Zwei Zitate zur Einstimmung: «Die wertorientierte Führung erfährt nach einer Phase ungebremsten Wachstums und bedingungslosen Glaubens an den Shareholder Value eine eigentliche Renaissance. Auch aufgrund des gesellschaftlich-politischen Druckes ist eine Rückbesinnung auf nachhaltiges, wertkonformes Schaffen unverkennbar.»

Und: «Wenn Wirtschaft unserer Gesellschaft dienen soll - und von dieser Zielsetzung ist auszugehen -, muss unternehmerisches Handeln ökonomisch, ökologisch und sozial nachhaltig sein. In der beobachtbaren Finanzkrise scheint die ökonomische Sachlogik die ethische Fundierung verdrängt zu haben.»

Der Ruf nach Werten

Beide Aussagen stammen weder von blauäugigen Weltverbesserern noch von ewiggestrigen Revoluzzern. Sondern von gestandenen Männern, deren täglicher Job es ist, die Teppichetagen unserer Konzerne mit neuen Köpfen zu versorgen, beziehungsweise diese Köpfe erst mit dem richtigen Gedankengut zu füllen.

Das erste Zitat stammt von Philippe Hertig, Managing Partner und Office Leader Zürich beim europaweit führenden Executivesearcher Egon Zehnder International. Das zweite vom Schweizer Hans A. Wüthrich, renommierter Professor für Internationales Management an der Universität der Bundeswehr München und ein weitherum bekannter Buchautor und Frischdenker.

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Und sie bekommen Support von Seiten der Ethik: «Da haben der falsche Geist und die falschen Prinzipien geherrscht - und sie herrschen noch heute, denn sie sind tief in den ökonomischen Ausbildungssystemen verankert», diagnostiziert Ulrich Thielemann, Vizedirektor am Institut für Wirtschaftsethik der Universität St. Gallen.

Hans A. Wüthrich sieht den erstarkten Ruf nach Werten als Indiz für das von vielen Menschen empfundene Werte-Vakuum. Die Forderung nach moralisierenden Werten - im Sinne einer Du-Sollst-Ethik - stellt für ihn ein klassisches Reaktionsmuster in Krisensituationen dar. Doch entscheidend seien in der aktuellen Situation vielmehr die handlungsleitenden Werte. Diese basieren auf einer Ich-will-Ethik, das heisst einer verantwortungsbewussten individuellen Haltung, und seien intrinsisch motiviert. «Bezogen auf die Finanzkrise bedeutet dies, dass mittels Regeln alleine keine nachhaltigen Lösungen realisierbar sein werden», befürchtet Wüthrich.

Und was kommt danach?

Die Finanzkrise wirft ausser globalen Wellen «historischen Ausmasses» auch zahlreiche Fragen auf. Nicht nur solche nach möglichen «Schuldigen», «Tätern», Nutzniessern oder adäquater Opferhilfe. Sondern zum Beispiel die Frage: Was kommt danach?

An den beiden Enden des denkbaren Spektrums von Lösungen steht je eine Möglichkeit. Erstens: Die Mitspieler setzen alles daran, die erlittenen Verluste schnellstmöglich wieder wettzumachen durch emsiges Weiterdrehen am Karussell. Oder zweitens: Das ganze Wirtschaftssystem wird gründlich hinterfragt. Die Wahrscheinlichkeit, dass Ersteres passiert, ist bedeutend grösser: Der Schock wird abebben, der Lerneffekt verpuffen, ein Umdenken höchstens partiell stattfinden. Davon muss leider ausgegangen werden.

Wieso? Weil die Herausforderungen der näheren Zukunft fast überall von den Vertretern der Vergangenheit angegangen werden sollen. Und die tun, was sie gelernt haben: Gewinne maximieren - oder im besten Fall optimieren. Es ist deshalb illusorisch zu glauben, dass der Bock als Gärtner die süssen Früchte für andere hängen lässt. Das sieht auch Hans A. Wüthrich so: «‹Mehr desselben› lautet das Reaktionsmuster im täglichen Wahnsinn.» Die Herausforderung liegt ihm zufolge somit nicht in der Präzisierung der Führungstools, sondern es gehe um eine Veränderung der inneren Haltung gegenüber Führung.

