D ie Verspätung ist minim, aber sie kann für allerlei interessante Beobachtungen genutzt werden. Yvonne Lang Ketterer, CEO von Zurich Life Schweiz, lässt die Besucherin nicht in einem Vorzimmer schmoren, sie wird direkt in ihr Büro geführt. Theoretisch könnte man die Unterlagen auf dem Pult studieren, ja, sogar einen Blick auf das werfen, was im Papierkorb gelandet ist. Aber ungleich spannender und aussagekräftiger sind der knallrote Schutzhelm, ein paar Jonglierbälle, ein vertracktes Puzzle aus Delfinen und ein umwerfendes Bild im Stil der «Jungen Wilden».

Doch bevor sich aus diesen Requisiten Geschichten spinnen lassen, betritt die agil wirkende «First Lady of Zurich Life Switzerland», wie sie auch genannt wird, den Raum. «Das Bild gefällt Ihnen?», fragt sie. «Ach, das habe ich mit meinem Chef und einem Kollegen in einem Workshop rasch hingesudelt.» Den Rat, es möglichst teuer anzuschreiben und an der nächsten «Art Basel» auszustellen, findet sie prüfenswert. Dieses Gemälde hätte bestimmt alle Chancen, das Leiterwägeli von Beuys mit den drei alten Uniformen und zwei Backsteinen für eine schlappe Million zu übertrumpfen. Ihr Lachen ist ansteckend.

Braucht sie den Helm als Schutz vor der rauen Männerwelt? «Oh nein, ich kann mich auch ohne sehr gut behaupten.» Der Schutzhelm erinnert an ihren Abstecher an den Genfersee. Die Tochtergesellschaft von Zurich, die Genfer Versicherung, bei der sie im Rang eines Mitglieds der Geschäftsleitung für das Marktgebiet Deutschschweiz zuständig war, glich gerade einer Baustelle. Um die Köpfe der wertvollen Know-how-Träger zu schützen, mussten sie das Gebäude behelmt betreten.

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Viel gelernt in der Reisebranche

Und was ist mit den Jonglierbällen? Ein Mittel, um abzureagieren? «Das ist eine lange Geschichte», sagt Yvonne Lang Ketterer. «Diese Bälle mit den Begriffen Produkt, Schnelligkeit und Kunde bekamen wir in einem Seminar. Sie symbolisieren das angestrebte Gleichgewicht unserer Bemühungen um eine optimale Performance, wobei dieses Ziel am besten erreicht werden kann, wenn alle Bälle gleichzeitig in Bewegung sind und einander in einem Ganzen, eben beim Jonglierspiel, ergänzen.»

Dass sie mit diesen Bällen umgehen konnte, verdankt sie einer ihrer grossen Lebensschulen. Sie war während ihres Betriebswirtschaftstudiums und vor dem Eintritt bei Zurich Reiseleiterin bei Imholz. «Das hilft mir heute noch - in jeder Situation, mit der ich im Berufsleben konfrontiert bin.»

Um den Bogen zu den Bällen zu schlagen: Als die Hotelzimmer für eine grosse Reisegesellschaft in Ägypten nicht bezugsbereit waren, beschloss sie, Olympische Spiele zu veranstalten. «Es war ein Riesengaudi, jeder versuchte, den anderen zu übertrumpfen. Dort lernte ich jonglieren.» Manchmal tut sie es heute noch, um sich abzulenken. Genau so hält sie es mit dem eingangs erwähnten komischen Delfin-Puzzle. Beim Zusammensetzen habe sie ab und zu gute Ideen. Obwohl je länger, je mehr der Eindruck entsteht, dass die Ideen ihr von allein in den Sinn kommen.

Zielscheibe und Klagemauer

«Noch etwas hat mir sehr geholfen während dieser Zeit. Nicht nur der Umgang mit nörgelnden Kunden, auch die Position als Zielscheibe und Klagemauer für vieles, wofür man im Grunde genommen nichts kann, will gelernt sein. Seither habe ich ein grosses Verständnis für unsere Mitarbeitenden an der Front.» Als Reiseleiterin musste sie lernen, stets voraus zu schauen. Wenn sie ihre Gäste beobachtete, fiel ihr sofort auf, wenn jemand verstimmt war. Aus Erfahrung lernte sie, dass dieser Zustand irgendwann eskalieren würde. Daher versuchte sie, dem Ausbruch zuvorzukommen.

