Die Firma K+D, eine der führenden Herstellerinnen von fälschungssicheren Verpackungen für die Pharmaindustrie, war ursprünglich zu 80% von der Textilindustrie abhängig. «Mein Vater hat erkannt, dass wir hier keine Zukunft haben», erzählt Stefan Kuhn, heute CEO. K+D gehört heute zu den Top-Lieferanten aller Grossen der Branche und hat volle Orderbücher.

Weiteres Beispiel: Die «Zauberflaschen» der Firma Berlinger. Dank dem Erfindergeistklima ist es dieser einstigen Weberei und Färberei im toggenburgischen Ganterschwil gelungen, nach der Textilkrise ganz neue Geschäftsfelder zu erobern - und dies weltweit. Auslöser für den Erfolg dieses Unternehmens waren die Dopingskandale. Sponsoren waren es leid, dass Urinproben immer wieder gefälscht wurden. CEO Andrea Berlinger - auch sie Spross eines traditionsreichen Familienunternehmens - kreierte, zusammen mit ihren Spezialisten, ein Fläschchen, das fälschungssicher ist. «Einmal abgefüllt, kann es nur noch mit Gewalt geöffnet werden, aber dann wird ein Betrug offensichtlich», sagt sie. Im Vorfeld von Olympischen Spielen läuft die Produktion jeweilen am Limit.

Totgeglaubte leben länger

Szenenwechsel: Da gab es doch eine Zeit, als die Textilunternehmer immer wieder erklären mussten, wieso die Zahlen in den letzten Jahren eher nach unten tendierten. Wer leistet sich noch teure Kleider, wenn es doch Modisches ab der Stange gibt? Und dann das: Michelle Obama trägt an der Inauguration ihres Mannes Guipurespitzen von Forster Rohner aus St.Gallen.

Gleiches gilt für die französische First Lady: Carla Bruni trägt wie Angelina Jolie oder Condelezza Rice meistens Kleider, die von Albert Kriemler entworfen worden sind. Auch er entstammt einer alten St. Galler Textilindustriellenfamilie. Und wenn Ladys aus der High Society sich Unterwäsche kaufen, sind fast mit Sicherheit Stickereien von Bischoff Textil, St. Gallen, dabei - auch dieses Unternehmen hat es verstanden, beizeiten ein kleines, aber feines Teilsegment zu besetzen.

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Mehr emotionale Intelligenz

Leonhard Fopp, schweizerischer Präsident der weltweiten Vereinigung von Familienunternehmen, fasst die Antwort auf die Frage nach solchen Erfolgsphänomenen in einem Satz zusammen: «Viele Unternehmen, die von einer Familie geführt und beherrscht werden, haben einfach mehr emotionale Intelligenz. Sie sind nie in ein falsches Fahrwasser geraten und haben gute Leistungen honoriert, aber mit einem gesunden Augenmass für das Sozialverträgliche.»

Diese Strategie ist Barbara Artmann, die sich den Traum vom eigenen Unternehmen verwirklicht und die Firma Künzli Schuhe in Windisch erworben hat, auf den Leib geschnitten. Schon die Hauswartin strahlt, wenn man nach der quirligen Frau fragt. Und wenn sie darum bittet, doch rasch die Gestelle im Showroom für den Fotografen neu zu bestücken, lässt eine Mitarbeiterin, die vorher Pakete geschnürt hat, alles stehen und versucht, Artmann jeden Wunsch von den Augen abzulesen. Artmann vereinigt beides: Patronales Verständnis für ihre Mitarbeitenden und die Fähigkeit, Nischen zu erspüren. Wer ist schon je auf die Idee gekommen, dass Orthopädieschuhe auch trendy aussehen können?

Auf die Gesundheitsschiene setzt auch die Ganzoni-Sigvaris-Gruppe, St. Gallen, die das Geschäft mit medizinischen Kompressionsstrümpfen zur Hochblüte gebracht hat. Gemäss Stefan Ganzoni beruhe die weltweite Markführerschaft unter anderm auf einer vollständigen Eigenfinanzierung, einem Riskmanagement, das nicht erst eingeführt wird, wenn die Zeiten härter werden, und dezentralen Strukturen, welche die Identifikation der Mitarbeiter fördern.

Und das Gedeihen einer Firma in schwierigen Zeiten ist nicht etwa branchenspezifisch. Beispiel Stadler Rail in Bussnang TG: Es war der Riecher von Peter Spuhler für die steigende Nachfrage nach modernem Wagenmaterial. Wie Konzernsprecher Tim Büchele erklärt, werden allein bis 2010 rund 200 bis 300 neue Stellen geschaffen.

Etwas anders liegt der Fall bei Certas, Zürich. Eigentlich würde man meinen, schlechte Zeiten verstärkten das Bedürfnis nach mehr Sicherheit. «Im Prinzip ist diese Überlegung richtig», sagt Direktor Marc Gfeller, weist aber darauf hin, dass - wegen des Firmensterbens - auch ein Kundenpotenzial wegfalle. Dass Certas trotzdem im letzten Jahr ein solides Wachstum von gegen 3% verzeichnen konnte, hängt mit der erklärten Firmenstrategie zusammen, die Stammkundschaft mit einem erstklassigen Service zu bedienen.

Ein weiterer Beweis für die Aussage, dass Erfolg nicht branchenspezifisch ist, liefert die Wicor-Chefin Franziska Tschudi. Sie hat soeben in Rapperswil eine 60-Mio-Fr.-Anlage zur Herstellung von Isolationsmaterial von Transformatoren eingeweiht. Sie verglich Standorte in Südamerika, China und Indien und entschloss sich schliesslich für Rapperswil. Ausschlaggebend seien die hohe Produktivität, eine treue Belegschaft und eine stabile Arbeitswelt. «Wir werden mittelfristig 60 neue Stellen schaffen.»

Und zu guter Letzt noch eines der meistgenannten Erfolgsrezepte in Krisenzeiten: «Wir achteten immer auf ein hohes Eigenkapitalpolster. Das muss man in guten Zeiten aufbauen», sagt Benedikt Goldkamp, CEO von Phoenix Mecano in Stein a.Rh. Hinzu kommen eine ständige Erneuerung und Verbesserung der Produktepalette. - vor allem auch, wenn einem der kalte Wind ins Gesicht bläst. «Am besten schon vorher», sagt er.