«Gesellschaft, Politik und Wirtschaft benötigen keine omnikompetenten Silberrücken, die uns tagtäglich erklären, wie die Welt funktioniert. Was wir dringend brauchen, ist eine Haltungselite, die sich durch eine hohe Reflexionsfähigkeit, leisen Mut und gelebte Beziehungsqualität auszeichnet», wünscht sich Wüthrich.

Eine Haltungselite also. Vorbilder. Orientierungshilfen. Das sieht der Praktiker Philippe Hertig ebenso: «Absolut essenziell sind Ehrlichkeit und Integrität, Werte also, die schon im Mittelalter als Grundlage des Erfolges angesehen und respektiert wurden. Hinzu kommen Pflichtbewusstsein und Respekt.» Auch Ulrich Thielemann fordert: «Integrität muss von der Unternehmensführung kommen. Bei KMU und Familiengesellschaften ist das eher gegeben, bei Kapitalgesellschaften ist es schwieriger. Wenn das Unternehmenshandeln von wahrhaftiger Integrität getragen ist, dann erhält man auch den Zuspruch der Stakeholder, die ein feines Gespür dafür haben, ob man es ernst meint oder nur so tut als ob.»

Da stellt sich die Frage, wo denn der gute Wille wächst. Dazu der Ethiker Thielemann: «Der Anspruch, die Geschäfte verantwortungsvoll zu führen, der ist schon da.» Und wenn nicht? Bis anhin jedenfalls hat es nicht überall den Anschein gemacht. Woher soll, kann die Wirtschaftselite die geforderte Haltung beziehen? Und sind die bestehenden Köpfe ausreichend für die Umsetzung der neuen Prinzipien? Dazu nochmal Thielemann dezidiert: «Eine schwierige Frage. Wenn die Wirtschaftsführer die Grösse hätten zu bekennen, dass der Gewinn nicht alles sein darf … Aber dafür gibt es, bislang zumindest, allenfalls schwache Anzeichen.»

Also brauchen wir wohl wirklich frische Köpfe. Doch müsste man nicht die Lehrbücher ändern, um solche zu bekommen? Thielemann bestätigt: «Es geht schon in diese Richtung. Ausser beim St. Galler Managementausbilder Fredmund Malik findet man praktisch nirgends, dass der Gewinn nicht das Höchste sei. Selbst die Ethik wird heute für die Reputation instrumentalisiert. Wir denken alle in Terms von Nutzenmaximierung - und merken es oft gar nicht.»

Und dass mit der Ausschüttung von ein paar Dutzend oder auch ein paar 100 Mrd Fr. oder Dollar das Problem höchstens verwässert wird, liegt auf der Hand. Schlimmer noch: Diese staatlichen Gehhilfen bilden möglicherweise bereits wieder die Basis für die nächste Blase.

Die Universitäten sind gefordert

Die Rezepte liegen auf der Hand. Und: Praxis und Theorie sind sich für einmal relativ einig. Auf den Punkt bringt es allerdings der spanische Literat Ortega y Gasset: «Von dem, was man heute an den Universitäten denkt, hängt ab, was morgen auf den Plätzen und Strassen gelebt wird.»

Philippe Hertig von Egon Zehnder zieht gleich: «Grundsätzlich müsste vor allem in der Aus- und Weiterbildung (Uni, MBA etc.) eine differenziertere Betrachtung stattfinden.»

Auch Hans Wüthrich sieht es so: «Bei der Entwicklung der geforderten Haltungselite kommt den Bildungsinstitutionen - insbesondere aber den Universitäten - eine zentrale Bedeutung zu. (Hoch-) Schulen konstituieren Gesellschaft, sie prägen das Reflexionsvermögen und Problemlösungsverhalten zukünftiger Verantwortungseliten.»

Und Ulrich Thielemann: «Wenn die Politik nicht will, dass an den Universitäten Gewinn- und Bonimaximierer herangezüchtet werden, sondern der Managementnachwuchs ein Verständnis davon erhält, was Integrität bedeutet, dann soll sie doch einfach ein Netz von Lehrstühlen für Wirtschaftsethik schaffen, sodass die Studenten wenigstens mal eine andere Perspektive hören.»