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Büro der Zukunft: Büronomaden im Treibsand

Ruhezone bei Google Zürich: Ist morgen alles ganz anders – oder etwa doch nicht?

Neue Konzepte bieten mobilen Wissensarbeitern theoretisch das Optimum. In der Praxis wird sich wenig ändern.

Von Thomas Pfister
am 21.12.2012

Lieblose Glas- und Betonbunker mit tristen Grossraumflächen prägen die heutigen Geschäftsquartiere. Nur dank des Logos des Arbeitgebers an den verglasten Fassaden findet der Arbeitnehmer seinen austauschbaren Arbeitsplatz. Oder dank der Navigationsapp im Smartphone. Wie gute Büros aussehen müssten, wäre eigentlich bekannt. Trotzdem arbeiten geschätzte zwei Millionen Schweizer Büroinsassen in einem suboptimalen Arbeitsumfeld. Was sich daran bis 2023 geändert haben könnte, lässt sich an fünf Trends zur Zukunft der Arbeit ablesen.

Arbeit von überall

Die Wissensarbeit verlagert sich vom plastikfournierten Schreibtisch in den virtuellen Raum. Cloud Computing und mobile Endgeräte ermöglichen noch flexiblere Arbeitszeiten. Immer mehr Menschen sind immer online und somit jederzeit und überall fähig zu arbeiten. Der klassische 9-17-Job ist Vergangenheit, die feste Lebensarbeitszeit von 18 bis 65 Jahren ebenfalls. Und das nicht nur, weil das Pensionsalter dann höher liegen wird.

Die Trendforscher gehen davon aus, dass flexible, individualisierte Arbeitsund Lebensmodelle mit einer Vielzahl von Teilzeit- und Auszeit-Modellen für immer breitere Gruppen zur Realität werden. Die Grenze zwischen Arbeitsund Freizeit verschwimmt zusehends. Schon heute kann gut ein Viertel der Beschäftigten in der Schweiz seine Arbeitszeit frei einteilen. In Zukunft werden noch weniger Arbeitnehmer täglich ins Büro kommen. Viele werden gar keinen festen Arbeitsplatz mehr haben

Die privilegierten Mitarbeitenden der Zukunft haben dank Smartphone und Laptop ihr Arbeitsmaterial immer dabei – wie schon Ötzi Pfeil und Bogen. Sie können im Prinzip arbeiten, wann und wo sie wollen. Schon heute sitzen nur noch vier von zehn Arbeitnehmer immer am selben Schreibtisch. 22 Prozent der Berufstätigen arbeiten von zu Hause aus oder an wechselnden Tischen in der Firma. Wenig Sinn machen mobile Arbeitsplätze überall dort, wo erhöhte Sicherheit gefragt ist, wo viel mit Papier und Dossiers gearbeitet wird, also etwa im Personalbereich.

Einzelbüros sterben aus

Für die Firmen bedeutet die Mobilisierung der Arbeit einen massiv reduzierten Bedarf an Bürofläche. Das spart Kosten. Es ist wie beim Wohnen. Wo früher die Villa im parkähnlichen Umschwung stand, stehen heute vier verdichtete Wohnklötze mit integrierter Spiel- und Mehrfachnutzfläche für die 360 Bewohner. Optimale Raumnutzung und Flächenbewirtschaftung kommt vor Freiraum. Beispiel Finanzbranche: Im europäischen Querschnitt beträgt die Auslastungsquote der Arbeitsplätze lediglich 50 Prozent. Das heisst, jeder zweite Arbeitsplatz steht leer. Das bietet Optimierungspotenzial ohne Ende.

Die meisten Arbeitsforscher sehen daher den Tod des Statussymbols Einzelbüro voraus. Das bedeutet gleich doppelte Kostenersparnis. Denn wer alleine arbeitet, bringt nach Angaben des renommierten amerikanischen Wissenschaftsmagazins «Nature» bis zu 60 Prozent weniger Leistung.

