Investmentbanker Jim O'Neill hat sich in der Finanzbranche als Erfinder des Schwellenländer-Kürzels BRIC – für Brasilien, Russland, Indien und China – einen Namen gemacht. Im vergangenen Monat hatte der heute 55-jährige oberste Vermögensverwalter seinen Rückzug von Goldman Sachs bis spätestens Jahresende angekündigt.

«Es ist an der Zeit, ein neues Leben da draussen zu erkunden», gibt O'Neill im Interview mit «Spiegel Online» zu Protokoll. Wohin es ihn verschlagen wird, lässt sich der Brite aber nicht entlocken.

Dass sein Arbeitsgeber Goldman Sachs immer wieder im Kreuzfeuer der Kritik steht und erst kürzlich von Greenpeace mit dem Schmähpreis «Public Eye Award» als «übelstes Unternehmen des Jahres» ausgezeichnet worden ist, kann O'Neill sogar nachvollziehen: «Ich bin der Meinung, die Kritiker haben in einigen Punkten recht.» Die Bank habe sich in der Vergangenheit teilweise nicht verantwortungsvoll genug verhalten.

Abkopplung von der realen Welt

«Manche von uns haben nicht begriffen, dass unsere Geschäfte für die gesamte Menschheit Auswirkungen haben», so O'Neill. «Sie tun so, als könnte man sich von der realen Welt abkoppeln.»

Der auch in der Schweiz immer wieder diskutierten Gedanken, das Investmentbanking vom herkömmlichen Bankgeschäft abzutrennen, stösst beim Goldman-Sachs-Banker auf Zustimmung – er bezeichnet eine solche Trennung als sinnvoll. «Investmentbanking ist etwas ganz anderes als Commercial Banking.» 

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Kein Verständnis für Lohnexzesse

O'Neill spricht sich im Interview gegen eine jährlich variable Erhöhung der Boni aus. «Das frühere Partnerschaftsmodell hat gut funktioniert. Da ging das Geld auf ein Kapitalkonto, auf dem sich der Wohlstand sammelte, bis man eines Tages in den Ruhestand ging. Exzesse muss man bekämpfen.»

Sich selbst bezeichnet der CEO von Goldman Sachs Asset Management «als Aussenseiter in meinem Beruf» – viele seiner Bankkollegen wüssten gar nicht, dass es ein Leben jenseits ihres Jobs und jenseits ihrer Gehaltsklasse gäbe. «Ich fahre in London U-Bahn», so O'Neill – und weiter: «Ich treffe mich regelmässig mit Fussballfans in Pubs.»

(vst/aho)