Eltern müssten sich mehr bewusst sein, mit welchem Lesestoff sie ihre Sprösslinge eindecken. Rudolf Hanko zum Beispiel bekam im zarten Jugendalter ein Œuvre über die Anfänge der Chemie. Das hat ihn so fasziniert, dass er zunächst im häuslichen Keller tüftelte, was das Zeug hält - mit Folgeschäden.

Später verschrieb er sich - wen wunderts? - mit Haut und Haaren der chemisch-pharmazeutischen Industrie. Bevor Hanko zu Siegfried stiess, war er Leiter des Geschäftsbereichs «Exklusiv-Synthese und Aminosäuren» bei der damaligen Degussa. Darunter kann man sich allenfalls noch einiges vorstellen. Aber spätestens bei seinem Dissertationsthema helfen rudimentäre Kenntnisse einer Hexenküche der modernen chemischen Forschung nicht weiter. Wird es ihm gelingen, seine Doktorarbeit über «Homoaldol» so darzulegen, dass sich sein Gegenüber nicht wie ein Banause vorkommt?

Geborener Didaktiker

Sein Ansatz überrascht und gibt einen Hinweis auf seine didaktischen Fähigkeiten, die er als Dozent an der Universität Münster gut gebrauchen kann. «Man muss sich dieses Forschungsgebiet am besten wie die Errichtung eines Hauses aus Legobausteinen vorstellen. Es gibt verschiedene Farben, sie können zusammengefügt werden und ein Ganzes ergeben, aber immer bestehen bestimmte Muster der neuen Kombinationen. Dazu braucht man neue Bausteine. Und so war die Homoaldol-Reaktion ein neuer Baustein.»

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Trotzdem: Spannender sind seine ersten Experimente im Untergeschoss des Elternhauses. Es ging darum, wie sich ein Feuerlöscher in einen Spender von Trockeneis - als Ausgangsprodukt für weitere Spitzbübereien - umfunktionieren lässt. «Man nimmt den Ärmel eines Laborkittels, stülpt ihn über den Feuerlöscher, zurrt ihn mit Drähten daran fest und öffnet den Hahn. Dann strömt flüssige Kohlensäure aus und verdampft. Durch die Verdunstungskälte entsteht Trockeneis, das im Ärmel gefangen wird. Damit kann man wunderschöne Effekte erzielen», sagt Hanko und lacht, weil er daran denkt, welchen Spass er damals hatte.

Man konnte damit die Gegend in eine Nebellandschaft verwandeln oder alle möglichen Gegenstände zum Zerspringen bringen. «Noch schleierhaft bleibt bis heute, wieso der Kontrolleur, welcher die Feuerlöschgeräte regelmässig auf ihre Einsatztauglichkeit prüfte, nicht herausfand, wieso der unsrige immer leer war, obwohl wir nie eine Feuersbrunst zu beklagen hatten.»

Hankos steile Karriere schien seine Familie irgendwann damit versöhnt zu haben, dass er nicht, wie erwartet und in diesem Haus üblich, Medizin studierte. Wahrscheinlich hätte ein Buch über Dr. Eisenbart unter dem Christbaum seine Karriere damals umgepolt.

Erste Station von Hankos akademischer Laufbahn war die Universität Bochum, nahe seiner Heimatstadt Essen gelegen. Später wechselte er nach Göttingen: «Das Studium in Bochum war so etwas wie die Fortsetzung der Schule mit anderen Mitteln. Das hat mir gar nicht behagt.» Damit spricht er ein Curriculum-Korsett an, bei dem der Einzelne wenig Gestaltungsfreiheit hat. «In Göttingen fand ich das, was ich heute noch schätze: Das Humboldtsche Gedankengut, bei dem eigene Initiative und Verantwortung entscheidend sind.»

Wobei ein nicht zu unterschätzendes Nebenprodukt auch nicht ohne war: Die Annehmlichkeiten der grossen Entfernung vom Elternhaus. «Zwar war das Wohnangebot damals so knapp, dass bei Semesterbeginn ein Teil der Kommilitonen in der Mensa kampieren musste. Ich hatte das Glück, zusammen mit Freunden in einer ehemaligen Dienstboten-Unterkunft auf einem Dachboden unterzukommen.» Erwähnenswert dabei ist die Aufgabenteilung. «Sie war von Anfang an sonnenklar. Ich als angehender Chemiker war für die Nahrung und deren Zubereitung zuständig.» Das weckt ungute Gefühle an synthetisch fabrizierte Menüs.

