Je höher jemand in der Politik steigt, desto mehr Bodenhaftung muss er behalten.» Diese finde er hier in Herisau, wo er seine Wurzeln habe, sagt Bundespräsident Hans-Rudolf Merz beim Empfang, den die Ausserrhoder Regierung zu seinen Ehren gibt, am Ende einer politischen Woche, die für den Finanzminister kontrastreicher nicht hätte sein können: Montag und Dienstag in der zweiten Woche der Wintersession Sonderdebatten in National- und Ständerat, wo er zu den Folgen der globalen Finanzkrise Red und Antwort steht, tags darauf Behandlung des Budgets 2009 der Schweizerischen Eidgenossenschaft, wenige Stunden später Präsentation der Eckwerte der dritten Unternehmenssteuerreform, die nach Meinung des Bundesrats den Steuerstreit zwischen der EU und der Schweiz beilegen könnten. Und dann, einen Tag später, das Bad in der Menge in Herisau.

Hier die Heimat, dort die Welt der Finanzen und Steuern: Bei Hans-Rudolf Merz ist das kein Widerspruch. Im Gegenteil. Wie kaum ein anderer zeitgenössischer Politiker beruft er sich auf seine Herkunft, wenn er seine Politik, seine Ideen und Visionen erklärt. Der gebürtige Aargauer, jedoch in Herisau aufgewachsene Merz hat das Appenzellertum geradezu verinnerlicht. Wenn er, wie Ende November in einem Referat, den «appenzellischen Mittelweg» als Mittel gegen den Brain Drain aus dem Appenzellerland anpreist, beschreibt er den Kern seiner eigenen Lebensphilosophie: Pragmatismus, Freiheitsliebe und Bescheidenheit. Alle drei versieht er mit dem Adjektiv «appenzellisch», was nicht als blosse Verneigung vor der Gastgeberin, der Appenzellisch Gemeinnützigen Gesellschaft, zu verstehen ist.

Heilende Kraft der Heimat

Merz liebt seine Heimat, und es drückt ihm schier das Herz ab, wenn sich das Appenzellerland aus Zürich angereisten Besuchern für einmal nicht im Sonntagsstaat präsentiert. Nach der schweren Herzoperation von Ende September 2008 und dem Genesungsaufenthalt in der Reha-Klinik Gais lobt er die «heilenden Kräfte» seiner Heimat. Er bekennt sogar «gerne», dass auch er mitunter an der für seine Landsleute typischen Krankheit Heimweh leide. Doch selbst wenn ein geschnitzter Alpaufzug auf dem Büchergestell in seinem Büro im Bernerhof steht und er sich aktiv für die Erhaltung des Brauchtums engagiert, artet seine Heimatverbundenheit nie in dumpfe Volkstümelei aus.

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Das Appenzell ist für den Vielgereisten mehr Basislager und Kraftort, wohin er nach Möglichkeit jedes Wochenende zurückkehrt, um Distanz von Bern zu gewinnen und sich von der Politik nicht auffressen zu lassen.

Denn diese Gefahr besteht: Der freisinnige Spitzenpolitiker Merz ist geprägt von protestantischem Pflichtbewusstsein. Er ist ehrgeizig und will in seinem Leben etwas erreichen, nachdem er miterlebt hat, wie sein Vater, Besitzer eines kleinen Textilunternehmens, Konkurs machte. Erreicht hat er viel: Die Sanierung der Ausserrhoder Kantonalbank, 1997 die Wahl in den Ständerat, 2003 die Wahl in den Bundesrat, jetzt die Wahl zum Bundespräsidenten für 2009.

Ein Fremder im Bundesrat

Leicht gefallen ist dem politischen Quereinsteiger dieser Aufstieg nicht. Besonders die ersten Jahre im Bundesrat waren hart. Merz fühlte sich gestresst im Spagat zwischen den übersteigerten Erwartungen der Wirtschaft einerseits, die an ihn als Zweiten im Duo Blocher/Merz gestellt wurden, und den begrenzten Möglichkeiten eines Finanzministers andererseits. Zudem erlitt er im Mai 2004 mit der Steuervorlage, die nicht die seine war, Schiffbruch.

