«Stockfotografie muss aussterben», schreibt der Journalist Clive Thompson in seinem Artikel auf Wired.de Ende Mai 2014. Einer der Leser des Artikels heisst Ryan Merkley. Er ist CEO der gemeinnützigen Organisation Creative Commons, die Urhebern von Bildern oder Autoren von Texten Standardlizenzverträge an die Hand gibt, mit denen sie die Verbreitung ihres Werkes unkompliziert regeln können.

Merkley ist von dem Artikel so inspiriert, dass er mit seinem Team beginnt, eine App zu entwickeln. Er will den Markt mit Stockbildern zwar nicht ausrotten, er will ihn revolutionieren: mit der App «The List». Das wichtigste soll der Gemeinschaftsgedanke sein, nicht der Profit, sagt Merkley

Auch interessant
 
 
 
 
 
 

Jeder kann sich beteiligen

Bislang existiert nur eine Betaversion dieser App, auch der Name ist nur ein Arbeitstitel. Das Ziel: Die Verbreitung von Fotos soll einfacher und günstiger werden. «Jemand braucht ein Foto von einer schwarzen Katze oder einem Café in New York, ein anderer Nutzer kann es ihm beschaffen», fasst es der Gründer zusammen. Jeder, der gerne fotografiert, kann sich beteiligen.  

Das Prinzip nutzen Nachrichtenagenturen wie dpa oder Reuters schon lange. Doch nicht immer sind freie Journalisten, Organisationen oder Blogger auf der Suche nach Bildern für Nachrichten. Dann nutzen sie Stockfotografie, stöbern also in Fotodatenbanken wie Getty Images oder istockphoto nach Themenbildern. Die Suche nach Themenbildern kann frustrierend und teuer sein. Erlebnisse wie die von der Autorin Hend Amry, die in Bilddatenbanken den Suchbegriff «Arabisch» eintippte, machen die Runde im Netz. Der Suchalgorithmus spuckte Bilder von maskierten Terroristen mit Maschinengewehren aus.

«Wikipedia sucht ein Bild von einem Garten»

«The List» will in Zukunft authentische Bilder bieten, klischeefrei, die echte Menschen und Orte zeigen, keine gestellten Aufnahmen aus dem Studio. Hier soll eine riesige Datenbank entstehen, die von den Nutzern selbst gespeist wird. Jeder kann Bilder hochladen, jeder Anfragen für Material stellen.

Um meine eigenen ersten Bilder hochzuladen, muss ich zunächst Kategorien wählen. «Fotografierst du gerne Tiere und Natur? Städte? Oder Menschen?» fragt die App. Je nach dem, was den Hobbyfotografen interessiert, kann er Kategorien auswählen, zu denen er Material beitragen möchte. Im Menü kann ich dann unter dem Reiter «Meine Liste» konkrete Motive aussuchen, die ich anbieten möchte. «Creative Commons sucht ein Bild von einem Garten», poppt im Testlauf auf meinem Display auf. Ist die App fertig und online, soll es dann etwa heissen: «Wikipedia sucht ein Bild von einem Garten». Ich kann die Anfrage nach dem Motiv wegklicken oder zu meiner Liste hinzufügen und mich auf die Suche nach einem Garten machen.

Katze, Eis, Sandalen und Eichhörnchen

Ich wische mich durch die knallbunten Oberflächen mit den Aufträgen und klicke wie im Fieber einen Haken nach dem anderen. Soweit ich das sehen kann, passiert mir nichts, wenn ich einen Auftrag annehme, aber nicht erfülle. Ich traue mir für den Anfang zu, eine Katze, ein Eis, ein Paar Sandalen, ein Eichhörnchen und einen Baum zu fotografieren. Und wenn ich dann nach Feierabend an einem Garten vorbeilaufe, kann ich auch den fotografieren und das Bild von unterwegs hochladen. Im Menüpunkt «Meine Liste» sind diese Aufträge nun aufgelistet. Über ein kleines Pluszeichen kann ich das entsprechende Bild jederzeit hochladen.

Das ganze funktioniert übrigens auch andersherum: Um Bilder bei meinem Mit-Fotografen anzufragen, kann ich unter «Motiv anfragen» Kategorie, Bezeichnung und eine kurze Beschreibung angeben oder ein Beispiel-Foto hochladen.

Vorerst gibt es nur eine Betaversion

In der Umsetzung liegen noch einige Probleme, die bis zur ersten Vollversion gelöst werden sollten. In dieser Betaversion verliere ich bereits nach einigen Tagen den Überblick über meine eigenen Werke, denn nirgends werden sie angezeigt. Hatte ich das Eichhörnchen nun erwischt oder nicht? Diese Testversion zeigt natürlich auch nicht, ob meine Bilder bereits benutzt wurden.

Das kann in Zukunft aber auch an der Qualität liegen - die App bietet nicht nur an, ein Foto hochzuladen, sondern auch, eines zu machen - mit dem Smartphone. Meine Aufnahme eines Eichhörnchen ist dann vielleicht einfach nicht hochwertig genug, um es in die Datenbank zu schaffen. «Natürlich können wir nicht mit professionellen Fotografen mithalten, aber oft tut es auch ein Bild, das mit einer guten Smartphone-Kamera aufgenommen wurde», sagt Merkley. Einmal hochgeladen, stehen die Fotos den anderen Nutzern der App zur Verfügung, sie müssen mich nur als Quelle angeben. 

Das Teilen von Bildern nach einfachsten Regeln

Grundsätzlich fallen die Bilder bei The List unter die Creative Commons Lizenzen. Je nach Wahl der Lizenz kann eine Creative-Commons-Lizenz vorgeben, wie man das Werk nicht verwenden darf, etwa für kommerzielle Zwecke oder in bearbeiteter Form. Ich kann jedoch in dieser Test-Version der App nicht angeben, ob meine Bilder nur unter gewissen Umständen verwendet werden dürfen. Das sei ein wichtiger Grundsatz bei dieser Community, sagt Merkley - das Teilen von Bildern nach einfachsten Regeln. «Wenn man nicht möchte, dass andere ein Bild verwenden, dann soll man es nicht teilen.»

Rein theoretisch ist die App eine gute Idee in Zeiten von tumblr und instagram. Die Smartphone-Kameras werden immer besser, Fotografieren ist Trend. Der Gedanke hinter «The List» geht laut CEO Ryan Merkley aber weiter: NGOs, Journalisten, Regierungsbehörden brauchten schliesslich Bilder, um anderen ihre Geschichten zu erzählen, ohne ständig und überall selbst vor Ort sein zu können. «An dieser Stelle kommen wir ins Spiel», schreibt Ryan Merkley auf der Website von Creative Commons. 

Noch kann man nur die Testversion (und nur für Android) herunterladen, doch das Team aus vier Entwicklern arbeitet an der Umsetzung. Die erste Vollversion ist für das kommende Frühjahr geplant.

 

Dieser Artikel erschien zuerst auf Bold Economy – das umfassende Nachrichtenportal zur digitalen Revolution.