«Stir it up!» – Gut möglich, dass sich Bob-Marley-Fan Tidjane Thiam die berühmte Liedzeile als Inspiration für seinen Start bei der Credit Suisse nimmt. Alles soll «aufgemischt», alles soll neu werden bei der zweitgrössten Schweizer Bank, die morgen ihre Zahlen fürs zweite Quartal präsentiert.

Auf die obligatorischen 100 Tage Schonzeit pfeift der neue Konzernchef. Er redet gleich Klartext. Wer Geld für Investitionen wolle, der müsse mit ökonomischen Argumenten überzeugen, dass sein Bereich das auch verdiene, erklärte Thiam in einem Interview mit der «Financial Times». «Schonungslos» werde man die Arbeit der Divisionen analysieren.

Starkes Standbein der Bank

Vor allem einer dürfte angesichts dieser Aussagen ins Schwitzen kommen: Hans-Ulrich Meister, Chef der Vermögensverwaltung, welche die Credit Suisse neudeutsch Private Banking und Wealth Management nennt. Mit der Ära von Brady Dougan endete zwar die Fokussierung auf das risikobehaftete Investment Banking, aus dem der vormalige Chef stammte. «Eine ganze Menge hochrangiger Abgänge erfolgten deswegen», berichtet ein Branchenkenner. «Dougans Gefolgsleuten war klar, dass sie es bei Thiam nicht lange machen würden.»

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Doch deshalb kann sich Meisters Division nicht in Sicherheit wiegen. Im Private Banking und Wealth Management gibt es mindestens ebenso viel, wenn nicht mehr zu tun. Es soll das neue starke Standbein der Bank werden. Bis dahin ist es ein weiter Weg.

Daran, wie weit der Weg ist, kann sich Thiam jedes Mal erinnern, wenn er aus seinem Büro am Paradeplatz schaut. Die Nachbarin UBS setzte schon früh viel stärker auf das Geschäft mit wohlhabenden Privatkunden. Ihr hinkt die Credit Suisse seither hinterher.

CS hinkt hinterher

Während die UBS die verwalteten Vermögen 2014 konzernweit um 14 Prozent auf 2734 Milliarden Franken steigern konnte, legten sie bei der Credit Suisse nur 10 Prozent auf 1253 Milliarden zu. Der Marktanteil der UBS bei den weltweit verwalteten Vermögen liegt gemäss ­einer Studie der Beratungsgesellschaft Scorpio Partnership bei 9,9 Prozent, was sie zum weltweit grössten Vermögensverwalter macht. Die CS landet mit 4,3 Prozent auf Platz vier.

Zumindest zum Teil sehen einige Branchenkenner die Schuld bei Meister. Es fehle eine klare Strategie, kritiseren sie. Bei der UBS sehe das anders aus. «Jürg Zeltner hat das Wealth Management fest im Griff und ist ungefähr gleich lange in seiner Position wie Meister», vergleicht ein Insider. Oft habe Meister, der als aufbrausend, manchmal gar cholerisch gilt, in seinen Jahren bei der Bank Projekte angefangen. Zu Ende gebracht habe er längst nicht alle. Das anzusprechen, trauten sich nicht viele – aus Angst um den Job. In Gesprächen fallen in Bezug auf Meisters Division immer wieder Vergleiche mit dem Wilden Westen. Je nach Gesprächspartner bezieht sich das auf die Strategie – oder auf den persönlichen Umgang.

Zu Thiams Vision der Credit ­Suisse passt das nicht. «In dem Interview wollte er wohl klarmachen, dass er nun allen auf die Finger schaut, und im Private Banking keine Ausnahme gemacht wird», so ZKB-Analyst Andreas Brun.

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Meister setzte auf falsche Märkte

Am dringendsten arbeiten muss Meister wohl an der Weitsicht. Die Credit Suisse konzentrierte sich lange auf Europa. Das rächte sich in den vergangenen Jahren, in denen alle Staaten Steueramnestien durchführten und Steuersünder hart anpackten. Dadurch floss viel Geld zurück über die Grenze. ­Eigentlich hatte Meister angekündigt, dass diese Bereinigung im grenzüberschreitenden Geschäft 2015 abgeschlossen sei. Doch auch im ersten Quartal verbuchte die CS noch Abflüsse von Kundengeldern in Höhe von 1,4 Milliarden Franken. Der Grund sei die anhaltende Regulierung, so das Institut.

