Frisch geduscht oder vom Training verschwitzt? Fabian Cancellara tritt eiligen Schrittes ins Sitzungszimmer am Berner Hauptbahnhof, seine Haare glänzen feucht. Noch im Stehen beginnt er zu plaudern: «In Katar spürt man schon das Fussballfieber.» Er ist gestern von Vorbereitungsrennen auf der Arabischen Halbinsel zurückgekehrt – und morgen geht es bereits weiter. Dass Cancellara sich im Februar für seine im März gestartete Radsaison in einer Region eingefahren hat, wo sich das Fieber derzeit auch in Revolutionen entlädt, ist dem Schweizer Veloprofi kaum der Rede wert.

Die Planung des Rennens Mailand–Sanremo am 19. März – Cancellara wurde einen Tag nach seinem dreissigsten Geburtstag Zweiter – fordert sein organisatorisches Geschick. Wer zwei Wochen nonstop unterwegs ist, muss überlegen, koordinieren, zupacken. Und doch tankt Cancellara beim kurzen Berner Boxenstopp auf der «real base», wie er seine Heimat nennt, Kraft für das ganze Jahr, in dem er bis zu 250 Tagen unterwegs ist. «So geht es bis Mitte April weiter», erklärt der Weltmeister und Olympiasieger im Zeitfahren, «jetzt stehen die Klassiker an.» Danach folgen die Rundfahrten – Tour de Suisse (Juni), Tour de France (Juli) oder Vuelta (August) – und als Höhepunkt die Weltmeisterschaften in Kopenhagen (September). «Im Oktober ist dann Feierabend.»
 

Das Leben mit dem Risiko

Feierabend? Cancellara lebt täglich im Bewusstsein, dass seine Karriere als Veloprofi – 2011 ist seine zehnte Saison – von heute auf morgen zu Ende sein kann. Und das Risiko tragen auch all seine Brötchengeber mit. Ein einziger dummer Sturz könnte ihn die Karriere kosten; und den persönlichen Gönnern Bigla (Hauptsponsor), ProBon und Cornèrcard (beides Partner) oder IWC und Audi (beides Supplier) immerhin gewisse Einbussen bescheren.
Noch strotzt der Sportler vor Ehrgeiz: «Ich gehe nicht an die Rennen, um mitzufahren, sondern um zu gewinnen.» Fehlende Triumphe? Lüttich–Bastogne–Lüttich, Lombardei-Rundfahrt, Weltmeister und Olympiasieger im Strassenrennen, Stunden-Weltrekord, Maglia rosa im Giro d’Italia. Ziele hat Cancellara, der schon so vieles gewonnen hat, nach wie vor genug.

Anzeige

Und dass er in Form ist, sieht man ihm, dem trainierten Athleten, an; seine Jeans spannen sich hart über die Oberschenkel. Um damit einmal im Sportleben die gesamte Tour de France zu gewinnen? «Nein, dass ist kein Ziel – sondern ein Traum.» Partiell geträumt hat Cancellara ihn schon mehrfach: Bislang hat er das Maillot jaune total 15 Tage getragen (2004, 2007, 2009 und 2010) – jedoch noch nie in Paris …
Über das Geschäft spricht der ansonsten so redselige Fabian Cancellara wenig. Lächelnd, aber bestimmt lehnt er die Aufforderung ab, seine Einkünfte zu beziffern, oder zu beantworten, ob er mehr Geld mit seinem Profivertrag oder mit Sponsorengeldern verdient. Immerhin verrät er, dass er von seinem neuen Team Leopard Trek – wie jeder andere auch – «pünktlich am ersten des Monats» einen Lohn erhalte, von dem er sehr gut leben könne. «Aber das Geschäft mit den Sponsoren in der Schweiz ist hart», gibt Cancellara zu. Nicht nur wegen der üblen Nachrede, die der Profiradsport wegen der Dopingfälle erfahre (siehe Nachgefragt), sondern weil hierzulande Sportarten wie Fussball, Eishockey und Ski einfach gefragter seien. «In Belgien zum Beispiel ist das anders», berichtet Cancellara. «Dort schreiben die Zeitungen vor einem Rennen oder nach einem Erfolg eine ganze Doppelseite über mich. Und auf der Strasse», ergänzt er augenzwinkernd, «muss ich bald eine Perücke tragen.» Erst mit den vielen Erfolgen (siehe Kasten) seien auch die Schweizer Geldgeber auf ihn zugekommen – vor allem nach der Olympiade 2008 in Peking.
Unlängst hat Cancellara das Management von IMG Schweiz zu Pool Position Switzerland gewechselt, weil er «nach der zehnjährigen, guten Zusammenarbeit eine Neuausrichtung, frischen Wind» gebraucht habe. Seit Anfang 2011 kümmert sich die Zürcher Agentur um zukünftige und realisierte Sponsoringverträge sowie um die Weiterentwicklung der Karriere; auch nach dem Profiradsport.

