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Frust
Bradley Birkenfeld: Das Rachebuch hat Konjunktur

Ex-Mitarbeiter rechnen immer wieder via Buch mit ihrem früheren Arbeitgeber ab. Als Nächstes trifft es die UBS: Der frühere Top-Manager Bradley Birkenfeld packt in seinem Werk über Interna aus.

Von Stefan Mair
am 22.08.2016

Bradley Birkenfeld kündigt seinen nächsten Nadelstich gegen die Schweizer Grossbank UBS genüsslich an. In einem Interview mit «Le Temps» erklärte er: «Die UBS weiss nicht, was ich über sie weiss. Ich kann alles belegen, was ich sage. Das ist es, was der UBS nicht gefällt.»

Anfang Oktober, kurz vor den amerikanischen Präsidentschaftswahlen, soll das Buch «Lucifer's Banker» für viel Wirbel sorgen und sich vor allem gut verkaufen.

Eigenes Literaturgenre

Birkenfeld sieht sich als Ritter einer guten Sache, als Aufklärer in einem korrupten und korrumpierenden System. Nebenbei soll es eine Art Reinwaschung sein – immerhin war er selber Teil des Systems, das er anprangert.

Dass Mitarbeiter nach dem Muster Birkenfeld mit ihrem früheren Arbeitgeber abrechnen, ist nichts Neues. Das Genre der Abrechnungsliteratur von Frustrierten, Gekündigten und plötzlich Geläuterten füllt inzwischen Buchregale.

Wall Street als besonders guter Nährboden

Keine Firma ist vor frustrierten Ex-Mitarbeitern sicher. Der Möbelhersteller Ikea musste sich genauso mit einem Mitarbeiter-Pamphlet auseinandersetzen wie der Billigdiscounter Aldi. Die Versicherung Ergo bekam ihr Lustreisen-System von einem Ex-Mitarbeiter in Buchform präsentiert, Aussteiger aus der Startup-Szene verdammen das Silicon Valley als Kartell von Sex, Macht und Drogen.

Am meisten Abrechnungsbücher wurden von ehemaligen Bankern an der Wall Street geschrieben. Dort werden grassierender Sexismus, masslose Gier und moralfreie Geldvermehrung angeprangert.

Lange Tradition

«Wall Street Poker» von Michael Lewis, das die Exzesse der Wall Street während des Booms der 1980er-Jahre beschreibt, gehört genauso zu den ersten Abrechnungsbüchern wie «On a clear day you can see General Motors» von John DeLorean, das den Abstieg des Autobauers in den 1970er-Jahren beschreibt.

«Opening Belle» von Maureen Sherry beschreibt die Arbeit in einem Handelsraum in New York vor dem Ausbruch der Finanzkrise, Übergriffe auf Mitarbeiterinnen inklusive.

Pauschale Vorwürfe

Firmen sind auf die Bücher der ehemaligen Mitarbeiter meist nicht vorbereitet. Einige zögern sogar mit Klagen gegen den Enthüllungsautor, weil sie sich nicht auf eine Schlammschlacht vor Gericht einlassen und damit dem Buch noch mehr Publizität verschaffen wollen.

Oft sind die Vorwürfe auch so umfassend und pauschal, dass sie an Glaubwürdigkeit verlieren. So wirft etwa Johan Stenebo, der das Abrechnungsbuch über Ikea geschrieben hat, der schwedischen Möbelfirma Täuschung, Bespitzelung, Nazismus, Rassismus, Urwaldrodung, Tierquälerei, Kinderarbeit und Steuerflucht vor.

Aldi-Enthüller Andreas Straub attestiert dem Discounter «Arbeitsdruck, Einschüchterung, Willkür, Entlassungen als Personalpolitik, perfide Überwachungsmethoden, Spitzeleien, Kostendruck und umfassende Kontrollen.»

Ohne Geheimnistuerei

Wie viele Vorwürfe aus einer persönlichen Frustration gespeist sind und welche Vorwürfe tatsächlich belegt sind, bleibt oft unklar. In vielen Büchern gibt es Andeutungen und anonymisierte Stimmen.

Birkenfeld hingegen verspricht in seinem Buch grösstmögliche Klarheit. Er will die Namen von «Peps, Milliardären und Millionären» nennen. Als Peps gelten politisch exponierte Persönlichkeiten, die mit der Grossbank zusammengearbeitet haben.

Vermarktungsprofis in eigener Sache

Wie viele Buchautoren neigen auch die Enthüllungsschriftsteller zur Selbststilisierung. Und machen aus ihrer neuen Tätigkeit ein einträgliches Geschäftsfeld. Bradley Birkenfeld lobt sich mit dem Slogan, dass er das Schweizer Bankgeheimnis im Alleingang zu Fall gebracht habe, und wirbt offensiv damit, weitere Regierungen beim Aufspüren von Steuersündern zu beraten. Johan Stenebo gründete inzwischen ein Beratungsunternehmen.

Besonders im Trend liegen momentan jene Bücher, die mit der boomenden Startup-Szene abrechnen. Dan Lyons beispielsweise beschriebt in seinem Werk «Disrupted» seine negativen Erlebnisse in der «Startup-Bubble».

In den Startup-Abrechnungsbüchern wird relativ glaubwürdig und frisch von den Irrwegen einer Boombranche erzählt. Beispielsweise vom naiven Glauben der jungen Mitarbeiter, sie könnten die Welt verändern, während sie in Wirklichkeit mit B2B-Software hausieren gehen, wie das «Harvard Business Review» genüsslich rezitierte.

Startup-Gründer rechnen ab

Zudem wird die skandalöse Altersdiskriminierung in der Technikwelt angeprangert. So seien neue Schreibtische für ältere Mitarbeiter nicht mit einem Stuhl, sondern mit einem Gymnastikball ausgestattet.

Startup-Machos trafen sich nach den Erzählungen von Dan Lyons jeden Mittag in der Lobby zu einem Liegestützenwettbewerb. Wer sich bei Halloween nicht verkleidete, galt als Aussenseiter in der halb infantilen, halb grössenwahnsinnigen Welt.

Rat an die Grossbank

Wie viele Rachegelüste Bradley Birkenfeld durch sein Werk «Lucifer's Banker» befriedigen können wird, bleibt abzuwarten. Die PR-Abteilung der Grossbank dürfte jedenfalls schon dabei sein, sich auf das Pamphlet ihres wohl unbeliebtesten Ex-Mitarbeiters vorzubereiten.

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