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Einen Einfluss auf ihr Verhalten hatte aber auch die Art, wie sie aufgewachsen ist. Nun mag man einwenden, diese Bemerkung sei banal. Nicht in diesem Fall: Ihr Vater war in einem weltweit präsenten Industriekonzern tätig. «Bei uns zuhause ging es international zu und her. Wir Kinder waren uns gewohnt, mit Gästen aus aller Herren Ländern zu speisen. Besonders in Erinnerung geblieben sind mir die Inder, welche in der Schweiz - damals noch - Mühe hatten, so zu essen, wie sie es sich gewohnt waren. Sie durften in unserer Küche ihre Mahlzeiten nach ihrem Gusto selber zubereiten. Das war für uns Kinder spannend.» Von da her rührt auch ihr unverkrampfter Umgang mit anderen Sitten.

«Das Angenehmste an meiner Chefin ist ihre Direktheit. Sie sagt sofort, was sie gut findet und was nicht. Wir wissen immer, woran wir sind», sagt Véronique Ducrot Zehnder, eine ihrer engsten Mitarbeiterinnen. Dazu kommentiert die Chefin: «Ja, das stimmt. Ich überlege auch nicht lange, ob mir das schaden könnte. Ränge können mich nicht beeindrucken, das war schon bei uns zuhause so», bestätigt Yvonne Lang Ketterer.

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Hat Ihnen Ehrlichkeit noch nie geschadet? «Möglicherweise schon», sagt sie. Jedenfalls scheint ihre Karriere dadurch nicht in Gefahr gewesen zu sein. Immerhin gehört sie zu den wenigen Schweizerinnen, die weder durch Geburt und «Hineinrutschen» ins väterliche Geschäft noch durch Heirat einen CEO-Posten bekommen haben. «Ach wissen Sie, eigentlich waren immer Zufälle im Spiel. So auch zuletzt. Mein Vorgänger Ivo Furrer wechselte in die Konzernleitung von Swiss Life, wo er Paul Müller als CEO Schweiz ablöste. Aber auch früher schon verdankte ich Karrieresprünge einer für mich favorablen Konstellation», sagt sie bescheiden.

Es muss mehr zu ihren Gunsten gewirkt haben als der Zufall. Sie ist eine eigenartige Mischung aus weiblichem Charme und beinahe maskulin wirkendem Durchhaltewillen. Nicht umsonst erwähnt sie diesen Charakterzug als ersten, wenn sie gefragt wird, wieso so wenige Frauen in den obersten Chefetagen anzutreffen sind. «Ich glaube, dass für viele das Fehlen dieser Eigenschaft zum Stolperstein wird.»

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Klarinettistin und Sportlerin

Wenn wir gerade beim Durchhaltewillen und seinem Pendant, dem Ehrgeiz, sind: Was hat sie sich auf die berufliche Fahne geschrieben? Yvonne Lang Ketterer muss sich keine Sekunde besinnen: «Bis 2012 wollen wir der grösste General-Insurance-Versicherer in der Schweiz werden, ohne dabei unsere Profitabilität aufs Spiel zu setzen. Wir wollen die Top-3-Position im Schweizer Einzelleben-Versicherungsmarkt einnehmen. Die rasante Entwicklung unseres Einzellebengeschäfts zeigt, dass wir dazu fähig sind. Mit der Sammelstiftung Vita wollen wir die führende Position für Kollektivlebensversicherer bei halbautonomen Stiftungen ausbauen. Im Mittelpunkt steht aber unser Wettbewerbsvorteil als global tätiger Schweizer Versicherer, der diesen Vorteil seinen Kunden in der Schweiz weitergeben wird.»

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Während des Gesprächs bleibt der Blick unvermittelt an Ordnern hängen, deren Beschriftung ganz und gar nicht in das Büro einer Versicherungsfachfrau passen will. «Musikharmonie Urdorf» steht darauf. Hat man richtig gelesen? «Ja natürlich», lacht sie. «Ich bin nicht nur Mitglied und spiele Klarinette und Fagott, sondern führe in der Harmonie auch die administrativen Geschäfte.»

Was gibt es sonst noch, das sie in ihrer Freizeit gerne tut? Es sind fast alle Sportarten, die man im Freien ausführen kann. Beim Kochen haben sich ihr Mann und sie «zweigeteilt». Er liebt es, stundenlang diesem Hobby zu frönen. «Ich mag alles, was möglichst schnell geht, das gilt speziell für die asiatische Küche.» Wo wird man fündig, wenn es um Laster geht? «Schwer zu sagen, es sei denn, meine Vorliebe für Whiskey zähle dazu», sagt sie beim Abschied.

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