B ei zwei Jobs sein Bestes geben - Marc-Daniel Margreiter macht diesen Spagat seit eineinhalb Jahren. Er arbeitet zu 40% als MBA-Kursassistent an der ETH und baut parallel seine eigene Firma für Finanzdienstleitungen auf. «Es ist wie Vater werden - spannend und herausfordernd», sagt er. Das «Baby» sei inzwischen aus dem Gröbsten heraus.

Doch Margreiter weiss, dass damit nur die erste Etappe geschafft ist. «In der Regel dauert es drei bis fünf Jahre, bis sich ein Unternehmen gefestigt hat.» Wer sich einen Namen schaffen wolle, brauche Ausdauer und Durchhaltewillen - und man müsse die Erkenntnis verkraften, dass der Markt nicht auf einen gewartet habe. Weitere Fakten: Margreiter verdient weniger als früher, dafür arbeitet er mehr. Er nimmt es in Kauf, denn er hat die Job-Kombination aus Überzeugung gewählt und betrachtet den selbstständigen Part als eine Art Hobby - ansonsten würde er wahrscheinlich leiden, und mit ihm seine Familie. «Gott sei Dank fordern mein Sohn und meine Frau, dass ich genügend Zeit mit ihnen verbringe.»

Wie ein innerer Ruf

Sich abgrenzen, nicht rund um die Uhr schuften und sich nicht aufreiben lassen - für Roger Sutter sind dies die heiklen Punkte seines neuen Arbeitsmodells. Um die Idee der eigenen Firma zu verwirklichen, hat er seine Kaderfunktion aufgegeben und arbeitet zu 80% im Personalmanagement einer Grossfirma. 20% der Arbeitszeit steckt er in die eigene Firma - als Coach junger Führungskräfte.

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Doch die 20% sind eine theoretische Grösse. «Sich die Arbeit selbst einteilen zu können, ist ein grosser Vorteil der Selbstständigkeit - wird aber schnell zum Nachteil, wenn man keine Ruhephasen einplant und auch einhält», sagt Sutter. Schliesslich habe er von Dienstag bis Freitag noch einen 80% Job, und dort müsse er ja auch Leistung bringen. Montags ist Sutter Selbstständigerwerbender.

Immer mehr Patchworker

Und die Wochenenden? Da sei er inkonsequent. «Ich gehe zwar nicht in meine Firma, aber ich bereite zu Hause oft Aufträge vor. Oder erledige die Buchhaltung, schreibe Rechnungen.» Alles in allem liegt es Sutter jedoch fern, von Selbstausbeutung zu sprechen. «Diese Teilselbstständigkeit ist wie ein innerer Ruf.» Deshalb sei es für ihn kein Müssen, sondern etwas, dass er gerne und aus freien Stücken tue.

Patchwork, Portfoliowork, New Work - was Margreiter und Sutter praktizieren, hat verschiedene Bezeichnungen. Gemeint sind Arbeitsmodelle, bei denen man seinen Lebensunterhalt mit mehreren Jobs verdient.

Patchworker arbeiten in verschiedenen Firmen und Funktionen. Und oft kombinieren sie ihre Teilzeitjobs mit freiberuflicher oder selbstständiger Arbeit auf Honorarbasis. Wie viele Patchworker es in der Schweiz gibt, weiss man nicht genau. Nach Angaben des Kaufmännischen Verbandes Zürich arbeitet heute ein Drittel der rund 4,2 Mio Erwerbstätigen Teilzeit, hinzu kommen eine halbe Million Selbstständige. Nicht alle sind New Worker - doch deren Zahl und Bedeutung dürfte zunehmen. Ein Teilzeitpensum als Angestellter zu behalten und nebenbei die eigene Firma aufzubauen, ist eine Variante.

Der Vorteil: Man macht sich schrittweise selbstständig und hat mit dem Angestelltengehalt einen Teil seiner Lebenskosten gedeckt - das bewahrt vor Existenzängsten. Weitere Formen: Mehrere Teilzeitjobs annehmen, für verschiedene Auftraggeber arbeiten oder immer wieder bei befristeten Projekten mitarbeiten.

Konsequenzen prüfen

Willy Rüegg, Leiter Berufspolitik beim KV Schweiz, plädiert für eine nüchterne Betrachtung. Patchworker geniessen in der Regel viele Freiheiten, können sich die Arbeitszeit frei einteilen und mit dem persönlichen Job-Portfolio ihre Stärken ausspielen. Das aber ist nur eine Seite. Die andere: Man gibt die Sicherheit des Angestelltenverhältnisses auf, den festen Lohn, die damit verbundenen Vorsorgeleistungen, Versicherungsschutz, bezahlte Ferien und Feiertage, die Jahresgratifikation.

Rüegg rät: Wer Patchworker werden will, sollte unbedingt abklären, welche Konsequenzen die neue Arbeitsform hat. Sonst zieht man den Kürzeren - bei der Altersvorsorge zum Beispiel. Je nach New-Work-Modell muss man sich selber gegen Unfall versichern.

Nur mit Leidenschaft und Spass

Und auch über sonstige Risiken sollte man nachdenken: Lohnausfall bei Krankheit, Haftpflicht, Elementarschäden an Betriebseinrichtung und Material beispielsweise - sonst kann es schnell zur wirtschaftlichen Katastrophe kommen (weitere Tipps siehe Box). Rüegg: «Man sollte zwar etwas riskieren, aber sicher nicht Kopf und Kragen.»

Trotz der Risiken und Unwägbarkeiten bereuen Margreiter und Sutter ihre Entscheidung nicht. Was sie anderen raten, die an Patchworking denken? Es nur tun, wenn man überzeugt ist von den neuen Aufgaben und Ideen, diese mit Leidenschaft verfolgt und Spass daran hat.

Und immer daran denken, dass von allein gar nichts passiert, und man selber dafür sorgen muss, dass am Monatsende Geld auf dem Konto liegt. Sutter: «Man hat keinen Chef, der einem die Aufträge erteilt.» Margreiter: «Und man merkt, wie einfach das Leben in einer Firma mit etabliertem Logo war.»