Am Mittwoch erlebte New York den zehntschwersten Regenfall in seiner Geschichte. Für mich hiess das: Nach den wenigen Metern zwischen U-Bahn und dem Buchladen, in dem eine Freundin aus ihren Kurzgeschichten vorlesen sollte, war meine Hose von den Knien abwärts durchtränkt. Meine Schuhe machten bei der Ankunft im Laden wenig dezente Geräusche beim Auftreten. Den letzten schweren Husten habe ich gerade überstanden, deswegen horche ich seit diesem Abend leicht paranoid in meine Atemwege. Sollten sie sich melden, werde ich mich zu erkennen geben - und die vom langen Winter ausgelaugte Stadt ein Stück sicherer machen.

Im Moment steht es nämlich gar nicht gut um den Big Apple. Downtown Manhattan und Brooklyn feiern laut der Karte auf meinem iPhone geschlossen krank. Überall poppen kleine Blasen mit dem wenig beruhigenden Wort «sick» auf. Klicke ich sie an, kommen dahinter unschöne Details wie «Erkältung», «Grippe» und «Lungenentzündung» zum Vorschein - und schon kratzt es auch wieder in meinem Hals. 

Eine grosse Karte aus Gehuste und Geschnupfe

Sickweather weiss genau, wo in New York die bakteriellen Epi-Zentren liegen. Die App nutzt dazu Status-Updates auf Facebook und Tweets, in denen sich Nutzer über laufende Nasen, Husten oder Fieber beschweren. Wer es etwas diskreter mag, der kann den heranziehenden Schnupfen und das Kratzen im Hals auch direkt an die App melden. Die Daten fliessen zusammen zu einer grossen Karte aus Gehuste und Geschnupfe.

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Bewegt man sich gefährlich nah auf die nächsten Nieser oder Bauchkrämpfe zu, schlägt Sickweather Alarm, damit man sich vorher überlegen kann, ob man sich den Weg zum Kindergarten oder ins Büro lieber spart (wirklich gefährlich wird es in der U-Bahn, denn da setzt die App wegen fehlenden Internets aus). Für die Web-Version testet die Firma derzeit eine Beta-Version, die anzeigt, welcher der eigenen Freunde sich gerade über seine Krankheit beklagt («Seriously? None of your friends are sick? That's pretty awesome. We did our best to comb your feed, but everybody seems to be in good health!»). Wer möchte, der kann denjenigen dann gezielt eine Weile meiden. Die Netteren unter uns können gute Besserung wünschen - und die Tapferen eine Hühnersuppe vorbeibringen.

Schweinegrippe, wo keine ist

Symptome, vor denen man besonders viel Angst hat, kann man markieren und sich so zum Beispiel nur vor der Pollenallergie, der Erkältung und dem Fieber warnen lassen. Wahlweise gibt es auch unschöne (und mir zum Teil bislang unbekannte) Dinge wie Ohrenentzündung, Maul- und Klauenseuche oder Respiratorische-Synzytial-Viren. Bis ich Sickweather hatte, war mir gar nicht bewusst, dass ich wie durch ein Wunder die meiste Zeit eben nicht krank bin.

Dass da nicht schon längst jemand drauf gekommen ist! Schliesslich nörgeln kranke Mitmenschen nirgends so gern und häufig über ihren Zustand wie auf Twitter oder Facebook. Wer krank ist, für den sind die Netzwerke oft die einzige Verbindung von der Couch zur Aussenwelt. Die Daten zu nutzen, um Epidemien einzudämmen und Krankheitsverläufe besser nachvollziehen zu können, liegt also nahe. Pünktlich zur Grippezeit im Dezember ist die App an den Start gegangen.

Der grosse Traum platzte

Allerdings: Es ist tatsächlich schon jemand drauf gekommen. Genau das gleiche dachte sich nämlich niemand Geringeres als Google schon vor Jahren. Und der mächtige Internetkonzern mit seinen nahezu unendlichen Ressourcen scheiterte trotzdem grandios. Als das Projekt Google Flu Trends 2008 an den Start ging, wurde es nicht nur im Silicon Valley als Sieg von Big Data über unsere Sterblichkeit gefeiert. Unsere Welt sollte fortan überschaubarer, beherrschbarer und sicherer sein. Der Google-Algorithmus sollte anhand von Suchwörtern, die Menschen in der Grippezeit besonders häufig eingeben, erkennen, wann wo Grippeepidemien drohen - und das deutlich schneller als die trägen Gesundheitsbehörden.

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Doch der grosse Traum platzte. Kurz nach dem Start gab es den ersten grossen Patzer: Den Ausbruch der Schweinegrippe verpasste das Programm völlig. Seit August 2011 greift Flu Trends regelmässig daneben, weil die Daten eben doch ungenau sind und Google seine Formeln immer wieder ändert - und so bisher Gesammeltes unbrauchbar macht. Der Algorithmus findet immer wieder Grippe-Wellen, wo keine sind. Inzwischen wird Flu Trends deshalb kaum noch ernst genommen. Dass es nun ausgerechnet ein winziges Start-up aus Maryland besser machen soll, ist schwer zu glauben. Zudem gibt es für Schweizer User einen Nachteil: Die App liefert bislang hierzulande keine Resultate.

Interessant könnte Sickweather trotzdem sein, vor allem für Allergiker. Aber um das zu testen, müsste ich Allergien haben - und in New York endlich erst mal der Frühling richtig einsetzen.

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Sickweather gibt es gratis für das iPhone, als Web-Anwendung und auf Facebook.

 

Dieser Artikel erschien zuerst auf Bold Economy – das umfassende Nachrichtenportal zur digitalen Revolution.