Leidenschaftlicher Harley-Fahrer»: Wie ihn die «Aargauer Zeitung» charakterisiert hat, geht Hans-Ulrich Bigler entschieden zu weit. Es sei sogar falsch. «Ich fahre gerne und geniesse es, wenn ich zur Entspannung unterwegs sein kann, vor allem, wenn meine Frau als Sozia mit dabei ist», beschreibt der 49-jährige Ökonom sein Verhältnis zum Motorrad nüchtern und dämpft damit gleich die Spekulationen des Beobachters, der da schon die gesamte trivialpsychologische Leiter hinauf- und hinunter zu kombinieren begonnen hatte: Harley, aha, Midlife-Crisis, versteckte Träume und kleine Fluchten aus den Zwängen des All- tags …

Warum auch fliehen? Als Verbandsmanager, freisinniger Politiker und hoher Militär hat Hans-Ulrich Bigler alle Möglichkeiten, diesen Alltag nach seinen Vorstellungen mitzugestalten. Er nimmt sie auch bewusst wahr. Ab sofort als neuer Direktor des Schweizerischen Gewerbeverbands (SGV), der mit seinen knapp 300 Mitgliederverbänden, welche die Interessen von etwa 300000 kleineren und mittleren Unternehmen (KMU) vertreten, zu den mächtigsten Organisationen der Schweiz zählt.

Logische Entwicklung

Elf Jahre Direktor der Viscom, des Schweizerischen Verbandes für visuelle Kommunikation, dann Direktor der Swissmem, des Verbandes der Schweizer Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie, und jetzt an der Spitze des KMU-Dachverbandes: Den Aufstieg in diese einflussreiche Position bezeichnet Bigler als logische Entwicklung: «Meine Tätigkeit war bis jetzt spezifisch auf einzelne Branchen ausgerichtet, ab nun kann ich mich übergreifend engagieren, was mir auch die Chance gibt, mich verstärkt mit politischen Themen und Fragestellungen auseinanderzusetzen.»

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Wo Chancen, da auch Risiken: Denn als SGV-Direktor ist Bigler einem rauer gewordenen politischen Wind ausgesetzt, was auch sein Vorgänger, FDP-Nationalrat Pierre Triponez, in den vergangenen Jahren zu spüren bekam. Vor allem hatte die SVP Druck gemacht und gefordert, der SGV müsse eine rigorosere bürgerliche Wirtschaftspolitik vertreten.

Vor diesem Druck fürchtet sich Bigler nicht: «Dank der jüngst beschlossenen Konzentration auf ein paar wenige Kernthemen und einer guten politischen Abstützung des Vorstands in allen bürgerlichen Parteien ist der SGV heute gut aufgestellt und in der Lage, eine zielgerichtete KMU-Politik zu betreiben.»

Ein zäher Verhandler

Einfach ist auch dies nicht: In seiner neuen Funktion muss Hans-Ulrich Bigler so unterschiedliche Interessen wie jene der Wirte, Baumeister, Naturärzte, Fuhrhalter, Bierbrauer, Viehhändler oder Kosmetikerinnen unter einen Hut bringen. «Es ist gerade diese Herausforderung, die meine Aufgabe spannend macht.»

Auch hier fühlt er sich gewappnet und weist auf seine Erfahrungen in den Branchenverbänden hin, wo er mit den Gewerkschaften Gesamtarbeitsverträge auszuhandeln hatte.

Bigler hat bei den Gewerkschaften den Ruf eines zähen Verhandlers, der die Interessen der Ar-beitgeber konsequent verteidigt. Die Hartnäckigkeit, mit der er seine Ziele verfolge, bezeichnet er denn auch selber als eine seiner Stärken. Von manchen wird dies als stur empfunden, wogegen er sich mit dem Hinweis verteidigt: «Gute und mehrheitsfähige Lösungen kommen nur zustande, wenn man mit klaren Positionen in Verhandlungen geht und dann mit dem Blick auf ein gemeinsames Ziel einen Kompromiss erarbeitet.»

Sowohl die Sozialpartnerschaft als auch das gesamte politische und gesellschaftliche System seien geradezu auf die Konsensfähigkeit der jeweiligen Akteure angewiesen, ist Bigler zutiefst überzeugt.