Epochale Entwicklungen

Hankos erster Ernsteinsatz in der Forschung war das renommierte Max-Planck-Institut in Mülheim. Er hatte das Glück, Zeitzeuge epochaler Entwicklungen zu sein und erwähnt Erfindungen, die zur Selbstverständlichkeit geworden sind. «Wer denkt heute bei seinen Einkäufen in Plastiktüten an ihre ‹Väter› Ziegler und Nata, deren Patent für das Polyethylen-Verfahren an diesem Institut hinterlegt ist?», ruft Hanko in Erinnerung. Und wer weiss heute noch, dass während der Zeit, in der er dort wirkte, die lösungsmittelfreie Entcoffeinierung des Kaffees erfunden wurde?

Hanko scheint aber auch ein Gespür für Umnutzung von Räumen zu haben. Das kam so. Essen, sein Geburtsort, liegt im sogenannten Ruhrpott. Ein Begriff, der auch heute immer noch mit Zechen, Grubenkatzen und viel Kohlestaub verbunden wird. Dabei sind diese Arbeitsstätten längst geschlossen und die Bemühungen, Essen als Kulturstadt zu lancieren, enorm. Was das mit dem Planetarium zu Hankos Zeiten zu tun hat? Sehr viel. Als er in Essen aufwuchs, war der Ruhrpott noch so, wie oben beschrieben. «Wenn Vater mittags nach Hause kam, musste er das weisse Hemd, das er am Morgen anzog, wechseln, weil es schwarz war», erzählt er. Und wer im alten Planetarium nach Sternen suchte, wurde niemals fündig. «Man sah nur Dreck.» Was lag da näher, als diesen Ort in eine Festhütte umzufunktionieren?

Legendäre Feuerzangen-Bowle

Bei den Partys waren natürlich wiederum die Künste eines Chemikers gefragt, der sich mit organischen Substanzen gut auskannte. Über das ganze Gesicht lachend erzählt Hanko, dass es gelang, eine Feuerzangen-Bowle zu kreieren, von der niemand am nächsten Morgen einen sturmen Kopf hatte. Der Trick ist, dass man dem Getränk Gerbsäure aus Tee und bestimmte Vitamine zumischt.

Auffallend ist, dass Hanko in seiner Karriere immer wieder mit Aufgaben betraut wurde, in denen es darum ging, zu neuen Ufern aufzubrechen. So etwa, als er für Bayer die Anfänge eines Chemie-Forschungszentrum für Biochemie in den USA aufbauen durfte. «Es war eine spannende Erfahrung, die erste Welle der gentechnologischen Veränderungen miterleben zu können.»

Ironie des Schicksals ist, dass er nach seiner Rückkehr als Laborleiter bei Bayer an einem Projekt arbeitete, welches zum Ziel hatte, einen Spray gegen Asthma zu entwickeln. Später wurde er Leiter strategische Planung der Bayer-Pharmadivision. In dieser Funktion hatte er auch ein Auge auf die damit verbundenen strategischen Aspekte und deren finanzielle Folgen zu werfen und war Manns genug, den Abbruch der «Asthma-Übung» angesichts der damaligen Ausgangsposition anzuordnen.

Und jetzt sitzt er an seinem Pult bei Siegfried und zeigt auf ein kleines handliches Kunststoffgerät, den PulmoJet, welches das enthält, wonach er seinerzeit hinterher war. So schliessen sich die Kreise. Rudolf Hanko lässt durchblicken, dass er die etwas vernachlässigte Produktepalette des Hauses anreichern möchte. Er hat seine Aufgabe in schwierigen Zeiten angetreten. Eines seiner Ziele ist es, vermehrt fertig formulierte Medikamente und Wirkstoffe integriert anzubieten. Darin hat er grosse Erfahrung.

«Eigentlich kann die Aufgabe noch so schwierig sein, wenn im Team die Wellenlänge stimmt. Ich habe immer zuerst darauf geachtet, mit wem ich zusammenarbeiten werde und wie wir untereinander klarkommen. Der Erfolg stellt sich dann von selbst ein», verrät er eines seiner Rezepte, die eben auch mit Chemie zu tun haben, allerdings mit der menschlichen.