1. Home
  2. Management
  3. «Airbnb ist eine Motivation für die Hotellerie»

Gastgewerbe
«Airbnb ist eine Motivation für die Hotellerie»

Imported Image
Michel Rochat: Korrekte Kleidung muss sein, sagt er. KeystoneQuelle: Keystone

Frauen dürfen maximal 8,5 Zentimeter Absatz tragen, Männer keinen Vollbart - Michel Rochat, Chef der Hotelfachschule in Lausanne, erklärt, warum die Ausbildung von Fachkräften darauf Wert legt.

Wie oft steigt der Chef der weltbesten Hotelfachschule selber im Hotel ab? Michel Rochat*: Ich komme auf etwa sechzig Übernachtungen pro Jahr.

Worauf schaut der Profi im Hotel?
Wenn ich auf Geschäftsreise bin, ist mir der Standort sehr wichtig. Im Hotel selber schaue ich nicht so sehr auf die Sterne, sondern auf die Freundlichkeit. Für mich sind die Freundlichsten die Besten.

Sie meinen Freundlichkeit an der Rezeption?
Es sind die kleinen Dinge, die einen Unterschied machen zwischen Hotels mit und Hotels ohne Seele. «Sind Sie gut angereist? Was können wir für Sie tun?» – solche Dinge. Wenn man mit dem Wagen ein paar Stunden Anfahrt hatte, tut es gut, wenn man freundlich aufgenommen wird. Man fühlt sich gleich wie zu Hause. Das Thema ist mir sehr wichtig.

Sie sind Jury-Mitglied des Prix Bienvenu, der jährlich die freundlichsten Hotels der Schweiz auszeichnet. Findet man hierzulande für diesen Schönheitswettbewerb überhaupt genügend freundliche Betriebe?
Aber natürlich. Ihre Frage ist übrigens typisch schweizerisch. Die Schweizer fokussieren sich zu sehr aufs Negative. Sie bewerten das inländische Hotelangebot oft sehr viel kritischer als ausländische Besucher.

Man neigt dazu, weil der östliche Nachbar bezüglich Freundlichkeit einen so guten Job macht.
Tatsächlich sind die Österreicher bei diesem Thema eine interessante Benchmark. Aber noch einmal: Schweizer sind in ihrer Beurteilung des eigenen Hotel-Werkplatzes zu negativ eingestellt. Selbstkritik ist ein Schweizer Nationalsport.

Es gibt also rein gar nichts, das man in der Schweizer Hotellerie verbessern könnte?
Verbessern kann man sich immer. Wo man allenfalls mehr machen könnte in der Schweiz: Proaktiver sein. Die Entwicklungen im Bereich Big Data stärker verfolgen. Die Märkte von morgen antizipieren. Natürlich ist die Freundlichkeit auch an unserer Schule ein grosses Thema. Wir schaffen hier quasi die Positiv-Ambassadoren der nächsten Generation.

Kann man Freundlichkeit lernen oder hat man das in die Wiege gelegt bekommen?
Gastfreundschaft kann man lernen, genauso wie die Professionalität im geschäftlichen Umgang. Wobei wir schon darauf achten, dass unsere Kandidatinnen und Kandidaten eine offene und positive Grundhaltung haben. Das prüfen wir.

Wie?
Die Studierenden müssen einen Motivationsbrief schreiben, daraus können wir eine Menge herauslesen.

Und wenn den Mama oder Papa geschrieben haben?
Weil wir beim Aufnahmegespräch über den Brief sprechen, finden wir schnell heraus, was von der Bewerberin oder vom Bewerber selber kam. Und was von Mama oder Papa. Die jungen Leute, die sich um einen Platz an unserer Schule bewerben, müssen wie ein Schwamm sein: aufnahmebereit und lernfähig. Die Studenten in spe vermischen oft Kundensicht und Gastgebersicht bei diesem Gespräch. Manche glauben, wenn sie schon einmal in einem Luxushotel waren, hätten sie bereits die Gastgeberperspektive. Ein grosser Irrtum.