Verbandsmanager, FDP-Politiker und Oberst im Generalstab – was steckt hinter diesem dreifachen Engagement für die Öffentlichkeit? Möglicherweise stehe hinter allem sein staatspolitisches Verständnis, meint der neue SGV-Direktor und erklärt: «Die Schweiz ist ein Erfolgsmodell, und das nicht zuletzt, weil es auf dem Milizgedanken beruht. Damit unser Staatswesen funktioniert, müssen alle in ihrem Bereich einen Beitrag leisten.»

Seinen Platz sieht Bigler im Verbandswesen, in das er gleich nach dem Studium der Volkswirtschaft an der Universität Bern fast zufällig hineingerutscht war, indem er am Schweizerischen Institut für Unternehmerschulung des Schweizerischen Gewerbeverbands (SIU) eine Lehrtätigkeit für die betriebswirtschaftliche Unternehmerausbildung ausübte. Von daher rührt auch Biglers unermüdlicher Kampf für die Berufsbildung und vor allem die Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Ausbildung.

Die Erfahrungen des Sohnes

Besondere Verdienste hat er sich als Initiant der «Berufsmesse Zürich» erworben. Sein Sohn hatte Mühe bei der Suche nach einer Lehrstelle, worauf Bigler als Präsident der Bildungskommission des kantonalzürcherischen Gewerbeverbands aktiv wurde. Die Berufsmesse gilt heute als Musterbeispiel zeitgemässer Nachwuchsrekrutierung, aber auch für gewerbliche Eigeninitiative. «Für mich ist es ein Kennzeichen des Gewerbes, dass es eigenständig handelt und nicht auf den Staat wartet», sagt Bigler.

Und nicht ohne Stolz fügt er bei: «Wo in den Regionen und Gemeinden des Landes etwas läuft, ist das Gewerbe immer in tragenden Funktionen dabei, was unseren Staat letztlich stark macht.»Er hätte sich sich durchaus auch als Unternehmer vorstellen können, sagt er, doch habe er den einmal eingeschlagenen Weg im Verbandsmanagement konsequent weitergeführt. Im Spannungsfeld von Unternehmen und Politik fühlt sich Hans-Ulrich Bigler wohl. Verbände sind für ihn keine geschützten Werkstätten, sondern haben für ihre Mitglieder Dienstleistungen zu erbringen.

Bigler versteht dies auch im unternehmerischen Sinn. «Wenn man sieht, mit welchem Globalisierungstempo die Unternehmen konfrontiert sind, können die Verbände nur mithalten, wenn sie im gleich hohen Tempo marschieren und entsprechend hohe Leistungen erbringen. Wenn nicht, laufen sie Gefahr, dass man sie eines Tages in Frage stellt.»

Gefestigte Chefs gesucht

Solche Leistungen sind nach Bigler nur möglich, wenn erstens ein Team dazu bereit sei und es zweitens eine zielgerichtete Führung gebe. Da hat er als Offizier mit Generalstabsausbildung klare Vorstellungen. «Gefestigte Chefs mit hoher Leistungsbereitschaft, Stressresistenz und Sozialkompetenz sind jederzeit und überall gefragt», lobte der Triponez-Nachfolger einmal den Nutzen der militärischen Führungsausbildung für die Kader der Privatwirtschaft.

Für den im Berner Länggass-Quartier aufgewachsenen Bigler bedeutet die neue Tätigkeit beim SGV nur eine halbe Rückkehr. Er wird mit seiner Familie vorläufig in Affoltern am Albis wohnen bleiben, auch aus Rücksicht auf seine drei Kinder, die derzeit noch ihre Ausbildung absolvieren.

Die Familie sei ihm sehr wichtig, fügt er bei, und nach wichtigen Ereignissen in seinem Leben gefragt, erwähnt er eine Reise von einem Monat, die er vor drei Jahren gemeinsam mit seiner Familie nach Thailand und Kambodscha unternommen hat. «So etwas mit der Familie machen zu können, ist schon ein Privileg.» Nur selten kommt er dazu, solche Freiheiten zu geniessen. Umso mehr schätzt Hans-Ulrich Bigler die traumhaft-farbigen Pop-Art-Bilder der amerikanischen Maler James-Rizzi und Charles Fazzino, die ihm zu Hause immer wieder «ein Gefühl von der Grosszügkeit dieses Landes vermitteln».