Andreas Hammer wehrt sich gegen die Vorurteile. Er lässt den Vorwurf nicht gelten, dass reichlich Vitamin B ausreiche, um Kindern einen problemlosen Berufseinstieg zu ermöglichen. Keine Empfehlung könne die Karriere eines Berufseinsteigers begründen. Auch nicht die des Vaters. «Am Ende zählt nur die Leistung. Sie müssen sich beweisen, egal wie Sie in ein Unternehmen hineinkommen», ist er überzeugt. Hammer weiss es aus eigener Erfahrung.

Heute ist der 42-Jährige Leiter Public Relations bei KPMG Schweiz. 20 Jahre früher war er Student der Geisteswissenschaften. Geschichte, Politikwissenschaft und Staatsrecht standen auf seinem Curriculum an der Universität Zürich. Berufserfahrung wurde im Studium nicht verlangt. Auf die Idee musste man schon selbst kommen, wie eben Hammer. «Ich habe irgendwann gemerkt, dass ich Praxiserfahrung brauchte», sagt er. «Mich interessierte der Kommunikationsbereich.»

Praktischerweise war sein Vater Unternehmensberater und kannte einige interessante Leute. «Wir hatten diese Vater-Sohn-Gespräche über meine Zukunft», erzählt der heutige Manager. «Mein Vater meinte, dass er einen erfahrenen Kommunikationsprofi kenne. Bei dem solle ich mich mal melden.» Es folgte ein inspirierendes Gespräch und danach ein spannendes Praktikum.

Der gehobene Mittelstand profitiert

Wenige stehen so offen zu einer Empfehlung in ihrer Laufbahn. Viel zu sehr schwingt bei vielen die Angst vor einem besonderen Nachgeschmack mit: Dem der Vetterliwirtschaft, von alters her der Feind der Chancengleichheit. Herrscht der Nepotismus, kann nicht der Tellerwäscher zum Millionär werden, sondern nur der Neffe des Betuchten. Auch wenn dies in der Schweiz heute kaum der Fall ist, kommt dieser Vorwurf bei Empfehlungen schnell auf.

Ob im Einzelfall wahr oder nicht – klar ist, dass gute Beziehungen den Berufseinstieg erleichtern können. Nur haben die nun einmal nicht alle Eltern. «Da handelt es sich tendenziell um den gehobenen Mittelstand», sagt Oliver Kuhn, Geschäftsführer der Esprit Personalberatung in Zürich. Allerdings teilt er Hammers Meinung. «Über einen guten Kontakt geht die Tür schneller auf für ein Gespräch. Letztlich entscheidet jedoch die Leistung des Neulings», sagt der Personalvermittler. Kaum ein Unternehmen könne es sich leisten, jemanden zu beschäftigen, der nicht qualifiziert sei. Auch würden sich nur wenige Väter anmassen, ihr Kind zu empfehlen, wenn sie nicht von dessen Leistung überzeugt seien. «Es ist schliesslich auch ein Risiko für den Vater, wenn er für seinen Sprössling bürgt.»

Wie gross in der Schweiz der Anteil der Berufseinsteiger ist, die ihren ersten Job durch ihre Eltern bekommen haben, ist kaum zu sagen. Statistiken gibt es keine. Kuhn sieht ihn im einstelligen Prozentbereich. Allgemein müssten Anfänger in der Schweiz im Vergleich zu Deutschland oder Frankreich seltener auf Beziehungen zurückgreifen. Der Personalexperte schätzt den Anteil auf jeden Fall auf unter 10 Prozent. «Wenn jemand in der Schweiz eine vernünftige Schulbildung durchläuft und leistungsbereit ist, findet er eine Stelle.» Der Arbeitsmarkt sei viel flexibler als zum Beispiel im «zuregulierten» Deutschland. Etwas schwieriger sei es jedoch auch in der Schweiz für Studenten ohne Praxiserfahrung, in die Arbeitswelt einzusteigen. Da sei eine helfende Hand durchaus eine Erleichterung, weiss Kuhn.

Und das nicht nur für den Vermittelten, sondern auch für die Unternehmungen. Bei Siemens Schweiz wird zum Beispiel aktiv gefördert, dass Mitarbeiter sich nach neuen Kollegen umschauen. Wird ein Empfohlener eingestellt, gibt es eine Prämie für den Vermittler bis zu 3000 Franken. «Wenn ein Mitarbeiter glaubt, dass ein Bekannter oder Familienangehöriger bei uns gut reinpasst, dann stimmt das oft», sagt Andreas Meile, Sprecher von Siemens Schweiz. «Über Empfehlungen gewinnen wir häufig sehr gute Leute.»

Dies ist auch bei Bystronic der Fall, einem international tätigen Maschinenbauunternehmen im Oberaargau. «Bei uns ist es nicht ungewöhnlich, dass ein Vater oder eine Mutter für ihr Kind nach einer Arbeit anfragt», sagt Sprecher Jean-Pierre Neuhaus. Dies sei durchaus willkommen. Schliesslich sei es nicht immer ganz leicht, die richtigen Leute für sich zu finden. Doch müsse der Sohn oder die Tochter sich dann einem formalen Auswahlprozess stellen wie jeder andere auch, betont Neuhaus. «Vielleicht haben Kinder von Mitarbeitenden bereits eine stärkere Verbindung zum Unternehmen. Aber jeder Bewerber beginnt bei uns bei Punkt null», sagt der Manager.