Zwar verlangsamte sich das Abflusstempo – im vierten Quartal 2014 hatten die Abflüsse noch 2,2 Milliarden betragen. Doch problematisch ist für Meisters Team vor allem, dass fast ein Drittel der Gelder im strategischen Geschäft abfloss. Das heisst, die Gelder stammen von Kunden, die für das Geschäft der Bank wichtig sind. Jeder Abfluss schmerzt. Denn die Margen im Private Banking sind hoch.

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Darin zeigt sich deutlich eines der grössten Probleme der Sparte von HC-Davos-Fan Meister. Lange Zeit hat sie ihre Kräfte strategisch auf die falschen Märkte verteilt.

UBS macht es vor

Auch hier macht es die UBS der CS vor. Sie übernahm vor 15 Jahren die amerikanische Paine Webber und wurde so zur Macht in den Vereinigten Staaten. Die CS hingegen ist zwischen New York und Los Angeles fast schon ein Nischenplayer. Gerade in Nordamerika sei es sehr teuer, wenn man klein sei, sagt Brun. Zudem liege die Marktmacht bei den Beratern. «Die Kunden sind ihnen viel treuer als in anderen Ländern», erklärt er.

Will heissen: Wenn ein Berater oder sogar ganze Teams zur Konkurrenz wechseln, nehmen sie meist auch die Vermögen mit an den neuen Ort. Und das erhöht den Personalaufwand beim Ex-Arbeitgeber, weil die neuen Berater immer höhere Löhne verlangen können. Brun wäre daher nicht überrascht, wenn die Credit Suisse das Geschäft in den USA mittelfristig abstossen würde. Interessenten für eine Übernahme könnten etwa die UBS, Morgan Stanley oder die Bank of America sein.

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Lücke in Asien

Nicht nur in den USA klafft eine Lücke. Auch in Asien hinkt Meisters Sparte der Konkurrenz hinterher. «Da hat man schon vor einiger Zeit den Anschluss verpasst», so Dirk Becker, der sich beim Broker Kepler Chevreux als Analyst mit Schweizer Banken befasst. Die Probleme begannen 2006. Boris Collardi wurde damals zum Operativchef der Konkurrentin Julius Bär berufen.

Zuvor hatte der heutige Konzernchef von Bär lange für die Credit Suisse gearbeitet, unter anderem in Singapur. Dort knüpfte er viele wertvolle Kundenbeziehungen. Die nahm er dann zu grossen Teilen mit zur neuen Bank. Die CS hatte das Nachsehen und reagierte nur zögerlich. Man habe immer nur das getan, was unbedingt nötig sei, aber keinen Sondereffort gezeigt, so ein Insider.

Die UBS setzte dagegen schon früh auf die Region und ist inzwischen auch dort die Nummer eins mit 245 Milliarden Dollar an verwalteten Vermögen. Das Geschäft der Credit Suisse ist in der wichtigsten Wachstumsregion nur gerade halb so gross.

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Suche nach Zukauf

In der Branche munkelt man schon lange, dass die Grossbank versuchen dürfte, ihre Schwäche durch einen Zukauf zu korrigieren. Einfach wird das indes nicht – alle wollen in Asien wachsen, viele auch anorganisch. Und im Vergleich steht die Credit Suisse nicht besonders gut da. «Die Mitbewerber haben eine bessere Ausgangslage», so Brun. «Ohne eine Kapitalerhöhung dürfte der Credit Suisse eine Übernahme nur schwer gelingen.» Einen wirklichen Coup könnte die CS laut Brun mit einem «Triple» landen: Kapitalerhöhung, die Ankündigung einer neuen Strategie im Private Banking und ein Zukauf in Asien müssten zusammenfallen.

Diesem hohen Anspruch könnte Meister zum Opfer fallen. Eine neue Strategie hat meist auch personelle Konsequenzen. «Eigentlich rechnen alle damit, dass Thiam ein Zeichen setzen wird und es einigen Kadern im Private Banking und Wealth Management an den Kragen geht», sagt ein weiterer Kenner der Verhältnisse. «Und Hans-Ulrich Meister ist schon länger angezählt.» Viele würden damit rechnen, dass Thiam die Führung der Division austausche, um ein Zeichen an die Aktionäre zu senden.

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Hans-Ulrich Meister selbst hört sich die Spekulationen um seine Person zwar an, will sie aber nicht kommentieren. Aber für den Fall, dass seine Arbeit in den nächsten Monaten eher unangenehm wird, könnte ihm sein neuer Chef Thiam ebenfalls ein Bob-Marley-Zitat ans Herz legen: «Get up, stand up! Don’t give up the fight!»