Irgendwie schien der frühere Unternehmensberater in der Landesregierung nicht angekommen, er redete und redete, um sich zu erklären, um Selbstvertrauen und das Vertrauen der Öffentlichkeit zu gewinnen. Wenn Heimat dort ist, wo alles selbstverständlich ist und man nichts zu erklären braucht, hat sie Merz in dieser Phase in Bern gefehlt. Ein Fremder im Bundesrat.

Mit der ihm eigenen Zähigkeit hat er sich seither hochgearbeitet: Er brachte das Jahrhundertprojekt des Neuen Finanzausgleichs (NFA) zum Abschluss, realisierte die Unternehmenssteuerreform II, startete die dringend nötige Reform der Mehrwertsteuer, stellte die Finanzmarktaufsicht auf neue Beine, bekam die Bundesfinanzen in den Griff und bewies mit dem in der Dezembersession verabschiedeten «Massnahmenpaket zur Stärkung des schweizerischen Finanzsystems», das er zusammen mit der Schweizerischen Nationalbank seit dem Frühjahr in aller Verschwiegenheit vorbereitet hatte, dass er auch in schwierigsten Phasen in der Lage war, seiner Devise nachzuleben, «gouverner, c’est prévoir!».

Dabei mag ihm die - von seinen Kritikern beargwöhnte - Nähe zum Finanzplatz zugute gekommen sein. Denn Merz spricht und versteht die Sprache der Banker. Umgekehrt ist dies auch der Fall. Im Unterschied zu ihnen ist er sich jedoch bewusst, dass er als Politiker immer Mehrheiten schaffen muss, wenn er Erfolg haben will. So weiss er als eingefleischter Föderalist und guter Verhandler ganz genau, dass er bei den anstehenden Steuerreformen auf die Kantone Rücksicht zu nehmen hat. Oder dass eine nächste Unternehmenssteuerreform nur eine Chance hat, wenn vorher die Ehepaarbesteuerung geregelt ist. Oder dass er auf der Mehrwertsteuer-Baustelle in Teilbereichen das Gesetz des Handelns anderen Akteuren überlassen muss, um Freiraum für die eigene Vision des Einheitssteuersatzes zu schaffen.

Gibt die grossen Linien vor

Merz kann zwar pingelig sein - er hasst nichts so sehr wie Unpünktlichkeit - und er kann dem staunenden Publikum vorrechnen, um die wievielte Präsidentschaft es sich beim Bundespräsidentenamt handelt (um die 20.) - er ist trotzdem kein Zahlenfetischist oder Detailfanatiker. Er gibt lieber die grossen Linien vor, wobei er das Glück hat, bei der Umsetzung seiner Ideen auf ein breites Team von exzellenten Fachleuten zählen zu können, in erster Linie auf Peter Siegenthaler, Chef der Eidgenössischen Finanzverwaltung, mit dem sich Merz ausgezeichnet versteht.

Merz ist ein klassischer Liberaler. Seine Politik orientiert sich am Liberalismus, mit dem er sich in unzähligen Reden auseinandergesetzt hat. Immer wieder nennt er seine Elemente: Eigenverantwortung, Gemeinsinn und soziale Marktwirtschaft, Toleranz, Augenmass und Fortschritt. Hier sind die Gründe dafür zu suchen, weshalb Merz den schlanken Staat verficht, weshalb er für den Pragmatismus in der Politik eintritt, weshalb er leidet, wenn Manager die Werte, die für ihn den Liberalismus ausmachen, zerstören oder Reformen nicht vom Fleck kommen.

Fröhlichkeit und Lebensfreude

Dass Merz die Fröhlichkeit als letzte liberale Tugend nennt, ist typisch, nicht nur seiner Appenzeller Herkunft wegen. Es heisst, dass Liberale bei aller Härte des politischen Geschäfts eine gewisse Menschlichkeit bewahren sollen. Merz hat diese Tugend, gepaart mit einer starken Lebensfreude, die sich nach der Rückkehr von Spital- und Reha-Aufenthalt auch in Freude und Dankbarkeit über sein «zweites» Leben ausdrückt.

Stichwort zweites Leben: Der Bundespräsident für das Jahr 2009 hat schon immer gezeigt, dass es für ihn neben der Politik noch andere Dimensionen gibt. Dafür, nicht für Frömmelei, ist die Bibel Ausdruck, die er immer in der Mappe bei sich trägt. Oder sonst ein Buch, das er ebenfalls immer bei sich hat und das ihm als Leser jederzeit die Möglichkeit gibt, in andere Welten einzutreten.