jedenfalls fliegen sie bislang immer rechtzeitig aus der Liste. Und die Feinde müssen Instagram, Foursquare und Co. auch wirklich ständig nutzen. Dass meine - manchmal nervige aber instagramfaule Kollegin (das hat sie selbst in den Text redigiert) im Büro direkt neben mir sitzt, konnte die App zum Beispiel bei der Testanwendung nicht erkennen. In andere Bekannte bin ich nicht reingerannt. Das hat aber auch geklappt, ohne dafür vorher auf Cloak nach Umwegen zu suchen.

Anzeige

Cloak gibt es gratis, bislang nur für das iPhone.

Dieser Artikel erschien zuerst auf Bold Economy – das umfassende Nachrichtenportal zur digitalen Revolution.