Dabei hat aber das Luxemburger Team Leopard Trek, bei dem Cancellara Ende 2010 einen Dreijahresvertrag unterschrieben hat, erste Priorität. «Die Sponsoren unserer Mannschaft und meine eigenen Gönner dürfen sich nicht beissen», konkretisiert Cancellara. Generell scheint er bei seinen Investoren Wert auf Diversifikation zu legen, denn diese könnten ungleicher nicht sein. Unter den Suppliern ist der Schaffhauser Luxusuhrenhersteller IWC, der Schwyzer Fitnessgeräteproduzent Power Plate oder der Ingoldstädter Autohersteller Audi. Ein Partner ist nicht nur ProBon, das Schweizer Treuesystem des Fachhandels, sondern auch die Kartenanbieterin Cornèrcard, die zum privaten Finanzinstitut Cornèr Bank gehört (siehe Artikel rechts). «Glücklicherweise wird mein Team nicht von einer anderen Bank unterstützt», äussert sich der Schweizer Sportler mit italienischen Wurzeln zu seinem Tessiner Sponsor, mit dem der Radprofi letztes Jahr die viel beachtete Cancellara Challenge ins Leben gerufen hat.

Anzeige

Der Hauptsponsor des gebürtigen Berners (Wohlen) ist aber die Berner Firma Bigla (Biglen), die sich auf den Bau von Bürosystemen einerseits und Schlafsystemen andererseits ausgerichtet hat. Eine unspektakuläre, wenn nicht sogar unpassende Kooperation für den Hochleistungswettkämpfer, könnte man meinen. Doch die Gründe für die nun schon zweijährige Zusammenarbeit mit Bigla sind persönlicher, und insofern nachhaltiger.

Bigla ist wie ein Zuhause für mich», sagt Cancellara, «denn ich spüre ein Herz in diesem Betrieb.» Dieses Herz hat einen Namen: Fritz Bösch. Der Besitzer präsidierte früher den Radsportverband Swiss Cycling und ist jahrelanger Förderer sowie Freund von Cancellara. «Fritz Bösch war eine Art Ziehvater, ein Mentor auch im geistigen Sinn.» Gleichsam würdigt er dessen Bedeutung fürs Velofahren an sich: «Ohne Fritz Bösch wäre der Schweizer Radsport am Boden.» Offensichtlich ist Cancellaras Wahl der persönlichen Sponsoren strategisches Kalkül, gleichwohl aber auch eine Herzensangelegenheit.
 