Gute Empfehlung zahlt sich aus

Für ein Kind «von jemandem» ist dies allerdings nicht ganz so. «Ich hatte schon meine Zweifel, ob das gut laufen würde», erzählt Lea Freiburghaus. Ihr Vater, Kurt Freiburghaus, arbeitet bei Bystronic im Team von Kommunikationschef Neuhaus. Nach ihrem Anglistik- und Germanistikstudium bot ihr Vater ihr an, bei seinem Vorgesetzten zu platzieren, dass sie gerne ein Praktikum in der Kommunikation machen würde. Tochter Lea stellte sich vor, hatte die gesuchte Qualifikation, arbeitete Probe und wurde angenommen.

Das Team bei Bystronic hatte damals vier Leute, einer davon war ihr Vater. Probleme in der Zusammenarbeit mit ihrem Vater gab es jedoch nicht. «Wir haben im Büro nie über Privates geredet. Hier war mein Vater primär Arbeitskollege», sagt die heute 36-Jährige. Der Nachteil sei gewesen, dass sie sich erst einmal eine Art eigene Identität im Unternehmen erkämpfen musste. Dafür habe es Geduld und auch eine gute Portion Selbstbewusstsein gebraucht. «Für viele war ich anfangs sicher nur die Tochter. Da musste ich manchen Kollegen schon klarmachen: Ich bin eine eigene Person.»

 

Interview mit Ulrike Stedtnitz (Laufbahnberaterin für Junge, Zürich)

Gibt es in der Schweiz ein eigentliches «Netzwerk der Papas»?
Ulrike Stednitz:
Ein offizielles System der «netzwerkenden Väter» ist mir zwar nicht bekannt. Aber natürlich helfen Eltern ihren Kindern mit Arbeitskontakten, wenn sie können. Das ist vor allem der Fall, wenn die Kinder in der gleichen Branche wie die Eltern arbeiten wollen.
 

Was tun Eltern konkret für ihre Kinder?

Stednitz:
Eltern setzen sich für ein Praktikum ihrer Kinder ein oder vermitteln ein Gespräch mit einem Kollegen oder Bekannten. So können die jungen Menschen mehr über ein Unternehmen oder eine Branche erfahren, die sie interessieren. Vielleicht empfiehlt eine Mutter ihrem Arbeitgeber auch mal ihren Sprössling für eine offene Stelle.

Grenzt das nicht an Vetternwirtschaft?
Stednitz:
Mit Vetterliwirtschaft hat dies nichts zu tun, solange die Qualifikation des Kindes stimmt. In den mir bekannten Situationen war diese immer gegeben. Andere mit seinem eigenen Netzwerk zu unterstützen, hat für alle Vorteile. Wenn ein Vater sich bei einem Freund oder seinem Vorgesetzten für seinen Sohn oder seine Tochter einsetzt, schadet dies niemandem. Im Gegenteil: Entsteht deswegen aus gegenseitigem Einverständnis ein Arbeitsverhältnis, ist dies nicht nur für das Kind und den Vater, sondern auch für das Unternehmen ein Gewinn. Es wird sich jedoch kaum ein Unternehmen finden, das jemanden einstellt, nur um einer Person einen Gefallen zu tun. Es zählt die Leistung. Nepotismusgefahr sehe ich deshalb auch bei Eltern-Kind-Empfehlungen nicht.
 

Gibt es etwas, das Eltern bedenken sollten, wenn sie ihre Kinder beim Berufseinstieg unterstützen wollen?
Stednitz:
Eltern sollten ihren Kindern helfen zu erkennen, was sie wirklich wollen. Ist das klar, sollten sie sie darin unterstützen, auch mit Arbeitskontakten. An erster Stelle muss dabei jedoch immer das Kind stehen, nicht die Vorstellung der Eltern. Nur weil der Vater im Banking tätig ist, sollte der Sohn nicht dort Karriere machen müssen. Auch ist eine handwerkliche oder künstlerische Ausbildung nicht per se weniger wert als eine akademische Laufbahn. Der Arbeitsmarkt ist überhaupt nicht mehr vorhersehbar. Eltern müssen lernen, diese Unsicherheit mit ihren Kindern zu tragen. Es kann heute nicht mehr darum gehen, den einen richtigen Beruf zu finden. Berufseinsteiger brauchen vielmehr eine Ausgangsplattform, von der aus sie sich sinnvoll weiterentwickeln können.
 

Selbsthilfe

Eine Umfrage des Karriereportals Monster hat ergeben, dass nur knapp die Hälfte sich ihre derzeitige Position selbst erabeitet hat. In Deutschland und Österreich sind es 47 Prozent. Die Detail-Zahlen für die Schweiz:

  • 49 Prozent Ich habe mir meine Position selbst erarbeitet.
  • 13 Prozent Ich halte nichts von «Vitamin B» und möchte es auch zukünftig nicht in Anspruch nehmen.
  • 22 Prozent Ein Bekannter hat ein gutes Wort für mich eingelegt/mich empfohlen.
  • 16 Prozent Meine derzeitige Position habe ich, weil ich den Chef persönlich kenne.

IAB Das Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung in Deutschland hat eruiert, dass die Stellensuche über Empfehlungen in 78 Prozent der Fälle zum Erfolg führt.

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