Gilles Andrier ist sogar mehr als pünktlich. Schon ein paar Minuten früher als abgemacht, steht er für das Gespräch bereit. Dabei gehört der CEO von Givaudan, einem Konzern, der gut 4 Mrd Fr. mit hochentwickelten Aromen und Riechstoffen umsetzt, zu den Schwerarbeitern in der Wirtschaftswelt. Trotzdem hält es der gebürtige Franzose mit der Maxime von Louis XIV: «L’exactitude est la politesse des rois.»

Seine sprichwörtliche Pünktlichkeit ist es wahrscheinlich auch, die ihm hilft, dass terminlich nichts aus dem Ruder läuft. Auf die Frage, wo er eigentlich wohne, sagt er kurz: «Im Flugzeug.» Das Stochern in seinen Jugenderinnerungen ist ergiebiger, obwohl er zuerst halb belustigt, halb irritiert fragt: «Soll das jetzt ein tiefenpsychologisches Interview werden oder was?» Doch dann sprudelt es nur so aus ihm heraus. Was Gilles Andrier erzählt, verdichtet sich immer mehr zur Frage: Gibt es eine schicksalshafte Bestimmung, die einen Menschen automatisch auf die richtige Berufsschiene führt?

Schnuppern im Souk

Aufgewachsen im Herzen von Paris wurde er schon früh zu einem «Nomaden». Sein Vater war als Konstrukteur von Ölplattformen in aller Herren Länder unterwegs. Mehrmals erwähnt Gilles Andrier, wie er auf seiner buntschillernden Lebensreise rund um den Globus von Wohlgerüchen erfüllt worden sei.

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«Ich erinnere mich an den Garten meines Grossvaters. Da gab es schwarze Kirschen mit einem unbeschreiblichen Aroma. Noch heute sehe ich mich in diesem üppigen Paradies - einfach glücklich und wohlbehütet.» Gleiche Gefühle hatte er beim Gang durch den Souk in Teheran, eine der vielen Stationen in seinem weit verzweigten Kinderimperium. «Ich lief all den wunderbaren Düften an den Gewürzständen nach und sog sie ein.»

Damals war er noch klein und nichts deutete auf seine spätere Berufung hin. Im Gegenteil: Er wurde zunächst Ingenieur wie sein Vater, der von seinem Beruf begeistert gewesen sein muss. Söhne, die ein abgespanntes und von der Arbeit verbiestertes Familienoberhaupt erleben, wählen andere Studienrichtungen als ihre Väter.

Sein Umweg über die Universität von Toulouse kommt ihm heute zugute. Viel Zeit verwendet Gilles Andrier nämlich darauf, im Gespräch die subtilen Grenzen zwischen rationalen und emotionalen Handlungsentwürfen darzulegen. Was ihn letztlich immer wieder zum Thema Assoziationen und deren Einfluss auf Kaufentscheide führt. So sieht er sich in den sinnlichen Erfahrungen bestätigt, die er in seiner Kindheit gemacht hat. «Ein Duft geht direkt in unser Hirn und hinterlässt rascher und länger anhaltende Erinnerungen, als wenn man ein Buch liest.»

Kein Wunder interessiert es ihn, was die Verbraucherforschung zutage bringt. Als Beispiel erwähnt er Vanille, seit Jahrtausenden ein Favorit unter den Aromen. «Probanden erzählen, welch angenehme Gefühle sie beim Wahrnehmen dieses Duftes haben. Er erinnert sie an ihre Mütter, die an Festtagen einen Vanille-Pudding zubereiteten.»

Givaudan beliefert zwar die Konsumgüterindustrie direkt, unternimmt aber grosse Anstrengungen, die Wahrnehmung der Verbraucher zu erforschen. Da ist Gilles Andrier ganz in seinem Element. Die Passion für sein Metier hinterlässt - wen wunderts - auch bei der Lektüre ihre Spuren.

Klar, dass er Patrick Süskinds «Parfüm» gelesen hat. Nur: Er findet die nekrophilen Züge des Protagonisten nicht gerade appetitlich, beeilt sich aber hinzuzufügen, dass man in diesem Roman wertvolle historische Hinweise über die Anfänge der Herstellung von Duftstoffen bekomme. Sie gründen nämlich in der Lederfabrikation. Bei diesem Prozess entstanden üble Gerüche, sodass Methoden entwickelt werden mussten, um sie zu überlagern.

