Zahlreiche Untersuchungen zeigen, dass gegen 90 Prozent der Arbeitnehmer wenig emotionale Bindung zu ihrem Arbeitgeber haben – doch es gibt Ausnahmen. Seit vier Jahren versucht das international tätige Great Place to Work Institute herauszufinden, welche Arbeitgeber in der Schweiz die besten Arbeitsplätze anbieten. Überdurchschnittlich häufig gewinnen Unternehmen aus dem Informationstechnologie-Sektor. So auch dieses Jahr.

Von den sechs Medaillen gehen ganze fünf an IT-Firmen. Bei den grossen Arbeitgebern sind es Cisco, Microsoft und Accenture, bei den mittelgrossen NetApp, Paninfo und – Überraschung – eBay (nicht IT). Warum bloss sollen gerade IT-Firmen so hervorragende Arbeitgeber sein?

Dazu gibt es zwei Theorien. Erstens weil sie konstant modern und aufgeschlossen sein müssen. Wer nutzerfreundliche Technologien schafft, muss sich mit den Bedürfnissen der Anwender auseinandersetzen und dabei ganz allgemein an seinen Mitmenschen interessiert sein. Dazu gehören offenbar auch die Angestellten, diejenigen also, die solche Produkte entwickeln sollen. Geht es ihnen gut, entwickeln sie gute Produkte.

Die zweite Theorie ist prosaischer. Da die Konkurrenz riesig ist, muss man den fähigen Leuten eine anständige Umgebung bieten, sonst laufen sie weg. Bis 2015 rechnet man im ICT-Sektor mit 32000 freien Stellen.

Aus den USA importiert

Matthias Mölleney, Leiter der Centers für HRM & Leadership an der HWZ, Präsident der Zürcher Gesellschaft für Personal-Management und Inhaber einer Beratungsfirma, war in seinem früheren Leben Personalchef der Swissair. Er hat noch eine andere Erklärung: «Das hängt vermutlich damit zusammen, dass die Mehrzahl der führenden IT- und übrigens auch Biotech-Unternehmen ihren Ursprung in den USA hat. Dort hat der Fokus auf die Qualität als Arbeitgeber eine längere Tradition als bei uns. Nicht von ungefähr wurde das Great Place to Work Institute in Amerika gegründet.»

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Gemäss dieser Definition ist ein «Great Place to Work», ein ausgezeichneter Arbeitsplatz, vor allem einer, bei dem zwischen Angestellten und Management ein Vertrauensverhältnis besteht. Zweite Bedingung ist, dass die Mitarbeitenden stolz sind auf das, was sie tun, und drittens, dass sie gerne mit ihren Kollegen zusammenarbeiten.

Bei der wie schon im letzten Jahr bestplatzierten Cisco kennt der neue Schweizer Chef Christian Martin die Gründe für den Erfolg: «Neben der modernen Technologie sind dies die gute Vereinbarkeit von Familie und Beruf, das Arbeiten bei einem Marktführer mit flachen Hierarchien in internationalen Teams und die Diversity. Und vor allem das gegenseitige Vertrauen.» Daniel Bachofner, Direktor von NetApp Schweiz erklärt sich das anhaltend gute Abschneiden seiner Firma so: «Die offene Kommunikation und die stetige Anlehnung an die heutige Lebens- beziehungseise Arbeitssituation passt vielen Arbeitnehmern. Das Stichwort heisst Work-Life Balance.» NetApp hat in der Kategorie der mittelgrossen Firmen dieses Jahr am besten abgeschlossen, war 2011 im Gesamtklassement auf dem zweiten und 2010 auf dem ersten Platz.

Mitarbeitende sind mehr als Kosten

«Bei Microsoft sind die Arbeitskultur und unsere flexiblen Arbeitsformen die grössten Treiber für die Mitarbeiterzufriedenheit», sagt Petra Jenner, die CountryGeneral-Managerin bei Microsoft, die auf Rang zwei der Grossfirmen abgeschlossen hat, nach dem vierten Platz im Vorjahr.

Dass die Firmenkultur und die Mitarbeiterförderung unabdingbar sind, um in der Belegschaft zu punkten, weiss auch Matthias Keller. Er ist Geschäftsführer von Paninfo, die bei den mittelgrossen Firmen auf Platz zwei steht. «Aus mei-ner Sicht haben wir eine tolle Teamkul-tur, entscheiden schnell und pragmatisch, und es ist mir sehr wichtig, dass sich meine Kolleginnen und Kollegen bei uns kontinuierlich weiterentwickeln können.»

