Der Anschlussflug ist  verpasst. Jetzt heisst es, Stunden am Gate zu vertreiben. Genau die richtige Gelegenheit, mal was Neues auszuprobieren. Zum Beispiel einen neuen Look. Da gibt es die neue App Makeup Genius aus dem Hause  L'Oréal. Sie soll funktionieren wie ein virtueller Spiegel, in dem man das eigene Gesicht mit 300 verschiedenen Make-up Versionen schminken kann. Der Vorteil: Man kann die Wirkung sehen, ohne mit Tiegeln und Tuben herumzuhantieren oder sich einer der gekonnt herablassenden Stylistinnen in der Kaufhaus-Parfümerie auszuliefern. Und auch Männer können mal ungefährdet mit Mascara experimentieren.

Wer ist Johnny Lavoy?

Doch beim Herunterladen stellt sich heraus, dass stattdessen nur der Hair Genius (kostenlos für iPhone) verfügbar ist. Die App soll mir mit meinen täglichen Haarproblemen helfen. Nach einer kurzen «Diagnose»  - «Ist Ihr Haar ölig, normal oder trocken?» – erstellt mir die App einen Haar-Monitor, der die aktuelle Wetterlage peilt, wieviel Zeit ich zur Haarpflege gerade habe (2 Minuten, 10 Minuten oder eine halbe Stunde).

Und was ist der «persönliche Tipp» ? Ich soll ein Set aus Shampoo, Conditioner und Kur kaufen – von L'Oréal. Dazu bekomme ich eine  «persönliche Empfehlung» von Johnny  Lavoy.  Sie kennen Johnny Lavoy nicht? Ich auch nicht. Eine kurze Google-Suche ergibt, dass er ein «gefragter Hair Stylist aus Connecticut und New York» sei, der während der Fashion Week Models für Häuser wie «Oscar De La Renta, Diane von Furstenberg und  Christian Dior» frisiert habe. Die Quelle für Lavoys Ruhm ist die Webseite der Firma L'Oréal. Johnny gibt den Tipp, während des Auftragens der Haarmaske die Dusche laufen zu lassen – die Feuchtigkeit helfe beim Einwirken. Vielleicht bin ich nicht die Zielgruppe hier, aber ich kann mir beim besten Willen niemanden vorstellen, der das Haar-Genie nützlich findet – ausser der Marketingabteilung von L'Oréal.

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Mit dem Ergebnis kann man mich erpressen

Aber so schnell gebe ich nicht auf, schon deshalb nicht, weil der Flieger jetzt doch erst in einer Stunde abhebt. ModiFace ist ebenfalls eine App, die beim virtuellen Make-over helfen soll. Mehrere Modezeitschriften haben sich positiv über die App ausgelassen (kostenlos auf Android und iPhone). Als erstes soll ich ein Foto von mir machen. Ein Selfie. Im wenig schmeichelhaften Licht der Flughafenbeleuchtung sehe ich aus wie eine überfällige Kandidatin für eine Totalüberholung. Aber ich kann Gottsei dank sofort einen Hauch virtueller Bronze auflegen. Gleich erscheint die passende Bannerwerbung, um das reale Produkt zu erwerben. Ich könnte praktisch alles per Antippen bestellen und es würde dann zuhause auf mich warten. So ist es jedenfalls gedacht.

Ich beginne, meine müden Augen zu schminken. Es gibt Eyeliner, Wimperntusche, falsche Wimpern. Nach dem passenden Lidschatten kann man nach Hersteller oder nach Farbton suchen. Der Effekt lässt mich allerdings aussehen wie nach einer missglückten Drogenerfahrung oder einer Schlägerei. Schnell suche ich eine Brille, um das Desaster zu verbergen. Vielleicht hilft auch eine neue Frisur? Es gibt verschiedene Hollywood Stars oder Stil-Ikonen – sie sind mir allesamt so unbekannt wie Johnny Lavoy-, deren Haartracht man digital auf den eigenen Kopf importieren kann. Dann drücke ich auf die Vorher/Nachher Funktion. Und weiss nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Mit dem Ergebnis kann man mich erpressen. Deshalb weigere ich mich, das überarbeitete Selfie in einen dafür vorgesehenen Model-Ordner abzulegen, obwohl ModiFace verspricht, das Bild mit niemandem zu teilen.

Warum mühen sich begabte Menschen mit Kosmetik-Apps ab?

Gedacht ist ModiFace eigentlich für den mobilen Verkauf von Kosmetik. Eigentlich wohl gerade für Frauen wie mich, die sich den Luxus stundenlangen Ausprobierens von Lippenstiften oder Mascara-Tönen in der realen Welt selten leisten können. Entwickelt hat ModiFace ursprünglich Parham Aarabi, ein Spezialist für Gesichtserkennung. Sein früherer Job war in der Rüstungsindustrie. Sicher ein begrüssenswerter Karrierewechsel. Trotzdem stellt sich die Frage, ob soviel Energie, Kreativität und Innovation von offensichtlich begabten Menschen für Apps wie ModiFace oder Hair Genius herhalten sollte. Statt etwa unser Energieproblem zu lösen oder den Klimawandel zu bekämpfen. Eine Frage, die auch zwei australische Luftfahrtingenieure aufwerfen – mit ihrer bissigen Webseite: «Haben Sie ein Erste-Welt-Problem? – Silicon Valley hat eine Lösung.»

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Haben Sie auch ein Luxusproblem?

Die beiden geben mehr als ein Dutzend Beispiele für unsere Luxusprobleme, die wir bis vor kurzem eigentlich noch gar nicht hatten. Etwa: Ihnen fällt einfach keine coole Musik für Parties ein? Die Lösung: Songza, ein Online-Musikempfehlungsservice, der bei Bedarf auch die passende Musik etwa zum Hausputz raussucht (auch als App erhältlich, na klar). Ein anderes Problem, das sich eigentlich nicht aufdrängt:  Meine Uhr hat keinen Touch Screen. Aber es gibt bereits eine Lösung: Eine erfolgreiche Kampagne auf Kickstarter, die Geld für die Entwicklung einer solchen Uhr sammelt. 

Immerhin habe ich die Wartezeit am Flughafen mit den beiden Schönheits-Apps überbrückt. Vielleicht hätte ich aber stattdessen einen neuen Anlauf nehmen sollen, endlich den Ulysses von Joyce zu lesen. Aber dafür gibts bestimmt demnächst eine App: Wichtige Bildungsbürgertum-Werke in wenige Klicks angeeignet. Wie wärs Jungs – ein richtiges First-World-Problem!

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Dieser Artikel erschien zuerst auf Bold Economy – das umfassende Nachrichtenportal zur digitalen Revolution.