Anzeige

Das Menschliche am Sport

Auch in Bezug auf sich selbst weiss Fabian Cancellara um das Gewicht der persönlichen Aspekte. Der Veloprofi ist überzeugt, dass jeder Markenbotschafter als Sportler, aber auch als Mensch gemessen wird: «Die Tennisspielerin Anna Kournikowa ist zwar schön, aber schon lange nicht mehr top. Für mich aber kommt zuallererst der Sport.» In Cancellara gehen Athlet und Mensch eine eigentümliche Verbindung ein, die überhaupt nur in Symbiose gedacht werden kann. Gefragt, was ihn als Individuum ausmache, nennt er die Attribute «gesunder Ehrgeiz und Natürlichkeit». Doch wie sich seine Ambition anders als auf Pedalen äussern könnte – diese Vorstellung fällt einem schwer.
Abgesehen von der kompromisslosen Hingabe an die sportliche Leistung offenbart Cancellara auch eine tiefe Verbindung zum Radfahren als dem Volkssport schlechthin: «Der Radsport ist menschennahe. Anders als im Fussballstadion kannst du die Profis hier noch berühren. Sogar an einer Tour de France können die Zuschauer kurz vor dem Startschuss ihren Helden noch die Hände schütteln.» Dass Cancellara keine Starallüren hat, sondern vielmehr aktiv den Kontakt zu seinen Fans sucht, macht den Spitzensportler für seine Sponsoren wohl noch attraktiver.
Cornèrcard etwa kommt mit der Cancellara Challenge zweifellos direkter an die Menschen heran. Bei der zweiten Austragung am 11. Juni werden in Lugano wieder rund 50 Cornèrcard-Mitarbeiter die 250 Teilnehmer betreuen, die vor dem Start zur echten Tour de Suisse auf der Originalstrecke des 7,6 Kilometer langen Prologs fahren dürfen – und dabei imaginär gegen ihr Idol antreten. Das ist greifbarer als Branding via Fernsehen, das ist Marketing im Schweisse des Angesichts. Nicht auszumalen, wenn ein Amateur schneller strampelt als der Profi …
 

Anzeige

Markenbotschafter bleiben

Eines Tages wird aber auch Fabian Cancellara der Saft ausgehen, dessen ist er sich bewusst. Weil die Zeit seiner Ausbildung zum Elektromonteur lange zurückliege, komme eine Rückkehr zum Handwerk nicht in Frage. Der Seriensieger will auch nach seiner Zeit als Profi auf den Radzirkus bauen. Wenn er auch nicht jünger werde, so habe er über die Jahre doch Einsichten gehabt, mit denen er dem Sport, dem er Bekanntheit, Verdienst und Freude verdankt, etwas zurückgeben könne. «Von jeher sehe ich bei den Rennen auch hinter die Kulissen, bin in Gespräche und die Auswahl des Materials involviert», sagt Cancellara. Hinzu kommt seine Neugier gegenüber dem Radfahren sowohl als Sport als auch als Investitionsmöglichkeit: «Ich will alles wissen und hinterfragen; nicht nur beim Sport, sondern auch beim Management und den Sponsoren.» So will er dereinst unternehmerisch aktiv werden, Einfluss nehmen. In welcher Form ist ihm noch nicht klar, wenn er sich im Gespräch auch in eine mögliche Zukunft vortastet: «Ich will nicht sportlicher Leiter werden, nicht an die Front. Wenn, dann allenfalls, um ab und zu einen Kommentar abzugeben», meint er. Ob er einmal eine Firma gründen will, weiss Cancellara auch noch nicht. Jedenfalls lege er von seinem hart erstrampelten Geld immer wieder etwas auf die hohe Kante.
In Bezug auf seine Sponsoren ist der Veloprofi hingegen selbstbewusst und baut dabei auf die Nachhaltigkeit seiner Erfolge: «Nach dem Ende meiner Karriere traue ich mir durchaus zu, Markenbotschafter zu bleiben.» Wenn er dieses Jahr erneut wieder an vielen Rennen antritt, sind Einsatz und Erfolg weniger schnelllebig, als man meint. Cancellara strampelt dann auch um seine Altersvorsorge.

Anzeige

 

Steckbrief

Name: Fabian Cancellara (30)
Geburtsdatum: 18. März 1981
Geburtsort: Wohlen BE
Wohnort: Ittigen BE
Familie: Verheiratet, eine Tochter
Beruf: Radsportprofi (seit 2001)
Team: Leopard Trek, Luxemburg
Vorbild: Miguel Indurain

Sportliche Erfolge (eine Auswahl): Weltmeister im Zeitfahren (2006, 2007, 2009, 2010); Olympiasieger im Zeitfahren (2008); Olympiazweiter im Strassenrennen (2008); Sieger Tour de Suisse (2009), Tour of Oman (2010), Paris–Roubaix (2006, 2010), Mailand–Sanremo (2008) und Flandern-Rundfahrt (2010).