Mario El-Khoury spricht wie ein Humanist: Er strebt nach der totalen Diversität. Das Zentrum für Elektronik und Mikrotechnologie CSEM in Neuenburg, dem er vorsteht, beschäftigt Ingenieure beider Geschlechter, vieler Nationalitäten, mehrerer Religionen und unterschiedlichen Alters. «Professionalität und Kreativität setzen wir voraus. Ein Diplom oder ein Doktorat der ETH oder einer ebenbürtigen Bildungsinstitution bringen alle unsere Mitarbeitenden mit. Entscheidend ist für uns die persönliche Entwicklung: Kann, will sich ein Mitarbeiter bei uns auf eine ideale Weise eingliedern und entfalten?»

Diese Frage sei matchentscheidend, gehe es am CSEM doch um Innovation und nicht um Produktion. Man - und insbesondere er als Generaldirektor - halte Werte wie Ethik und Transparenz sehr hoch. Auch sei die Selbstkontrolle eine wichtige Sache, sagt Mario El-Khoury und schmunzelt: «Manch wichtige Erfindung entsteht in der Cafeteria, nicht am Computer!»

Dies sei ebenso erlaubt wie es nötig sei, für eine zündende Idee Überzeit zu leisten. «Dafür haben bei uns alle Mitarbeitenden das Recht, ja sogar die Pflicht, Fehler zu machen.» Seine Rolle sehe er als Trainer und Coach, der das passende Umfeld für Erfindungen schaffe. «Empowerment ist meine Kernaufgabe.»

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Dozieren wie ein Pfarrer

Angesichts von so viel Toleranz und Diversität sei die Frage erlaubt: Wo liegen die Wurzeln des neuen Generaldirektors? Mario El-Khoury erwähnt seine zwei Pässe mit Stolz: «Ich bin Wahlschweizer und ich bin gebürtiger Libanese. Mein Name bedeutet ‹Der Pfarrer›.» Da er gerne spricht, passt der Name gut.

Schweizer werden, sogar ein von der Demokratie begeisterter, der keine politische Abstimmung oder Wahl auslässt, kann ein Libanese durch Heirat mit einer gebürtigen Neuenburgerin-Toggenburgerin - «moitié-moitié» -, wie El-Khoury die Herkunft seiner Frau nennt. Wie aber wird ein Libanese Erfinder?

Der Krieg schafft Solidarität

El-Khourys Berufswahl wurde geprägt von einem Onkel mit einer grossen Begabung für alles Mechanische. Dessen Wirken in der Werkstatt faszinierte ihn. Weil im Libanon die Berufschancen mager waren, reiste der junge Mario allein in die Schweiz und absolvierte die EPFL, die ETH der Westschweiz. «Die Ausbildung in der Schweiz geniessen zu dürfen, war ein Riesenglück», freut er sich noch heute. «Während des Kriegs im Libanon brauchte ein junger Mensch ausgesprochen gute Beziehungen, um einen Ausbildungsplatz zu ergattern.»

Trotzdem kann er den Kriegsjahren im Libanon etwas Gutes abgewinnen: «Menschen, die bei jedem Bombenalarm gemeinsam in den Luftschutzkeller rennen müssen und dicht aneinandergedrängt die Nächte verbringen, halten zusammen. Man könnte also sagen, der Krieg schafft in einer gewissen Weise Solidarität.» Abgesehen von kriegerischen Ereignissen habe er keine Dramen oder Krisen erlebt, blickt Mario El-Khoury mit dem für ihn typischen Optimismus auf sein bisheriges Leben zurück. «Ich schätze jede Phase meines Werdegangs! So bin ich zum Beispiel sehr dankbar für die Chance, im Alter von 30 Jahren Skifahren gelernt zu haben.»

Schon während seiner Ingenieurkarriere bewies El-Khoury Pioniergeist. Als einer der Ersten erkannte er beispielsweise das Potenzial intelligenter Textilien zur Ausstattung von sporttreibenden Mitmenschen und später auch einer breiteren Öffentlichkeit.