Ihr Institut gilt als die beste Hotelfachschule der Welt. Wer Lausanne meistert, hat das Ticket zum Erfolg in der Tasche.
Stimmt. Genauso wie das auch für Absolventinnen und Absolventen der HSG St. Gallen, des IMD Lausanne, mit dem wir übrigens eng kooperieren, oder der kalifornischen Stanford University gilt. 99 Prozent unserer Absolvierenden haben nach der Ausbildung einen Job.

Aber merkwürdigerweise oft nicht in der Hotellerie. Fast die Hälfte Ihrer Absolventen kehrt der Branche nach dem Abschluss den Rücken. Warum nur?
Ganz so drastisch ist es nicht. 40 Prozent bleiben in der Hotellerie und 20 Prozent wenden sich Branchen zu, die im weitesten Sinne mit Gastgebertum zu tun haben. Die restlichen 40 Prozent wechseln in Bereiche wie Finanzen, Versicherungen, Luxus. Firmen wie Louis Vuitton und andere bekannte Marken schätzen unsere Studentinnen und Studenten sehr, denn sie haben bei uns die nötigen emotionalen Soft Skills erworben, um hochwertige Produkte zu vertreten.

Ist es nicht ein Problem für die Branche, wenn sie so viele Leute verliert?
Ich sehe es anders: Unsere Studierenden lernen die Werte der Swiss Hospitality - und können diese anschliessend in vielen anderen Branchen anwenden. Diesen breiten Radius und Wissenstransfer wollen wir ganz bewusst erreichen.

Die Absolventen gehen wohl auch weg aus der Hotellerie, weil die Arbeitsbedingungen zu hart sind. Viele Abend- und Wochenendschichten verunmöglichen ein geordnetes Sozialleben. Bei der Bank oder im Luxusgüterkonzern ist das sorgenfreier.
Das mag schon sein. Aber in der Hotellerie hat man den täglichen Austausch mit Menschen aus aller Welt. Das suchen viele junge Leute heute. Im Hotel steht die Welt vor der Tür.

Wie viele Studierende brechen an der EHL ab?
Fast keine. Wir haben 1200 Interessentinnen und Interessenten. Aus diesen wählen wir 350 aus. Wenn wir jemanden selektionieren, der sich nicht wohl fühlt, dann haben wir einen Irrtum begangen. Weil wir jemandem einen Platz gegeben haben, der für einen anderen bestimmt gewesen wäre.

Man bricht wohl auch nicht ab, weil man mindestens den Gegenwert eines Porsche Cayenne investiert hat in die Ausbildung. Da schleppt man sich lieber durch.
Ist das wirklich so viel Geld? Ich sehe es eher so: Unsere Studierenden machen an der EHL Erfahrungen und Kontakte fürs Leben, die mit Geld nicht aufzuwiegen sind.

Ihre Schüler lernen den perfekten Umgang mit dem Gast. Tatsächlich aber boomt ein System, das meist ohne Gastgeber auskommt: Airbnb. Ist Airbnb ein Freund oder ein Feind der Hotellerie?
Airbnb ist ein Freund. Für unsere Branche ist es gut, dass mehr Leute reisen und so die Erfahrung machen, an einem fremden Ort zu übernachten. Alle diese Leute, die in Airbnb-Apartments absteigen, wären früher vielleicht gar nicht gereist. Airbnb ist ein Puzzlestein in der Gesamtbranche der Unterkünfte. Und eine Motivation für die Hotellerie, ihre Dienste zu verbessern.

Hoteliers müssen unzählige Auflagen bezüglich Brandschutz, Gäste-Meldepflicht, Steuern und Abgaben erfüllen. Airbnb-Gastgeber aber nicht, sie laufen quasi unter dem Behördenradar. Unfair?
Das ist tatsächlich so. Hier sind die Behörden gefordert, gleiche Regeln für alle zu schaffen.

