Der mittlere Monatslohn eines Erwerbstätigen in der Schweiz beträgt 5417 Franken. Am wenigsten verdienen die so genannten Working Poor. Das sind Menschen, die zwar arbeiten, mit dem Einkommen aber den Lebensunterhalt nicht bestreiten können. Die Alleinlebenden unter ihnen verdienen im Schnitt 1100 Franken, Alleinerziehende 2300 Franken, Paare mit Kindern 3200 Franken, Paare ohne Kinder 1900 Franken.

Diese Zahlen stammen aus der vom Nationalfonds finanzierten Studie «Working poor in der Schweiz – Wege aus der Sozialhilfe», herausgegeben von Stefan Kutzner, Ueli Mäder und Carlo Knöpfel. Sie beziehen sich nicht auf jene, die den Arbeitsplatz verloren haben, den Weg zurück ins Erwerbsleben nicht finden und dann entweder auf die Invalidenrente oder auf Sozialhilfe angewiesen sind. Working Poor gehen einer Arbeit nach, verdienen aber nicht genug, um sich und ihre Familie durchzubringen. Sie sind arm.

Von diesem Schicksal sind in der Schweiz rund 250 000 erwerbstätige Personen betroffen, mit Haushaltsangehörigen sind es sogar 535 000 Personen, darunter Zehntausende von Kindern. Ihre Zahl hat in den letzten Jahren massiv zugenommen.

Erschreckend an diesen Zahlen ist vor allem die Erkenntnis, dass Erwerbstätigkeit und Armut einander nicht ausschliessen. Dies widerspricht zwei der am tiefsten verwurzelten Glaubenssätze der Schweizer Nachkriegsgeschichte: dass nämlich anständig leben kann, wer arbeitet, und dass Arbeit findet, wer sich redlich darum bemüht. Für jene, die wirklich arbeitsunfähig werden, haben wir in unserem Land die Sozialwerke. So weit der Mythos.

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Wenn wir jetzt erfahren müssen, dass auch Erwerbstätige arm sein können, dann bricht einer der Grundpfeiler des gesellschaftlichen Selbstverständnisses zusammen, und zwar nicht nur für jene, die von Armut betroffen sind, sondern auch für jene, die es (noch) nicht sind. Darunter leidet die Leistungsbereitschaft, und auch die Bereitschaft, sich an die bestehenden Normen zu halten, könnte Schaden erleiden. Illegale Arbeitsverhältnisse und die ganz gewöhnliche Kriminalität könnten zunehmen.

Das Buch beruht auf vielen Fallstudien, Interviews mit Betroffenen und Mitarbeitern von Sozialwerken. Es bietet keine Patentlösung – die hat niemand –, sondern zeigt mögliche Wege aus der Armutsfalle. Sie alle sind keineswegs gratis zu haben. Eine steigende Zahl von Working Poor in Kauf zu nehmen, ist aber gewiss nicht billiger.

Stefan Kutzner, Ueli Mäder, Carlo Knöpfel (Hrsg.)

Working poor in der Schweiz
Rüegger Verlag, Zürich, 255 Seiten, Fr. 45.–