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Der Ingenieur mit langer Erfahrung in der industriell angewandten Forschung kann dank seiner Offenheit jeder Situation das Beste abgewinnen. Er analysiert rasch, formuliert klar und hat eine schnelle Auffassungsgabe. Allein die deutsche Sprache will nur zögerlich in seinen Kopf: «Sprache und Analyse sind nicht in derselben Hirnregion zuhause», sagt der Hochbegabte entschuldigend.

Zu früh und zu spät zugleich

Die mangelnden Deutschkenntnisse und das Fehlen der politischen Erfahrung - «Ich bin kein Lobbyist» - könnten ein Handicap sein, wenn es darauf ankommt, der Schweiz sowie Stadt und Kanton Neuenburg die Erfindungen des CSEM vorzustellen. Denn alle drei sind Mitbesitzer des Zentrums für Elektronik und Mikrotechnologie in Neuenburg. Generell formuliert tönt das super: «Wir bilden im Auftrag unserer industriellen und öffentlichen Aktionäre und Partner die Brücke über dem Todestal zwischen der Grundlagenforschung und der Industrie.»

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Schwieriger wirds, wenn mit Investoren aus Prototypen Serien entstehen sollen. «An diesem Punkt ist unsere Erfindung für die Schulen nicht mehr spannend und für die Industrie noch zu früh.» Wer dafür sorgen muss, dass Erfindungen nicht in der Schublade verschwinden, muss kommunizieren und kreieren können, um ernst genommen zu werden.

Mit eigener Erfindung zum Sport

An der Spitze der Innovations-Avantgarde zu stehen verlangt manchmal neben Steh- auch Laufvermögen: «Seitdem wir den intelligenten Schrittmesser ‹Actismile› erfunden haben, den man nicht durch Schütteln oder andere Tricks überlisten kann, steige ich alle Treppen hinauf, statt den Lift zu nehmen, und lege viele Strecken zu Fuss zurück», gesteht der Chef der CSEM Ingenieure. «Denn es nützt nichts, wenn du 15-mal 3 Minuten zu Fuss gehst, es müssen schon pro Tag 3 Strecken à 15 Minuten sein. Das beweist unser Schrittmesser, der lacht, wenn sich der Träger ausreichend bewegt.»

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Eine weitere Herausforderung sind für ihn Pulsmesser, die im Kopfhörer untergebracht sind anstatt in einem Brustgurt. Dies würde Marathonläufern und Hobbyjoggern zusätzliche Funktionen bei erhöhtem Komfort bieten. Auch beschäftigen ihn Türöffner, die nicht von Insekten irritiert, dafür von Menschen im toten Winkel geöffnet werden können.

All dies wird von einem Team erfunden, das 370 statt wie zum Beispiel beim Pendant VTT in Finnland 2700 Köpfe zählt. «Dass wir eine kleine Institution sind, kompensieren wir mit einem überdurchschnittlichen Mass an Qualität und Präzision. Und mit unserem spannenden Mix an Kulturen, dem Treibstoff für Erfindungen», lacht El-Khoury, der Kleinroboter über alles liebt und die Prototypen von «Pick and place» und «3-D-Fotografie» nach dem Gespräch ungern ausschaltet. Beide Erfindungen dürften in naher Zukunft noch zu reden geben.

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Schweizer Produktion erwünscht

Wann dürfen wir dank dem CSEM eine Grossproduktion erwarten? Jetzt entfährt dem positiv denkenden Erfinder erstmals ein Stossseufzer: «Unser Problem ist oft, dass die Industrie keine Innovation auf den Markt bringen will, die ihre Bestseller kannibalisiert. Also lieber keinen Kopfhörer, welcher den Brustgurt ersetzt, und auch keine 3-D-Kamera anstelle der herkömmlichen Fotoapparate. Und wir sind wiederum sehr daran interessiert, unsere Erfindungen von Schweizer Firmen produzieren zu lassen. Das spricht also tendenziell gegen Giganten wie Sony oder Apple.»

Ohnehin hätten Grossunternehmen das Gefühl, das Zentrum für Elektronik und Mikrotechnologie CSEM sei ein Konkurrent und die jeweilige Erfindung sei selber zu entwickeln und zu lizenzieren. «Sie sehen, unser Standort über dem Todestal ist kein einfacher», sagt Mario El-Khoury. «Das tut aber dem Feuer in meinem Herzen keinen Abbruch.»

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