Sollen die Regeln für die Hoteliers erleichtert oder für Airbnb-Gastgeber verstärkt werden?
Bei Themen, welche die Sicherheit der Gäste betreffen, müssen die Regeln für Airbnb verschärft werden. Aber die ideale juristische Antwort auf das Phänomen kann ich leider auch nicht liefern. Marktinnovationen entwickeln sich nun einmal schneller als rechtliche Anpassungen.

Kann die klassische Hotellerie sogar etwas lernen von Airbnb?
Beim Thema Familienreisen in Städten füllen Airbnb-Apartments eine Marktlücke. Während es in Hotels oft schwierig und teuer ist, eine mehrköpfige Familie unterzubringen, klappt das in Stadtwohnungen sehr gut. Meine Hoffnung: Vielleicht werden Familien in ein paar Jahren schon bessere Erfahrungen in Hotels machen, weil sich diese unter dem Druck von Airbnb verändern mussten. Einmal mehr muss ich daran appellieren, den Negativismus hinter sich zu lassen. Mit Airbnb ist neue Konkurrenz entstanden. Hoteliers sollten das sportlich nehmen und davon lernen.

Wie oft haben Sie selber schon eine Airbnb-Wohnung reserviert?
Noch nie. Das kommt noch.

Die EHL investiert über 200 Millionen Franken in den nächsten Jahren. Wie stärkt das die Stellung als beste Hotelfachschule der Welt?
Vor allem brauchen wir neue Unterkünfte für unsere Studierenden. Heute ist es in Lausanne und Umgebung nicht einfach, ein Zimmer zu finden. Statt eines Star-Architekten waren es bei uns übrigens Studentinnen und Studenten aus der ganzen Welt, die den Ausbau unseres Campus im Sinne von Crowd-Architektur geplant haben. Die Grundsteinlegung ist jetzt im Herbst vorgesehen. Aber es geht bei den Investitionen nicht nur um Bauliches. Es geht um das Thema Nachhaltigkeit in allen Dimensionen. Und Herz und Seele bleiben für uns natürlich die Lehrprogramme; auch diese werden laufend weiter verbessert.

Wenn nun viel Geld in die Neuentwicklung des Campus fliesst, steigen dann die Studiengebühren?
Nein.


Sinken sie?
Auch nicht. Unsere Gebühren bleiben stabil.

Die vierjährige Ausbildung an der EHL kostet für Schweizer 75'000, für Ausländer 157'000 Franken. Jeder Geschäftsmann würde nun versuchen, möglichst viele Ausländer an die Schule zu holen, weil das die Kassen heller klingen lässt.
So denken wir nicht. Unsere zwei ungeschriebenen Gesetze lauten: Zwei Drittel der Studentenschaft müssen aus Europa stammen. Und: Die Mehrheit der Studierenden soll aus der Schweiz kommen. Geldvermehrung ist nicht meine Priorität. Vielmehr lasse ich mich von drei Prinzipien leiten.

Die da wären?
Qualität, Qualität, Qualität. Das fängt nur schon damit an, auch baulich die richtige Geisteshaltung zu vermitteln. Wir haben vier Jahre damit verbracht, alle Wände aus unserer Lobby zu entfernen. Die Botschaft: Bei uns soll man «out of the box» denken.

Bei Ihren Kleidervorschriften sind Sie aber sehr «inside the box». Absatzhöhe der Damenschuhe: nicht über 8,5 Zentimeter. Barthaar-Obergrenze: 1 Zentimeter. Keine Kapuzenpullis während des Studiums.
Genau so muss das sein. Was Sie vergessen haben: keine sichtbaren Tattoos. «Out of the box» bezieht sich nur auf die Denke, nicht aufs Tenue. Wer mit Kundschaft verkehrt, muss korrekt gekleidet sein. Auch das ist EHL-Stil: respektvoller Umgang. Unsere Talente müssen auf der einen Seite konventionell auftreten, comme il faut. Und auf der anderen Seite fähig sein, total unkonventionell und crazy zu denken.

