Dass ich von einer App träume, kommt selten vor. Eigentlich nie, soweit ich mich erinnere. In der Nacht, nachdem ich Somebody heruntergeladen habe, finde ich mich aber plötzlich in einem Traum wieder – auf einer Wiese und ein Fremder flüstert mir eine Zahl zu. 23 oder 32 oder so. Sie hat keine weitere Bedeutung. Was überhaupt mir mein Unterbewusstsein mit dieser völlig aus dem Kontext gerissenen Szene sagen wollte, ist mir bis heute ein Rätsel.

Doch offenbar hatte das Konzept der iPhone-App sich nachhaltig eingebrannt. Somebody ist eine Messaging-App, die Interaktion und insgesamt drei Protagonisten erfordert: Person A will B etwas mitteilen, kann oder will das aber aus irgendeinem Grund (geografische/emotionale Distanz, Feigheit, Albernheit) nicht persönlich oder per digitaler Nachricht. Dann kann sich A per App an C wenden, ein Jemand, der sich in unmittelbarer Nähe von B aufhält und die Nachricht von Angesicht zu Angesicht überbringen kann. In welcher Tonlage, Slang und so weiter kann A auch noch anweisen.

Anonyme Liebeserklärung an Socken

Mir stellt sich allerdings sofort die Frage, ob es tatsächlich persönlicher ist (so wie die Anwendung vermarktet wird), wenn ein Fremder meinen Freunden eine Nachricht überbringt oder ich sie direkt per Sms schicke. So interessant es klingt, fremder Leute Kommunikation vorgeführt zu bekommen, quasi als alltägliches Improvisationstheater. Sehr viel unwohler wird mir bei dem Gedanken, wie die Öffentlichkeit einen Einblick in meine persönlichen Nachrichten bekommt. Erst recht nachdem ich sehe, was das für Nachrichten sein können. Das zeigt ein erster Blick in die «floating» Nachrichten, also die noch ausstehenden:

«[Selbstbewusst] Lass uns was trinken gehen, ja? [Fausstoss]»
«[Singend] Du bist die Liebe meines Lebens! Du bist die Liebe meines Lebens!»
«[Flüsternd] Ich liebe deine Socken.»

Zum Glück sind all diese Adressaten nicht in meiner unmittelbaren Nähe. Nicht einmal die Einladung eines Fremden auf Drinks hätte ich wohl souverän rübergebracht, wenn ich ganz ehrlich bin. Das Risiko, dass ich dieses Spiel verwickelt werde, ist allerdings ohnehin ziemlich gering: Zwar wurde Somebody gleich am ersten Tag mehr als 100'000 mal heruntergeladen und zählte 20'000 Anmeldungen. Aber schon an diesen Zahlen sieht man ja: Die Neugier ist da, doch die Bereitschaft wohl eher weniger.

Somebody kein Kommunikationsersatz

Und selbst in einer techaffinen Stadt wie New York ist es ziemlich schwer, einen angemeldeten User in unmittelbarer Nähe zu finden. Zudem habe ich gerade einmal drei Kontakte aus meinem Telefonbuch, die bei Somebody angemeldet sind (Wer ist eigentlich Jason?). Viel Glück dabei, Somebody, jemanden aufzutreiben, der meine Testnachricht an meinen Kollegen überbringt!

Wozu also das Ganze? «Ich glaube eigentlich nicht, dass Somebody ein guter Ersatz für Smsen, Emailen oder Telefonanrufe ist», erklärte Erfinderin Miranda July selbst gegenüber Co.Create. «Aber es ist es wert, darüber nachzudenken, welche Gefühle Telefone in uns regen. Ich weiss, dass ich von meinem nicht getrennt sein kann, aber bringt es mir tatsächlich Freude? Was mir Freude macht, sind überraschende, flüchtige Begegnungen mt Fremden - etwa wenn ich einer Frau helfe, die ihre Birnen fallen gelassen hat. Das lockt mich aus mir selbst hervor und gibt mir ein kurzzeitiges Hoch: Menschlichkeit!»

Gleichnamiges Kurzfilmprojekt

Also, wenn mir Freunde schreiben, dass sie an mich denken, gibt mir das auch ein «kurzzeitges Hoch» und menschlich ist es allemal. Der Frau mit den Birnen helfe ich auch jederzeit gerne, ob mit oder ohne App. Was Frau July und mich allerdings grundsätzlich unterscheidet: Sie selbst ist Schauspielerin, Künstlerin und Autorin.

Somebody hat sie mit der finanzstarken Unterstützung der Modemarke Miu Miu im Rahmen des gleichnamigen Kurzfilmprojekts verwirklicht. July hat mit ihrer Arbeit vor und hinter der Kamera zahlreiche Preise gewonnen. Ich hingegen bemühe mich darum, versteckt hinter meiner Autorenzeile etwas zu veröffentlichen, das in irgendeiner Weise von Bedeutung ist - was mir bei der App-Kritik von Somebody allerdings nicht ganz selbstverständlich erscheint. «Ich liebe deine Socken» reicht da meistens nicht.

Unterhaltsam aber Kurzweilig

Um eines klarzustellen: Julys künstlerische Leistung wage ich nicht zu kritisieren. Im Gegenteil: Den Kurzfilm finde ich ziemlich unterhaltsam und meinem ungeschulten Auge zufolge auch ganz anständig umgesetzt. Nur warum ich die App, allemal schön anzusehen, nicht sofort wieder vom iPhone löschen soll, ist äusserst fraglich. Wenn überhaupt, um vielleicht weiter Mäuschen zu spielen. Aber ganz ehrlich: Wenn ich die Socken oder das Objekt der Begierde dann nicht mal sehen kann, ist das auch uninteressant.

Dieser Artikel erschien zuerst auf Bold Economy – das umfassende Nachrichtenportal zur digitalen Revolution.

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