Darf der designierte CEO des Versicherungskonzerns Bâloise das sagen? «Die Familie ist für mich das Wichtigste in meinem Leben und hat absolute Priorität.» Der 42-jährige Martin Strobel, verheiratet und Vater eines zweijährigen Sohns und einer drei Monate alten Tochter, ist gegenwärtig Schweiz-Chef des Versicherers und übernimmt am 1. Januar 2009 die Konzernleitung.

Haben da nicht ganz andere Aufgaben Priorität, zum Beispiel der Beruf? Strobel lacht und erzählt eine Anekdote über seinen Sohn. «Als es nach Ostern geschneit hatte und die Flocken auf dem kleinen Ärmel meines Sohns liegen blieben, kam er zu mir und sagte: Papa, dreckig. Putzen.» Im selben Atemzug fügt er hinzu: «Es ist ein wunderschönes Privileg, Kinder zu haben. Es ist anspruchsvoll, doch verleiht es mir viel Energie und häufig unerwartete Einsichten, die ich für meinen Job gebrauchen kann.»

Das Unbekannte fasziniert

Das ist es, was Strobel kennzeichnet: Seine Begeisterungsfähigkeit, seine Offenheit für Unbekanntes. Wer mit Strobel spricht, hat keinen klassischen Versicherungsmenschen vor sich, der in buchhalterischen Grössen, Risikoklassen und Prämienvolumen denkt. Ein Kontrast zum Vorgänger, dem akademischen und zurückhaltenden Frank Schnewlin.

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Dieser verliess im Dezember 2007 das Unternehmen, weil er unterschiedliche strategische Auffassungen als der Verwaltungsrat vertrat. Präsident Rolf Schäuble wurde interimistisch CEO. Doch war es ein offenes Geheimnis, dass der Zweimetermann Strobel die oberste Konzernstufe erklimmen würde. «Er ist der Beste», begründet Schäuble kurz und bündig den einstimmigen Beschluss des Verwaltungsrats.

Strobel ist nicht nur Betriebswissenschafter. Vom Naturell her ist er auch Psychologe und Soziologe. Ihn interessiert der Mensch mit all seinen Schattierungen, seinen Freuden und seinen Frustmomenten – egal ob es sich um den extrovertierten französischen Präsidenten Sarkozy handelt oder den stillen Nachbarn von nebenan. Als Schweiz-Chef der Bâloise nimmt sich Strobel Zeit für Gespräche mit Kunden, Mitarbeitenden und Vertriebspartnern. Das schafft Verständnis und Vertrauen und bringt ihn auf neue Ideen. Diesen stetigen Kontakt und Austausch will er auch als Konzernchef beibehalten. Neben der Schweiz kommen neu Länder wie Deutschland, Österreich, Luxemburg, Serbien und Kroatien hinzu.Warum die Versicherung? «Weil sie sehr viel mit Psychologie und Soziologie zu tun hat.» Und wiederum lacht Strobel. Die Falten, die sich von den Mundwinkeln zu den Augen hinauf ziehen, zeugen von Emotionen. Strobel setzt sich gerne mit den Verhaltensweisen und Lebenszyklen von Menschen auseinander und hat diese Erkenntnisse im Versicherungsgeschäft umgesetzt.

Sein Lieblingswort lautet denn auch «Zielkundenmanagement». An sich ein hässliches Wort, ein Unwort, das aber die ganze Versicherungsphilosophie Strobels ausdrückt. Er brauchte denn auch zwei, drei Jahre, bis das Schweizer Geschäft der Bâloise dieses betriebswirtschaftliche Konzept verinnerlicht hatte. Analysiert man die Jahresabschlüsse 2006 und 2007 der Bâloise, dann hat Strobel Recht gehabt. Die Effizienz und die Profitabilität im Schweizer Geschäft sind stark gestiegen, was selbst Konkurrenten wie Paul Müller, den Schweiz-Chef des Lebensversicherers Swiss Life, zu Komplimenten veranlasst.