Ein Widerspruch.
Nein, ein Paradox, das unsere Studierenden locker schaffen.

Gelten die Tenue-Regeln auch für die Startups, die Sie auf dem Campus einquartieren werden? Oder wird man sich im Kapuzenpulli zeigen können?
Möglicherweise werden wir dort etwas lockerer sein.

Was wollen Sie Start-ups bieten? Ein Silicon Valley am Genfersee?
Silicon Valley ist ein grosses Wort. Ich denke eher an einen Innovationspool. Kein technisch orientiertes Zentrum, sondern ein Ort, wo Neues zum Thema Gastfreundschaft erdacht wird. In Lausanne haben wir mit EHL, EPFL und IMD dazu einen hervorragenden Wissens-Cluster, zu dem wir Wesentliches beitragen wollen.

Was genau planen Sie?
Ich denke an eine Anlage, eine Art Innovationslabor, die vierzig bis fünfzig hellen Köpfen-Platz bietet. Das würde etwa den Teams von sechs bis acht Startups entsprechen. Daraus soll eine Art neue DNA für unsere Schule und die Branche, mit der wir über unser riesiges Alumni-Netzwerk in engstem Austausch sind, entstehen. Aber wichtig: Wir führen die Startups nicht, wir bieten lediglich den Raum. Wir kaufen nicht die Pferde, nur die Rennbahn.

Darüber hinaus verfolgen Sie eine Asien-Strategie. Worum geht es da genau?
Tatsächlich prüfen wir die Idee, uns in Asien mit einem eigenen Campus niederzulassen. Beschlossen ist aber noch nichts, das werden wir Ende Jahr mit dem Stiftungs- und dem Verwaltungsrat entscheiden.

Wie sieht Ihre Shortlist möglicher asiatischer Standorte aus?
Es gibt keine Shortlist. Sollten wir das wirklich machen, kommt nur ein Standort infrage: Singapur. Der Stadtstaat ist ein wichtiger regionaler Hub, wirtschaftlich stabil, von der Denkweise her ähnlich wie die Schweiz, gut erreichbar und mit Universitäten von Weltruf.

Wollen Sie Ihr Schulsystem auslizenzieren oder einen eigenen EHL-Campus in Fernost errichten?
Das ist noch nicht entschieden. Im Vordergrund steht, dass ein solcher Campus nach unserem Modell, unserem System und unseren Werten geführt wird. Natürlich müssten wir dazu mit Universitäten und Hotels vor Ort zusammenarbeiten. Damit wir Wurzeln am Ort schlagen können.

Wann coupieren Sie das Eröffnungsband für einen EHL-Campus in Singapur?
Wenn wir Ende Jahr zu einem positiven Entscheid kommen, müsste sich das in drei Jahren machen lassen.

Wir kommen zum Interview-Check-out. Was ist wichtig bei der Hotelabreise?
Wenn ich auf einer Business-Reise bin, verlasse ich das Hotel immer sehr früh am Morgen. Für mich ist es wichtig, dass der Check-out schnell und freundlich erfolgt. Die zwei Fragen, die dort gestellt werden müssen, sind immer: Wie war Ihre Übernachtung? und: Können wir sonst noch etwas für Sie tun?


Und ob Sie etwas von der Minibar hatten.
Minibars mag ich nicht. Wenn ich etwas trinken will, gehe ich an die Hotelbar. Da spielt das Leben, da trifft man die Leute.

*Michel Rochat ist CEO der EHL Holding, der École hoteliere de Lausanne. Der frühere Generaldirektor für höhere Bildung des Kantons Waadt bekleidet den Chefpostten an der EHL seit 2015.

Anzeige