Grossraumbüros werden kleiner

Die Zukunft gehört dem kreativen Büro, in dem Projektgruppen «flexibel und teamorientiert kommunizieren» – so das zusammengefasste Credo der Bürovisionäre. Der persönliche Arbeitsplatz weicht dem «nonterritorialen Office ». Das heisst nicht nur kein Einzelbüro mehr, sondern nicht mal mehr ein eigener Schreibtisch. Mitarbeitende suchen, ausgestattet mit Wägelchen und Laptop, täglich von neuem ihren Platz in den Bürolandschaften. Fortschrittliche Raumkonzepte lösen die klassischen Grossraumwüsten ab, in denen heute Dutzende von Personen höchstens durch Stellwände und Büropflanzen voneinander getrennt sind. Die Tendenzen sind klar, doch durchsetzen werden sie sich kaum auf breiter Ebene – insbesondere nicht bei Klein- und Mittelbetrieben.

Alles fürs Wohlbefinden

Das Stichwort «Wohlfühloase» treibt den gestrengen Patrons alter Schule zwar die Zornesröte ins Gesicht, schliesslich bezahlen sie die Löhne nicht fürs Herumsitzen. Doch wer sich am Arbeitsplatz wohlfühlt, ist nach Angaben des Stuttgarter Fraunhofer-lnstituts für Arbeitswirtschaft und Organisation um bis zu 54 Prozent produktiver. Als Vorzeigebeispiel gilt Google mit Gratisessen, Gratis-ÖV, Massage- und Relaxliegen, Fitnessstudio, laptopfreien Wellnessräumen, verspielten, kreativen, überraschenden Raumkonzepten, tobenden Kindern und frei laufenden Hunden.

Auch bei Informationstechnologiekonzernen wie Cisco in Wallisellen haben die Büronomaden ohne eigenes Fixpult nicht nur die Wahl zwischen offenen oder halboffenen Schreibtischen oder je nach Lust auch Stehpulten. Mediziner empfehlen übrigens, ein Viertel der Arbeitszeit im Stehen zu verbringen. Der grosse Rest der Bürofläche verteilt sich auf grosse und kleine, meist variable Sitzungs- und Seminarräume, auf freundliche Doppel- oder Einzelnischen, Schallschutzsessel, Glasterrarien, Strandkörbe und andere individuelle Arbeits- und Rückzugsmöglichkeiten, wo jeder jederzeit seinen Laptop anschliessen und arbeiten oder telefonieren kann.

Grossbanken wie die Credit Suisse haben Bereiche mit dicken Perserteppichen und tiefen Sofas, Kaffeeautomaten, gedämpfter Beleuchtung und üppiger Pflanzenausstattung. Fürs konzentrierte Arbeiten gibt es auch Flächen, in denen Sprechen und Telefonieren verboten sind. «Weitsichtige Unternehmen haben längst verstanden, dass die effiziente Nutzung von Büroflächen nichts mit dem Verdichten von Arbeitsplätzen gemein hat», erklärt Martin Kleibrink, welcher als Architekt für die Grossbank arbeitet.

Wider die Störenfriede

Räume, in denen mehrere Menschen gleichzeitig arbeiten, können krank machen. Das sogenannte Sick- Building-Syndrom fordert viele Opfer – solche, denen es zu trocken oder zu feucht, zu warm oder zu kalt ist. Oder zu laut. Eine Untersuchung der deutschen Bundesanstalt für Arbeitsschutz zeigte, dass die Fehlerhäufigkeit durch einen erhöhten Geräuschpegel sich mehr als verdoppelt. Damit es nicht zu laut wird in den Beton- und Glaspalästen, werden immer neue Schall absorbierende Materialien entwickelt, die man an den Wänden, an Raumteilern oder an den Schränken anbringen kann.

Ernüchternde Quintessenz

In vielen Betrieben und Branchen wird sich bis in zehn Jahren trotz aller Visionen wenig geändert haben. Für die Wissensarbeiter in global tätigen oder fortschrittlichen Firmen mit entsprechender Kultur und Wertschätzung könnten sich hingegen enorme Veränderungen im Arbeitsumfeld ergeben.

Die rasante Entwicklung der Technik und die neuen, ungeahnten Freiräume, in denen sich Kreativität entfalten kann und trotz allem auch im Jahr 2023 Gewinn entstehen muss, bergen jedoch auch Gefahren: Nicht zuletzt jene, permanent abrufbar und einsatzwillig sein zu müssen. Bis man im Treibsand der Wohlfühloasen untergeht.

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