Immer wieder «verpflanzt»

Gilles Andrier delektiert sich aber nicht nur an Süskinds Epos für feine Nasen, sondern auch an Marcel Prousts «Suche nach der verlorenen Zeit», in der ein bestimmtes Gebäck, die Madeleines, eine wichtige Rolle spielen. Womit wir bei einem anderen Lieblingsthema von Gilles Andrier sind: Die Kochkunst. Wenn er je zu Hause ist, krempelt er die Ärmel hoch und beschlagnahmt die Küche. Nicht nur zum Vergnügen seiner Frau, sondern auch zum Gaudi seiner sechs Kinder im Alter von 2 bis 18 Jahren.

Bei seinen kulinarischen Kreationen ist Gilles Andrier genauso überraschend wie seine Experten, die immer wieder neue Düfte aus Retorten hervorzaubern. Ob Prestigemarken wie Chanel, Dior und Yves Saint-Laurent oder Nahrungsmittelkonzerne wie Nestlé, Unilever oder Kraft Foods, sie alle verlassen sich bei ihren Erfolgsrezepturen auf Givaudan. Wird Gilles Andrier auch von seinen Leuten konsultiert? «Ich darf schon daran riechen, aber ich weiss genau, dass mein Urteil nicht sonderlich zählt», sagt er mit einem entwaffnenden Lachen, das immer wieder aufblitzt, sobald er sich selber hochnimmt.

So etwa, wenn er über seine Jahre in einer englischen Boarding School berichtet, wohin es die Familie in ihrer langen Odyssee verschlagen hatte. «An diesen Schulen ist Theaterspielen ein Bestandteil der Erziehung.» Schlimm sei es gewesen, wenn er mit seinem französischen Akzent Passagen in Shakespearian English vortragen musste und verspottet wurde.

Was sich dann allerdings in Bewunderung für seine schulischen Leistungen verkehrte. Obwohl immer wieder neu verpflanzt, gelang es ihm, mit verschiedenen Kulturen, Schulsystemen und Charakteren in Einklang zu leben. «Das hat mich bis heute geprägt und erklärt auch meine Affinität zu diesem Unternehmen.»

Innovations-Klima erhalten

Überraschend sind nicht nur sein gezähmtes Zeitmanagement, das Überschneiden von ingenieur-wissenschaftlichen Elementen und hochintuitiven Empfindungen, sondern auch seine unkonventionelle Verarbeitung von Eindrücken.

Dazu nur eines von vielen Beispielen. Bei seiner ersten Begegnung mit Jean Amic, dem damaligen CEO von Givaudan, kniete dieser am Boden. Er war gerade damit beschäftigt, die Hinterlassenschaft seines Hundes «Fafa» vom Teppich wegzuputzen. «Das hat mir Eindruck gemacht. Ich sagte mir, wenn sich der Chef nicht zu schade ist, so etwas zu tun, dann muss das Klima in diesem Haus gut sein.»

Und an diesem Klima ist ihm gelegen. «Unsere Mitarbeitenden geniessen viel Freiheit, das ist unabdingbar, wenn man in einer Firma wirkt, die extrem von der Innovationsfreudigkeit abhängt.»

Auf die Frage, was er sich von einer guten Fee wünschen würde, kommt die Antwort wie aus der Kugel geschossen: «Dass ich dieses Klima bewahren kann.»

Sport und Sinnlichkeit

Bei Gilles Andrier mischen sich technokratische Elemente mit einer sensiblen Wahrnehmungsgabe für Zwischentöne, die an Klang verlieren, wenn man sie mit Worten bannen will. Dazu ein letztes Beispiel. Mit Begeisterung spricht der in verschiedenen Sportarten Gestählte von seiner Rad(tor)tour auf den Mont Ventoux, eine der wirklich heissen Strecken auf der Tour de France, um gleichzeitig zu erwähnen, dass sein Lieblingsgericht ebenfalls so heisst.

Mit derselben Leidenschaft schildert er die körperlichen Strapazen auf dem Weg zum «Géant de Provence» genannten Berg wie die sinnlichen Vorbereitungen für das Lieblingsmenü, bei dem natürlich lauter Ingredienzen, die Givaudan ihre Köstlichkeit verdanken, die Hauptrolle spielen.