Ebenso sieht es Renata Cavegn, die Marketing- und Kommunikationschefin von Accenture in Zürich: «Für uns haben Mitarbeiterzufriedenheit, Kollegialität und Weiterbildung einen hohen Stellenwert. Alle bei uns Beschäftigten können ihre Karriere aktiv mitgestalten.»

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Fünf von sechs Firmen auf den jeweils ersten drei Podestplätzen kommen aus dem IT-Sektor. Der erste Ausreisser ist die Handelsplattform eBay. Alexander von Schirmeister zieht dennoch zahlreiche Parallelen. «Vielleicht liegt es daran, dass ein eCommerce-Unternehmen wie eBay ähnlich ‹jung und dynamisch› ist wie viele der IT-Unternehmen», sagt der Marketingleiter eBay Europa am Standort Zürich.

Konkret heisst das für ihn: «Flache Hierarchien, ein starkes Teamgefühl, Internationalität, viel Verantwortung auch für junge Mitarbeiter, informelle Umgangsformen und zeitgemässe Ansätze in Sachen Work-Life Balance und Gesundheitsmanagement.»

Die Preisverleihung findet statt am 8. Mai 2012 um 15 Uhr in der HWZ Zürich. Informationen und Anmeldung: dstabile@greatplacetowork.ch

 

Interview mit Matthias Mölleney: «Echtes Interesse an der Person ist nötig»

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Wann ist ein Arbeitsplatz ein guter Arbeitsplatz?
Matthias Mölleney: Vor allem dann, wenn er für die Zielgruppe attraktiv ist. In den meisten Fällen ist dabei die Frage nach der Reputation des Arbeitgebers besonders wichtig, das heisst, ob ich einerseits diesem Arbeitgeber vertrauen kann und andererseits, ob ich mich dort persönlich und fachlich entwickeln kann. An zweiter Stelle folgt die Frage nach den Arbeitsinhalten. Entsprechen sie meinen Fähigkeiten, sind sie sinnvoll und kann ich mich persönlich damit identifizieren? Drittens ist das Umfeld des Arbeitsplatzes wichtig. Damit meine ich vor allem die Kultur und die Qualität der Führung.

Wann ist ein Arbeitgeber wirklich gut?
Ganz einfach gesagt, ist die wichtigste Voraussetzung, dass der Arbeitgeber grossen Wert darauf legt, ein guter Arbeitgeber zu sein. Denn dann wird er in gute Führung investieren, für ein gutes Vertrauensverhältnis zwischen Geschäftsleitung und Belegschaft sorgen, und zwar in beide Richtungen. Zudem wird er sich an der Qualität seiner Arbeitsplätze messen lassen.

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Wie viel macht der direkte Vorgesetzte aus bei der Beurteilung der eigenen Zufriedenheit, wie viel der grosse Rest?
Der direkte Vorgesetzte macht extrem viel aus. Es gibt Studien, die festgestellt haben, dass 80 Prozent der Kündigungen seitens der Mitarbeiter erfolgen, weil sie mit ihren Vorgesetzten unzufrieden sind. Der Schlüssel auf dem Weg zu einem «Great Place to Work» liegt in der Qualität der Führung. Unternehmen, die immer die besten Fachleute zu Vorgesetzten machen, werden nie ein guter Arbeitgeber. Besser machen es jene, die wirklich jene Mitarbeiter fördern, die am besten begabt sind, andere Menschen zu führen.

Was kann der direkte Vorgesetzte dazu beitragen, dass seine Leute zufrieden sind?
Führungskräfte, die ihren Job gut machen wollen, müssen sich zunächst einmal für ihre Leute interessieren. Daraus muss eine wertschätzende Haltung entstehen. Wertschätzung kann man nicht mit einem täglichen Lob erledigen. Sie bedingt ein echtes Interesse an der Person des unterstellten Mitarbeiters, dann erst trägt sie zu einer wirklichen Zufriedenheit bei, welche auch anhält.

Matthias Mölleney, Leiter der Centers für HRM & Leadership an der HWZ, Zürich

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