Die Bâloise unterscheidet ihre Kunden in vier Klassen. Zur A-Gruppe gehören jene, die seit Jahren beim Konzern versichert sind, verschiedene Policen oder Dienstleistungen der konzerneigenen Bank SoBa beanspruchen und ihren Gütern Sorge tragen. Mit diesen Kunden sucht die Bâloise regelmässig Kontakt, berät sie und bietet massgeschneiderte Lösungen an. «Wir wollen Sicherheit und Prävention anbieten, und zwar in jeder Lebensphase. Im Vordergrund steht nicht primär ein nacktes Versicherungsprodukt.» Mit den D-Kunden, die sehr unsorgfältig mit ihren Sachen umgehen und die Versicherung häufig brauchen oder missbrauchen, sucht die Bâloise ebenfalls das Gespräch. Hier wird ein Gesinnungswandel angestrebt. Wenn nicht, dann kommt es zur Kündigung. «Es geht doch nicht, dass die Versicherung zur Subvention wird. Dann wird der Solidaritätsgedanke betrogen.»

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Zwar sprechen gegenwärtig alle Versicherer davon, den Kunden in den Mittelpunkt ihres Geschäftsmodells zu stellen, doch kaum jemand hat dies so konsequent umgesetzt wie die Bâloise. Zurückzuführen ist dieses Konzept auf Strobels privates wie berufliches Interesse, von erfolgreichen Unternehmen und Managern zu lernen. «Von den Besten kann man am meisten profitieren», ist Strobel überzeugt. So wollte er wissen, warum der US-Versicherer Progressive derart schnell, erfolgreich und profitabel wächst. Also ging er in die Staaten, schaute sich die Abläufe von nahem an und sprach mit den Managern. Zurück in der Schweiz begann er die US-Geschäftsidee für die Bâloise anzupassen. Das überzeugte Management gab grünes Licht.

Zur Bâloise kam Strobel über seinen Beraterjob bei der Boston Consulting Group. Ein IT-Mandat führte ihn zum Basler Versicherer. «Sinnigerweise fühlte ich mich hier am wohlsten. Die offene Firmenkultur sprach mich sofort an.» Der damalige Schweiz-Chef, Roland Schär, fragte Strobel an, ob er bei der Bâloise arbeiten wolle – und Strobel sagte zu.

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Mehr Schweizer als Deutscher

Dieses Ja sollte sich für Strobel im doppelten Sinne als glückliche Fügung erweisen. Zum einen wurde er IT-Chef der Basler Schweiz, und nach dem Abgang von Schweiz-Chef Urs Berger, der als CEO zur Mobiliar wechselte, übernahm Strobel dessen Posten. Zum anderen lernte er seine jetzige Frau, eine Schweizerin, kennen. Ohnehin fühlt sich der Deutsche Strobel gemäss eigenen Aussagen mittlerweile mehr als Schweizer. «Ich rege mich ebenso oft auf über Deutschland und die dortige Politik wie meine Schweizer Kollegen», sagt Strobel.

Einen guten Ratschlag erhielt er dabei vom Präsidenten Schäuble: «Als Schweiz-Chef müssen Sie die Politik bestens verstehen, denn Sie haben einen politischen Job.» Und Schäuble gab einen weiteren Ratschlag: «Ich rate Ihnen als Deutscher, nicht zu versuchen, Mundart zu sprechen. Das kommt nicht gut an. Aber ich rate Ihnen, jeden Schweizer Dialekt zu verstehen.»

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Energie tankt Strobel auch beim Sport, drei- bis viermal die Woche. Er hat je zweimal am Marathon von Hamburg und von Köln teilgenommen. Allerdings ist die Zeit fürs Training knapper geworden, sodass heute «nur» noch der Grand Prix von Bern drin liegt, immerhin 16 km. Nebst Fitness und Kraft steigt er im Sommer aufs Mountain-Bike oder erwandert Bergspitzen.

Die Zeit wird knapp. Strobel, der nie gestresst wirkt, bleibt dabei: «Meine Familie hat oberste Priorität. Sie vernachlässige ich nicht.» Wie soll das neu als Konzernchef eines Milliardenkonzerns funktionieren? «Am Freitagabend, wenn ich das Büro verlasse, gehört die Familie mir, und zwar bis am Montagmorgen. Das habe ich bislang so gehandhabt, und das werde ich auch als Group-CEO so tun.»

Strobel liebt die Arbeit, bleibt unter der Woche auch mal länger im Büro oder besucht abends häufig Kundenanlässe. Doch er hat eine realistische Einschätzung von Arbeitspower und Leistung. Niemand könne über Jahre 15 Stunden pro Tag inklusive Wochenende arbeiten. Nicht nur, weil das punkto Effizienz und Produktivität nicht geht, sondern: «Weil das Leben viel zu wertvoll ist.»

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