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Ausblick
Bremst die WM Brasiliens Wirtschaft aus?

Public Viewing «Estilo Brasileiro»: Ökonomen fürchten wegen der WM um Brasiliens Wirtschaft. (Bild: Keystone)

Wegen der Fussball-Weltmeisterschaft droht Brasiliens ohnehin schon darbende Wirtschaft 2014 noch schwächer zu wachsen – nicht nur wegen Sonderfeiertagen. Was passiert erst, wenn das Land gewinnt?

Veröffentlicht am 30.12.2013

Die Fussball-Weltmeisterschaft dürfte 2014 für die Brasilianer zu einem Party-Jahr machen. Doch ob dies auch die schwächelnde Wirtschaft des wichtigen Schwellenlandes in Feierstimmung bringen wird, ist völlig unklar. Optimisten hoffen zwar auf Impulse durch einen Bauboom rund um das Turnier und den Besuch von 600.000 Touristen. Doch zugleich drohen Rückschläge, weil die WM und andere Grossereignisse viele Beschäftigte ungewöhnlich lange von der Arbeit abhalten könnten. Die Frage ist: Geht die grosse Fete auf Kosten der Konjunktur?

Manche Ökonomen halten dies durchaus für möglich. Im schlimmsten Fall, so rechnet Andre Perfeito von Gradual Investimentos in Sao Paulo vor, könnte die Wirtschaftsleistung im kommenden Jahr um 0,3 Prozentpunkte geschmälert werden. Das würde sich bei einem erwarteten Wachstum von kaum zwei Prozent spürbar auswirken. Andere halten Perfeitos Schätzung für übertrieben und verweisen auf die Vielzahl an Einflussfaktoren. Diese machten Prognosen «extrem kompliziert», sagt Volkswirt David Beker von der Bank of America Merrill Lynch. Unstrittig ist jedoch, dass der brasilianische Kalender für 2014 auffällige Besonderheiten bietet. Diese könnten zu merklichen Produktivitätseinbussen führen, warnen Analysten und Wirtschaftsvertreter. Um dies auszugleichen, dürften manche Industriebetriebe die Produktion zu Jahresbeginn beschleunigen, sagt Analyst Beker voraus.

Freudentaumel oder kollektive Lähmung?

Dann jedoch wartet die erste Herausforderung: der Karneval, der sich in Brasilien traditionell an die im Januar ablaufenden Sommerferien anschliesst. 2014 ist er erst am 4. März zu Ende – rund drei Wochen später als im ablaufenden Jahr. Das ist insofern von Bedeutung, als die Betriebe nach Auffassung vieler Brasilianer erst dann wieder richtig auf Touren kommen, wenn der Karneval vorüber ist. Davor sind Geschäftstreffen schwer zu organisieren, und die Arbeit läuft vielerorts auf Sparflamme.

Am 12. Juni wird die heiss ersehnte WM angepfiffen, die erste in Brasilien seit 1950. Wenn die eigene Nationalmannschaft antritt, dürfte in dem fussballverrückten Land gar nichts mehr gehen. Üblicherweise bleiben Büros und Fabriken dann geschlossen, damit die Beschäftigten sich die Spiele im Fernsehen anschauen können. Die Partien der anderen Mannschaften dürften viele an ihrem Arbeitsplatz heimlich auf Computern und Smartphones verfolgen.

Was passiert, wenn Brasilien Weltmeister wird?

Hinzu kommt ein neues Gesetz, das den Bundesstaaten, in denen sich die zwölf WM-Städte befinden, Sonderfeiertage einräumt, um an Spieltagen einen reibungslosen Ablauf zu ermöglichen. Spötter warnen ferner, dass sich die Brasilianer bereits im Mai nicht auf den Job konzentrieren können vor lauter fiebriger Erwartung. Auch den Juli könne man vergessen, denn dann feiere das Land entweder ausgiebig seinen sechsten WM-Titel oder befinde sich im Fall eines Misserfolgs in kollektiver Lähmung. Im Oktober steht die Präsidentenwahl an. Die Abstimmung ist für den 5. geplant. Sollte keiner der Kandidaten mehr als 50 Prozent der Stimmen erhalten, kommt es am 26. zu einer Stichwahl. Obwohl Amtsinhaberin Dilma Rousseff bislang als deutliche Favoritin gilt, wollen manche Firmenlenker mit ihren Investitionsentscheidungen warten, bis Klarheit herrscht.

Ein im Internet kursierender ironisch gemeinter Kalender markiert darüber hinaus die Ferienmonate April und Dezember als arbeitsfreie Zeit. Unterm Strich – so die Schlussfolgerung der Spassvögel – müssen die Brasilianer also nur im August, September und November richtig schuften. Paulo Motta, Chef der Einzelhandelsgewerkschaft im Bundesstaat Bahia, findet das nicht witzig. «Ich habe viele Leute gehört, die sagen, dass 2014 ein verlorenes Jahr wird», berichtet er. «Das ist absurd, aber wenn die Leute anfangen, es zu glauben, dann könnte es wirklich so kommen.»

(reuters/moh/se)

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